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Atomkraft: Renaissance oder Niedergang?

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Unterschiedliche Sichtweisen

Je nach Betrachter werden der globale Status und die Perspektiven der Atomenergie unterschiedlich eingeschätzt. Während die Befürworter der Kernenergie in Politik und Wirtschaft auf eine Renaissance hoffen, glauben Atomkraftgegner einen Niedergang der Atomenergie zu erkennen. Beide Sichtweisen haben eine gewisse Berechtigung, je nachdem, welche Zahlen oder welche Weltregionen man ihnen zugrundelegt.

Zahlenspiele der IAEO

IAEA flag.png

Flagge der IAEO

Ein wichtiger Indikator für den weltweiten Status der Atomwirtschaft ist zunächst die Anzahl der aktiven Reaktoren, die von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zur Verfügung gestellt wird. Danach befinden sich derzeit 449 Reaktoren in Betrieb.[1] Allerdings hat die IAEO in ihrem Statut – neben der Kontrollfunktion bei Atomwaffen – das Ziel, die friedliche Nutzung der Atomenergie zu fördern. Aus diesem Grunde neigt sie dazu, die Anzahl der aktiven Reaktoren höher anzugeben, als sie in Wirklichkeit ist.

Laut IAEO sind in Japan 42 Reaktoren in Betrieb, in Wirklichkeit aber laufen derzeit nur drei: Sendai-1 und -2 sowie Ikata-3. Alle anderen 39 Reaktoren liegen seit der Fukushima-Katastrophe still.[2] Somit reduziert sich die Anzahl auf 410 aktive Reaktoren weltweit.

Auf 406 aktive Reaktoren kommen Mycle Schneider, Anthony Froggatt und Steve Thomas im Update des World Nuclear Industry Status Reports vom Januar 2017. In dieser Studie werden Reaktoren, die im Vorjahr und in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahr keinen Strom produziert haben, in der Kategorie "Long Term Outage (LTO)" geführt und nicht mitgezählt. Damit seien zwar zehn Reaktoren mehr in Betrieb als ein Jahr zuvor, aber deutlich weniger als im Jahre 2002, als mit 438 die meisten Einheiten weltweit am Netz waren.[3]

Angaben der IAEO zufolge sind derzeit weltweit 60 Reaktoren im Bau.[1] Im World Nuclear Industry Status Report wird allerdings darauf hingewiesen, dass viele davon seit Jahren im Verzug sind.[3]

Weltweiter Status

Während in Amerika und Europa die Anzahl der Atomkraftwerke zurückgeht und kaum mehr Neubauten zu verzeichnen sind, werden in wichtigen asiatischen Ländern und in Russland viele neue Anlagen gebaut.

In Amerika hat sich die Anzahl an Atomkraftwerken seit Jahren nicht mehr erhöht. In Nordamerika ist der Bestand an Reaktoren rückläufig. Die in den USA 2012 ausgerufene "atomare Renaissance" ist mit nur fünf überteuerten und um Jahre verspäteten Neubauten versandet. Wegen niedriger Energiepreise und mangelnder Rentabilität wurden fast alle Neubauprojekte aufgegeben. Mehrere Reaktoren wurden stillgelegt; vielen weiteren droht das vorzeitige Aus. In Mittel- und Südamerika haben einige Staaten nach Fukushima erklärt, auf die Einführung der Atomkraft verzichten zu wollen. Lediglich in Argentinien ist 2014 ein neuer Reaktor ans Netz gegangen, und in Brasilien ein zusätzlicher Block geplant.

Im Westen Europas gehen einzelne Reaktoren aufgrund langer Laufzeiten vom Netz. Deutschland, die Schweiz, Italien und Belgien haben sich nach Fukushima zum Atomausstieg entschlossen. 2014 haben die Schweiz und Belgien ihre Ausstiegsbeschlüsse allerdings weitgehend wieder zurückgenommen. Nur in Frankreich, Finnland und Großbritannien sind drei Neubauten zu verzeichnen. Frankreich hat jedoch im Juli 2015 ein Gesetz beschlossen, nach dem der Anteil des Atomstroms in einem Zeitraum von 10 Jahren von heute 75 % auf 50 % reduziert werden soll. Die meisten Staaten in Osteuropa möchten ihren Bestand an Atomkraftwerken zwar ausbauen, finden aber kaum mehr Investoren. Polen und Tschechien haben ihre Neubaupläne aufgrund zu hoher Kosten verschoben. In Russland werden neue Reaktoren gebaut; im Gegenzug sollen alte Blöcke stillgelegt werden. 2014 überstieg der Anteil des Windstroms am europäischen Energiemix zum ersten Mal denjenigen des Atomstroms.[4]

In Asien stehen 28 Neubauten in China, Indien und Südkorea 40 offiziell in Betrieb befindliche Reaktoren in Japan gegenüber, die in Wirklichkeit aber vom Netz genommen wurden.[2] 2015/2016 wurden in Japan sechs Reaktoren stillgelegt und drei wieder in Betrieb genommen.

Australien, Neuseeland und Ozeanien sind atomkraftfrei geblieben. In Afrika gibt es nach wie vor nur ein kommerzielles Atomkraftwerk in der Republik Südafrika, die ihre Ausbaupläne bis 2025 verschoben hat. Viele andere Staaten planten zwar einen Einstieg, bislang ist es aber bei Ankündigungen geblieben.

Informationen zur Atomkraft in fast allen Ländern der Erde sind über die Seiten → Atomenergie in Europa und → Atomenergie in außereuropäischen Ländern zu erreichen. Eine Liste aller Standorte mit aktiven Reaktoren und Links zu detaillierten Beschreibungen finden sich auf der Seite → Atomanlagen in Betrieb.

Vertrauensverlust nach Tschernobyl und Fukushima

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Atomkraftwerk Tschernobyl,
Block 4 im Sarkophag

Atomfreundliche Statistiker erzählten uns noch 1979, dass ein katastrophaler Atomunfall (GAU) nur alle 2 Mrd. Jahre möglich und damit faktisch ausgeschlossen wäre.[5] Die Realität zeigte, was diese Berechnungen wert waren: Die Katastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 lagen nur 25 Jahre auseinander.

Es sei darauf hingewiesen, dass sich zudem im Jahre 1957 ein schwerer Atomunfall in Majak (ehemalige Sowjetunion) ereignete sowie viele weitere Atomunfälle, bei denen die Welt zum Teil nur um Haaresbreite großen Katastrophen entging.

Der Ausbau der Atomkraft hatte vor dem GAU von Tschernobyl seinen Höhepunkt erreicht. Die meisten Starts von Neubauten waren mit 37 im Jahr 1970 und mit 44 im Jahr 1976 zu verzeichnen. Nach der Tschernobyl-Katastrophe kam der erste Einbruch. Es wurden von den Versorgern zunächst keine neuen Reaktoren mehr bestellt, und der Anteil der Atomenergie an der globalen Stromversorgung stagnierte.[6][7][8]

Im Zeitraum von 2006 bis 2010 planten die Staaten, die bereits Atomkraftwerke besaßen, einen Ausbau ihrer Kapazitäten, und viele Staaten ohne Atomkraftwerke kündigten einen Einstieg an. Es war von einer Renaissance der Atomkraft die Rede.[9][10]

Nach der Fukushima-Katastrophe wuchs in vielen Staaten der Widerstand der Bevölkerung gegen Atomenergie weiter – in Japan, aber auch in Europa, weswegen mehrere Staaten den Atomausstieg beschlossen.[6]

Die globale Atomstromproduktion nahm nach ihrem Höhepunkt Mitte der 1970er Jahren kontinuierlich ab. 2005 bis 2010 und ab 2012 stieg sie jeweils noch einmal an, erreichte aber nie mehr den früheren Stand.[11]

Der Anteil der Atomkraft an der globalen kommerziellen Energieerzeugung, der 1996 noch bei 17,6 % gelegen war, sank 2014 auf 10,8 %.[7]

Auch die Lobbyorganisation European Nuclear Society (ENS) räumt ein, dass sich die Atomindustrie in vielen Ländern seit 20 Jahren in einer Stagnation oder einem Niedergang befindet und nur geringe öffentliche Akzeptanz besitzt.[12]

Trend zu erneuerbaren Energien

Der Trend zu den erneuerbaren Energien und die Flaute bei der Atomenergie ist klar zu erkennen. Zwischen 2000 und 2013 wurden Ökostromanlagen mit einer Leistung von 854 GW in Betrieb genommen, was 854 Atomkraftwerken mit mittlerer Leistung entspricht. Bei Neubau und Leistung übertrafen die Kraftwerke mit erneuerbaren Energien 2013 zum ersten Mal alle konventionellen Kraftwerke (Kohle, Gas, Atom). Die Leistung von Solaranlagen hat sich von 2004 bis 2014 verfünfzigfacht (von 3,7 auf über 180 GW), die Leistung von Windanlagen im selben Zeitraum verachtfacht (47 auf 370 GW). Von Januar bis Juni 2015 erbrachten alle weltweit installierten Windräder zum ersten Mal mehr Leistung als alle Atomkraftwerke. Zwischen 2000 und 2012 flossen in erneuerbare Energien 57 %, in fossile 40 % und in Atomkraftwerke nur 3 % aller Neuinvestitionen.[13]

Die Staaten China, Germany, Japan, Brasilien, Indien, Mexico, die Niederlande und Spanien, die zusammen über drei Mrd. Menschen und damit 45 % der Weltbevölkerung repräsentieren, erzeugen 2015 mehr Energie durch erneuerbare Energien (ohne Wasserkraft) als durch Atomkraft.[7]

Billionenkosten für Atomunfälle, unvollendete Anlagen und Renovierung

Die volkswirtschaftlichen Schäden, die durch die zivile Nutzung der Atomkraft entstanden sind, summieren sich auf weltweit 1,018 Billionen US-Dollar. Darin enthalten sind Katastrophen und Unfälle, nie oder kaum genutzte Anlagen, gescheiterte Endlagerprojekte und Schäden durch den Uranabbau. Der Anteil Deutschlands liegt bei 150 Mrd. US-Dollar. Atomkraft kann somit als "größte Fehlinvestition aller Zeiten" angesehen werden.[14]

Für die Tschernobyl-Katastrophe werden Kosten von 200 Mrd. US-Dollar geschätzt, für den Fukushima-GAU 260 Mrd. US-Dollar. Eine Aufstellung der Kosten, die bei bisherigen Atomunfällen entstanden sind, findet man unter → tagesschau.de: Kosten von Atomunfällen - Fukushima, Tschernobyl und viele andere vom 11. März 2014.

Darüber hinaus werden nach Recherchen des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) bis 2030 geschätzte 1,1 Billionen Euro Investitionskosten für Renovierung oder Ersatzbau alternder Atomkraftwerke weltweit anfallen. Deutschland wird sich aufgrund des Atomausstiegs 82 Mrd. Euro Kosten dafür sparen.[15] Bei Ländern mit großem Bestand an alten Atomkraftwerken sind dies im Einzelnen: "USA (396 Mrd. Euro), Frankreich (213 Mrd. Euro), Japan (106 Mrd. Euro), Russland (76 Mrd. Euro), Kanada (43 Mrd. Euro)."[16]

Ohne Subventionen geht nichts

Der Aufstieg der Atomkraft nach 1945 konnte weltweit nur durch massive staatliche Förderungen erreicht werden.[17] So wurde die Atomkraft allein in Deutschland von 1950 bis 2010 mit über 200 Mrd. Euro subventioniert. → Subventionierung von Atomkraft

Die fehlende Rentabilität der Atomkraft ist ein Trend, der sich seit Fukushima verstärkt hat. Viele Konzerne wie RWE und Siemens sind deshalb aus der Atomkraft ausgestiegen. Solche, die daran festhalten, wurden von Ratingagenturen abgewertet. Der Chefstratege von RWE, Thomas Birr, begründet dies damit, das die Atomkraft "kostspielige Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten" mit sich bringt und erst nach 12 bis 15 Jahren Ertrag erwirtschafte. Im Gegensatz dazu können Wind-, Solar- und Biogasanlagen in kurzer Zeit und wesentlich kostengünstiger geplant und in Betrieb genommen werden, weswegen Strom aus erneuerbaren Energien deutlich günstiger erzeugt werden kann.[18]

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Olkiluoto III (Finnland): Acht Jahre Verzug, Verdreifachung der Kosten

Der Bau von Atomkraftwerken rechnet sich in liberalisierten Märkten aufgrund der gestiegenen Sicherheitsanforderungen schon heute nicht mehr, wie die Kostenexplosion bei den Neubauten in Frankreich (Flamanville) oder Finnland (Olkiluoto-3) zeigt. Nur in Ländern, die Staatsgelder investieren oder Garantien abgeben, wie in China und Russland, werden noch in größerem Maßstab neue Reaktoren gebaut.[19]

Dass Atomkraft nie rentabel war, bestätigen aktuelle Studien Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung[8], der Wiener Universität für Bodenkultur (BOKU).[20][21] und des Österreichischen Ökologie-Instituts im Auftrag der der Wiener Umweltanwaltschaft.[22]

Auch die Wiederaufarbeitung von Atommüll rechnet sich nicht. Großbritannien musste die Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield aufgrund mangelnder Leistung und Rentabilität schließen, und eine neue Atomfabrik in den USA/South Carolina hat mit explodierenden Kosten zu kämpfen. Diverse Länder, insbesondere Großbritannien, sitzen nun auf großen Plutoniumbeständen und haben keine Verwendung dafür.[23]

Wohin mit dem Atommüll?

Bislang gibt es auf der ganzen Welt zwar viele Endlager für schwach- und mittelradioaktive, aber noch kein einziges für hochradioaktive Abfälle. Die Endlagerung von hochradioaktivem Atommüll wird unkalkulierbare Zusatzkosten verursachen, die sich für einige Jahrzehnte verschleiern lassen, irgendwann aber ans Tageslicht kommen.

Ein Überblick über bestehende und geplante Endlager findet sich auf folgender Seite → Endlager für Atommüll weltweit.

Weblinks

→ World Nuclear Association: Country Profiles
→ Spiegel Online: Weltkarte - Diese AKW liegen in Erdbebengebieten vom 21. März 2011
→ Nuklearforum Schweiz: nuclearplanet

(Letzte Änderung: 04.02.2017)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: Power Reactor Information System (PRIS)
  2. 2,0 2,1 IAEO PRIS: Country Details/Japan abgerufen am 11. Januar 2014
  3. 3,0 3,1 worldnuclearreport.org: World Nuclear Industry Status as of 1 January 2017 vom 9. Januar 2017
  4. Kleine Zeitung: Windstrom überholt die Atomkraft vom 13. Februar 2015
  5. Sascha Adamek: Die Atomlüge. Heyne, München 2011, S. 27.
  6. 6,0 6,1 FR Online: Niedergang einer Technologie vom 10. März 2013
  7. 7,0 7,1 7,2 worldnuclearreport.org: The World Nuclear Industry Status Report 2015 vom Juli 2015
  8. 8,0 8,1 DIW: DIW Wochenbericht 13/2014 vom 26. März 2014
  9. un.org: General Assembly (GA/10771) vom 27. Oktober 2008
  10. Handelsblatt: Die Renaissance der Atomkraft vom 25. Februar 2009
  11. nzz.ch: Von einer Renaissance zur nächsten vom 15. November 2014
  12. ENS: Education & Training - Meeting the challenges abgerufen am 30. April 2014
  13. Spiegel Online: Weltweiter Wandel der Stromerzeugung: Das Ökozeitalter bricht an vom 29. Juni 2015
  14. WDR: Das Billionen-Dollar-Desaster vom 11. März 2014
  15. IWR.de: Kernkraftwerke werden älter – Ersatz kostet weltweit über eine Billion Euro bis 2030 vom 19. Oktober 2012
  16. stromtarife.de: USA schalten Atomkraftwerke ab vom 11. September 2013
  17. FR Online: Ohne Kontrolle, außer Kontrolle vom 5. September 2013
  18. Deutsche Welle: Atomkraft verliert langfristig an Bedeutung vom 12. Juli 2013
  19. Deutsche Welle: Atomexperte Schneider: "Atomkraft wird zu teuer" vom 12. Juli 2013 (Interview)
  20. ORF: "Nukleare Renaissance" unrealistisch? vom 12. April 2013
  21. BOKU: Das Projekt EHNUR – Inhalte und Ergebnisse abgerufen am 2. August 2013 (via WayBack)
  22. wua-wien.at: Positionen und Stellungnahme - Studie: Die wahren Kosten der Kernenergie (09/2013) abgerufen am 24. Juni 2015 (via WayBack)
  23. heise.de: Atomenergie: Renaissance oder teurer Ladenhüter vom 20. März 2013

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