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Atompolitik > Atompolitik in der ehemaligen DDR

"Blühende Zukunft – Kernenergie"

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Wilhelm Pieck

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Atomforschung im Osten Deutschlands zunächst zum Erliegen. Ursachen dafür waren die Abwanderung führender Atomwissenschaftler in den Westen, die Schließung von Forschungseinrichten wie der "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft" und die Deportation weiterer Wissenschaftler und technischer Geräte in die Sowjetunion. Auch schränkten die Kontrollratgesetze die wissenschaftliche Forschung stark ein. Dies änderte sich erst Mitte der 1950er Jahre, als das Besatzungsregime der Sowjetunion in der DDR beendet wurde.[1]

In die Regierungszeit von Wilhelm Pieck (Präsident 1949-1960) fielen die ersten Anfänge des Atomenergieprogramms der DDR.

Die friedliche Nutzung der Atomkraft wurde von der Führung der DDR nie grundsätzlich in Frage gestellt und schon früh in Parteitags- und Staatsratsbeschlüssen festgelegt. Sie war maßgeblicher Teil der nationalen Identität, sollte die Überlegenheit des Sozialismus repräsentieren und zum allgemeinen Wohlstand der Bevölkerung beitragen.[2]

Unmittelbar nach der UNO-Konferenz in Genf im August 1955 wurde mit einer systematischen Informationskampagne in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen versucht, der Bevölkerung die Angst vor dem "Schreckgespenst" Atom zu nehmen und diese für die friedliche Nutzung der Atomkraft zu begeistern.[3]

Am 11. Oktober 1955 fasste zunächst das Politbüro, am 10. November 1955 auch der Ministerrat einen Beschluss zur zivilen Nutzung der Atomkraft, zur Schaffung eines zentralen Forschungszentrums und eines "Amtes für Kernforschung und Kerntechnik" (AKK), vergleichbar dem kurz zuvor gebildeten Atomministerium in der Bundesrepublik.[4] 1955 wurde ein Abkommen mit der UdSSR geschlossen, und 1957 durch den Ministerrat der "Wissenschaftliche Rat für die friedliche Anwendung der Kernenergie" eingesetzt, der die Regierung beraten sollte.[5]

Die Ambitionen waren groß: "Etwa 20 Atomkraftwerke sollten bis 1970 ans Netz gehen, prognostizierte der stellvertretende Leiter des Amtes für Kernforschung und Kerntechnik 1957 in der SED-Zeitung "Neues Deutschland". "Blühende Zukunft – Kernenergie" lautete einer der Werbeslogans damals."[6]

Wie in westlichen Ländern hatte man kaum Sicherheitsbedenken: "Damals meinte man, Atomkraftwerke könnten in unmittelbarer Nachbarschaft zu großen Städten gebaut werden, da beim Betrieb der Reaktoren keine umweltschädlichen Abgase und Stäube freiwerden." Die Kernenergie sollte zu einer unerschöpflichen Energiequelle werden; man hoffte auch auf eine eigenständige Versorgung mit Kernbrennstoffen aus aufbereitetem Uran. Die DDR verfügte über große Uranerzvorkommen im Erzgebirge, die von der SDAG Wismut gefördert wurden.[5]
→ AtomkraftwerkePlag: Uranabbau in Deutschland

1956 wurde das Zentralinstitut für Kernphysik (ZfK) in Dresden-Rossendorf gegründet, das später in Zentralinstitut für Kernforschung (ZfK) umbenannt wurde. 1957 wurde der Rossendorfer Forschungsreaktor (RFR) in Betrieb genommen. Ab 1962 wurde im Rossendorfer Ringzonenreaktor (RRR), einer Eigenentwicklung der DDR, reaktorphysikalische Grundlagenforschung betrieben. 1969 kam die Rossendorfer Anordnung für kritische Experimente (RAKE) hinzu. → AtomkraftwerkePlag: Atomforschung/Dresden-Rossendorf

1962 wurde die Staatliche Zentrale für Strahlenschutz gegründet, die im Berliner Verwaltungsbezirk Lichtenberg im Stadtteil Karlshorst ansässig war und für Atomsicherheit und Strahlenschutz zuständig war. Diese Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde wurde 1973 in Staatliches Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz umbenannt. Ihre Aufgaben wurden nach der Wiedervereinigung von bundesdeutschen Institutionen übernommen.[7][8]

Reduziertes Atomprogramm nach 1962

Bundesarchiv Bild 183-J0619-0018-001, Berlin, 25. DDR-Staatsratsitzung.png

Walter Ulbricht

Nach der ersten Atomkonferenz in Genf 1955 war die DDR genauso wie die Bundesrepublik Deutschland dem internationalen Trend gefolgt, die friedliche Nutzung der Atomkraft voranzutreiben und Forschung und Technik massiv zu fördern. Aber schon 1962, unter Walter Ulbricht (Vorsitzender des Staatsrates 1960–1973), wurde das Atomprogramm wieder reduziert.

Die Energiekommission des Forschungsrats war zum Schluss gekommen, dass man den Energiebedarf bis 1970 ohne Atomkraft decken und deswegen die Investitionen herunterfahren könne. Damit wurde die Entwicklung an die begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten der DDR angepasst. Während zunächst noch eine Eigenentwicklung von Atomkraftwerken geplant war, auch in der Brütertechnologie, entschloss sich die Staatliche Plankommission Ende 1963 im Rahmen der Spezialisierung innerhalb des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe), statt dessen Anlagen komplett aus der Sowjetunion zu importieren. Nach Verhandlungen einigte man sich im Juni 1965 auf eine Arbeitsteilung, bei der die Sowjetunion als Generalunternehmer die Hauptverantwortung trug. 1965 lag auch ein erstes Kernenergieprogramm vor, in dem neben dem AKW 1 (Rheinsberg) und dem AKW 2 (Greifswald) die Nutzung weiterer thermischer Reaktoren und Schneller Brüter geplant waren, ohne dass dafür eine Eigenentwicklung nötig war.[9]

Im Regierungsabkommen mit der Sowjetunion 1965 wurde u. a. der Bau des Atomkraftwerks Greifswald/Lubmin beschlossen.[10] Man wählte den Standort in einer dünnbesiedelten Region und in einer Weise, dass radioaktive Wolken bei Unfällen durch den Westwind aufs Meer hinaus geweht werden sollten.[5]

1966 ging der Forschungsreaktor Rheinsberg in Betrieb, den die DDR aus der Sowjetunion importierte. Der Reaktor bezog seinen Kernbrennstoff aus der UdSSR. Er wurde zur Energieerzeugung verwendet, aber auch für Forschung und Ausbildung. → AtomkraftwerkePlag: Rheinsberg (Brandenburg)

1968 wurden Sicherheitsbedenken aus Politik und Wissenschaft gegen die Brüterforschung und den Brennstoffzyklus aufgrund des politisch bedenklichen und hochgiftigen Plutoniums laut. Daraufhin verabschiedete sich die DDR weitgehend aus der Brütertechnologie. Im gleichen Jahr begannen Planungen für eine Anlage zur "Refabrikation von Brennelementen", "Komplex 04" genannt, in dem Atommüll für den Schnellen Forschungsreaktor BOR-60 in der UdSSR wiederaufgearbeitet werden sollte. Am 6. Juni 1969 wurde das Vorhaben in einem Vertrag mit der Sowjetunion fixiert. In die Anlage, die 1977 in der UdSSR in Betrieb ging, investierte die DDR 160 Mio. Mark.[11]

Der radioaktive Atommüll wurde anfangs in der Sowjetunion aufbereitet und endgelagert.[5] 1970 wurde jedoch mit Morsleben ein eigenes Endlager ausgebaut, obwohl es von Anfang an Bedenken von DDR-Gutachtern wegen mangelnder Standfestigkeit gegeben hatte. → AtomkraftwerkePlag: Morsleben

Greifswald und Stendal: Missstände und Verzögerungen

Bundesarchiv Bild 183-M1025-335, Berlin, 5. DDR-Staatsratsitzung, Willi Stoph.png

Willi Stoph

Mit dem Baubeginn des Atomkraftwerks Greifswald (Lubmin) 1969 stieg die DDR in die Energieerzeugung durch Atomkraftwerke ein, mit dem Ziel, die Nutzung der Braunkohle zu reduzieren und die problematische Versorgungslage bei der Energieversorgung zu verbessern. 1973 trat die DDR der UNO bei und übernahm auch Aufgaben bei der IAEO.[12]

Während der Regierungszeit von Willi Stoph (Staatsratsvorsitzender 1973–1976) gingen der Block 1 (1973) und der Block 2 (1974) des AKW Greifswald (Lubmin) in Betrieb. Unter Erich Honecker (Staatsratsvorsitzender 1976–1989) wurden 1977 der Reaktor 3 und 1979 der Reaktor 4 in Betrieb genommen. → AtomkraftwerkePlag: Greifswald/Lubmin

Damit wurden 10 % des Energiebedarfs der DDR durch Atomkraft gedeckt. Bis Mitte der siebziger Jahre hielten sich noch die optimistischen Prognosen für eine große Zukunft der Kernenergie, man wollte neben thermischen Reaktoren auch Schnelle Brüter entwickeln. Die Hoffnungen verflüchtigten sich jedoch nach und nach, weil die DDR den Anteil von 10 % nicht mehr steigern konnte. Es stellte sich heraus, "daß die technischen Schwierigkeiten und die Sicherheitsprobleme bei der Verwirklichung der ehrgeizigen Atompläne unter- und die Wirtschaftlichkeit der Kernenergienutzung überschätzt wurden."[5]

1975 wurden vom Ministerrat noch einmal Anlagen zur industriellen Produktion von Brennelementen für die Sowjetunion, "Komplex 05" genannt, beauftragt und in einem Regierungsabkommen mit der UdSSR vereinbart. 1979 wurde die Ausführung jedoch von der Sowjetunion zurückgewiesen und anschließend von der DDR beendet. Bis 1980 waren 370 Mio. Mark umsonst investiert worden.[13]

Die unzureichende Sicherheitskonzeption der Sowjetunion führte in der Folge immer wieder zu Störfällen in Atomkraftwerken.[14] Ein Störfall in Greifswald führte zu einer partiellen Kernschmelze im Jahr 1989 und fast zu einem Super-GAU.

Der "Spiegel" wies in einem Artikel darauf hin, dass "Sicherheitsvorschriften "beinahe wahllos umgangen" wurden. Aus Störfällen zogen die Ingenieure keinerlei Konsequenzen, weder in der Anlage noch bei der Organisation der Arbeit. Unfallursachen beseitigten sie oberflächlich. (…) Noch schlimmer: Der Reaktorhersteller in der Sowjetunion mahnte schon 1984 die Betreiber seiner Atommeiler, die Anlagen umzubauen. Wegen der Sprödigkeit des Stahls dürfe im Notfall das kalte Kühlwasser nicht unvermittelt auf das heiße Material treffen, da dann die Gefahr eines Sprödbruchs erhöht werde. In der Sowjetunion befolgten die Kraftwerksbetreiber die Auflage und leiteten das Abkühlwasser um, in der DDR geschah nichts."[15]

Planungen für ein drittes Atomkraftwerk bei Stendal hatte es bereits 1970 aufgrund eines Ministerratsbeschlusses gegeben. Es waren vier Reaktoren mit einer Leistung von je 1.000 MW vorgesehen. 1974 wurde die Baustelle eröffnet, 1982/84 mit dem Bau der ersten beiden Reaktoren begonnen. Der weitere Bau war jedoch von Konstruktionsmängeln, Verzögerungen und explodierenden Kosten geprägt. → AtomkraftwerkePlag: Stendal (Sachsen-Anhalt)

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Erich Honecker

Ab 1973 gab es Pläne für ein viertes Atomkraftwerk, das jedoch 1981 aufgegeben wurde. → AtomkraftwerkePlag: Dessau (Sachsen-Anhalt)

Darüber hinaus sollten im sächsischen Dahlen bis zu vier Reaktoren errichten werden, die spätestens mit der Wiedervereinigung verworfen wurden. → AtomkraftwerkePlag: AKW Dahlen (Sachsen)

1983 wurde ein weiteres Kernenergieprogramm vorgelegt. Dieses sah vor, dass ab 1990 alle Großkraftwerke auf Atomenergiebasis Strom liefern und ab 2000 der wachsende Energiebedarf komplett durch Atomkraftwerke gedeckt werden sollte. Es waren Schnelle Brüter und für die Zeit ab 2020 Fusionsreaktoren geplant. Im Einzelnen sollten neben den vier Blöcken am Standort Greifswald bis 1998 vier Reaktoren mit einer Kapazität von 1.000 MW im KKW III in Stendal, bis 2000 weitere drei mit 1.000 MW in einem KKW IV und von 2002 bis 2010 weitere acht Reaktoren mit je 1.000 MW in geplanten Atomkraftwerken V und VI ans Netz gehen.[16]

Solche Pläne stellten sich jedoch aufgrund der Probleme beim Betrieb und Neubau als reine Utopie heraus.

Ab 1983 kam es in der Sowjetunion zu Schwierigkeiten bei der Serienfertigung von Atomreaktoren. Die Produkte aus Zulieferbetrieben waren mangelhaft, die Ausbildungskapazitäten falsch geplant. "Und auch beim Bau von Druckwasserreaktoren des Typs WWER 1000, wie sie im Kernkraftwerk Stendal zum Einsatz kommen sollen, hat es in der Sowjetunion Pannen und Verzögerungen gegeben."[5] Der Ausbau der Atomkraftwerke stagnierte.[17]

Tschernobyl: Vertuschung und Proteste

Äußerst unangenehm war der DDR-Führung die Tschernobyl-Katastrophe, die sich in der befreundeten Sowjetunion ereignet hatte. In den offiziellen Nachrichtensendungen der "Aktuellen Kamera" vom 28. April bis 14. Mai 1986 wurde der GAU nach allen Regeln der Kunst vertuscht. Das alles werde nur "hochgespielt", ein Überprüfen der DDR-Reaktoren sei "nicht relevant", es bestünde keinerlei Gefährdung. Der "MDR" hat die Fernsehsendungen der "Aktuellen Kamera" archiviert: → "Tschernobyl 1986" im Spiegel der Medien: Chronologie der Berichterstattung in der DDR. Man hob die im Vergleich zu sowjetischen Modellen andere Bauweise der DDR-Reaktoren hervor, zählte Störfälle in westlichen Ländern auf, und im "Neuen Deutschland" sprach man sogar von einer "gezielten Panikmache" sowjetfeindlicher Kreise.[5]

Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrats, kündigte 1986 an, dass bis 1990 drei weitere Reaktoren im AKW Lubmin (Greifswald) fertiggestellt werden sollten.[5] Doch wesentlich später als geplant, da es Lieferverzögerungen und Qualitätsmängel in der Sowjetunion gegeben hatte, ging 1989 nur noch der Reaktor 5 des AKW Lubmin (Greifswald) in Betrieb. Die geplanten Reaktoren 6 bis 8 wurden nicht mehr fertiggestellt.[18]

Da Tschernobyl eine höhere Sensibilität für die Sicherheit der Bevölkerung bewirkt hatte und die Sowjetunion keine Atomkraftwerke nach westlichen Sicherheitsstandards produzieren konnte, wurde nach 1987 eine Kooperation mit dem Westen, insbesondere der Bundesrepublik, angestrebt, und es fanden sondierende Gespräche statt. Zugleich gab es Versuche, die Sicherheit in den im Betrieb oder im Bau befindlichen Atomkraftwerken durch eine Fülle neuer Vorschriften zu verbessern.[19]

Die Missstände in den Atomkraftwerken führten zu einer stärkeren Kontrolle und Disziplinierung der Belegschaft durch das Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Im Oktober 1988 wandte sich im Gegenzug die A-Schicht des Reaktors 5 in Greifswald, der noch in Bau war, mit einem Protestschreiben direkt an den Staatsrat, in dem die Ineffizienz der Wirtschaftspolitik, der schleppende Baufortschritt und die Vergeudung von Investitionsmitteln kritisiert wurden. Honecker ordnete eine Verbesserung der Versorgungslage an, konnte jedoch nicht mehr verhindern, dass der "Spiegel" das Protestschreiben in die Hände bekam und im Dezember 1988 veröffentlichte. Ab 1989 sah sich die DDR wachsendem Druck aus dem Ausland ausgesetzt und beschloss 1989, das AKW Rheinsberg 1992 stillzulegen.[20]

Bis zur Wende gab es nur vereinzelte Proteste der Bevölkerung gegen die Nutzung der Atomkraft. Die Bürger hatten bei Standortentscheidungen kein Mitspracherecht, Diskussionen wurden unterdrückt. "Als Ende der siebziger Jahre die Anti-Kernkraftbewegung im Westen auch von den Meinungsmachern der DDR nicht mehr einfach übersehen werden konnte, versuchte man, der eigenen Bevölkerung einzureden, daß die Technik der atomaren Stromerzeugung für sich genommen nicht riskant sei, sondern sie erst in Verbindung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen im "Kapitalismus" Gefahren heraufbeschwöre."[5]

Die Geheimhaltung von Messwerten erhöhter Strahlung aufgrund der Tschernobyl-Katastrophe erhöhte jedoch die Verunsicherung in der Bevölkerung. Es gab zunächst Anfragen besorgter Bürger, die jedoch bald in Kritik an der Führung umschlugen. "Mit ohnmächtiger Ironie kommentierten Einzelne gegenüber den verantwortlichen Ministerien die erstaunliche Tatsache, dass die radioaktive Wolke den Verlautbarungen der Medien der DDR zufolge offensichtlich das Hoheitsgebiet der DDR mied, während in den Nachbarstaaten und in Berlin (West) erhebliche Gesundheitsgefährdungen bestünden." Es kam bald zu Unterschriftenaktionen und Protesten von Umweltgruppen gegen den AKW-Neubau vor Ort und den Ausbau der Atomkraft generell. Nachdem die Bürgerrechtlerin Erika Drees Flugblätter und Fotomontagen verteilt hatte, wurde sie zusammen mit anderen Personen verhaftet, womit der Widerstand aber nicht gestoppt werden konnte. Es erschienen weiterhin kritische Schriften und Studien.[21]

Stilllegung nach der Wende

Welche Missstände in den Atomkraftwerken der DDR geherrscht hatten, wurde der Öffentlichkeit erst 1989 bekannt, nachdem Sebastian Pflugbeil (Neues Forum) als Minister unter der Regierung Modrow Hintergrundmaterialien und Dokumente untersucht hatte. Aus geheimen Papieren der "Ständigen Kontrollgruppe Anlagensicherheit" gingen der marode Zustand der DDR-Kernkraftwerke und die organisatorischen Probleme hervor. "Mängel in der Qualifikation der Leitungsleute, Arbeitsorganisation, Schlamperei, Alkohol. Und bis zum Schluss hat man von den Russen nicht erfahren, aus welchem Stahl das Reaktordruckgefäß bestand. Da gab es Fehler bei eingesetzten Materialien, Messfühler, die nicht funktioniert haben.""[6]

Pflugbeil hatte schon früher als Bürgerrechtler in der DDR gegen Uranbergbau und Atomkraftwerke protestiert. Seine Hinweise auf Sicherheitsmängel und Kosten für eine Nachrüstung trugen zum Ende der Geschichte der Atomkraft in der DDR maßgeblich bei.[22]

Nach der Vereinigung 1990 übernahm die Bundesrepublik Deutschland das Erbe der Atompolitik der DDR und musste die Entscheidung treffen, was mit den Altreaktoren geschehen sollte. Anfang 1990 besuchte der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer die DDR und inspizierte Morsleben, das AKW Greifswald und die Baustelle des AKW Stendal. Die Sicherheit der Anlagen wurden durch interne Papiere des Ostblocks und durch die "DDR-Atom-Kontrolle" als völlig unzureichend bewertet und wegen vieler Konstruktionsmängel eine Nachrüstung oder Stilllegung empfohlen. So hatten die Reaktoren in Greifswald z. B. kein Containment (Sicherheitsabschluss aus Stahl und Beton), und die Druckbehälter waren spröde.[23]

Beide Alternativen, Nachrüstung oder Stilllegung, waren Helmut Kohl und dem Umweltministerium unangenehm, da sie mit Milliardenkosten verbunden waren. ""Entweder", spitzt Töpfers Abteilungsleiter Walter Hohlefelder die notwendige Entscheidung zu, "die Bundesregierung baut in der DDR Staatsreaktoren, oder der Staat wird zum atomaren Abrißunternehmer.""[24]

Der Versuch, die maroden Anlagen in private Hände zu geben, scheiterte. "Wegen technischer und vor allem ökonomischer Gründe – im Wesentlichen die Unwägbarkeiten bei den Genehmigungsverfahren von Nachrüstmaßnahmen und gleichzeitig ein abnehmender Elektrizitätsverbrauch – fand sich kein Investor für die Nachrüstung der Reaktoren." Deswegen entschloss man sich dafür, alle Anlagen abzuschalten.[25]

Die noch laufenden vier Reaktoren des AKW Greifswald und der Reaktor Rheinsberg gingen 1990 außer Betrieb. An den beiden Reaktoren des AKW in Stendal wurde noch 1990 weitergebaut, die Arbeiten wurden 1991 eingestellt. Im gleichen Jahr wurden schließlich alle Forschungsreaktoren in Rossendorf abgeschaltet und das Forschungszentrum aufgelöst.

→ AtomkraftwerkePlag: Greifswald/Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern)
→ AtomkraftwerkePlag: Rheinsberg (Brandenburg)
→ AtomkraftwerkePlag: Stendal (Sachsen-Anhalt)
→ AtomkraftwerkePlag: Dresden-Rossendorf

(Letzte Änderung: 02.08.2016)

Einzelnachweise

  1. Olaf Strauß: Die Kernforschung und Kerntechnologieentwicklung in der DDR 1945–1965 (Diss.) vom Oktober 2011. S. 21-33, 171.
  2. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 8, 11.
  3. Olaf Strauß: Die Kernforschung und Kerntechnologieentwicklung in der DDR 1945–1965 (Diss.) vom Oktober 2011. S. 216ff.
  4. Olaf Strauß: Die Kernforschung und Kerntechnologieentwicklung in der DDR 1945–1965 (Diss.) vom Oktober 2011. S. 226-233, 245.
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 5,7 5,8 Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Die Energiepolitik der DDR - Mängelverwaltung zwischen Kernkraft und Braunkohle, Verlag Neue Gesellschaft GmbH, Bonn, 1988. → online auf epub.ub.uni-muenchen.de
  6. 6,0 6,1 MDR: Warum es in Ostdeutschland keine Atomkraftwerke gibt vom 22. März 2011
  7. argus.bstu.bundesarchiv.de: Staatliches Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz (SAAS) abgerufen am 9. August 2015
  8. BBR: Bundesamt für Strahlenschutz - Außenstelle Berlin-Karlshorst abgerufen am 9. August 2015
  9. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 12-28.
  10. Wikipedia: Kernkraftwerk Greifswald
  11. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 32f, 36-38.
  12. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 32f, 39-43, 45.
  13. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 50f, 54f.
  14. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 73f.
  15. DER SPIEGEL 23/1990: Da kommt nichts Gutes vom 4. Juni 1990
  16. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 59f.
  17. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 62ff.
  18. IAEO: Country Nuclear Power Profiles 2013 - Germany abgerufen am 27. Mai 2014
  19. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 70ff, 79ff.
  20. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 83-86, 89.
  21. Johannes Abele: Kernkraft in DDR - Zwischen nationaler Industriepolitik und sozialistischer Zusammenarbeit, in: TU Dresden/Hannah-Arendt-Institut, Berichte und Studien Nr. 26, Dresden 2000. S. 97ff.
  22. Welt Online: Der Mann, der den DDR-Atomausstieg herbeiführte vom 11. April 2011
  23. DER SPIEGEL 4/1990: DDR/Kernkraft - Alles ist tot vom 22. Januar 1990
  24. DER SPIEGEL 38/1990: Völlig durchstrahlt vom 17. September 1990
  25. Deutscher Bundestag: Unterrichtung durch die Bundesregierung, 15. Wahlperiode, Drucksache 15/3650, Seite 8 vom 18. August 2004

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