Öffentlichkeitsarbeit ab den 50er JahrenBearbeiten
Bereits Mitte der 50er Jahre versuchten die Protagonisten der Atomenergie, die Öffentlichkeit von der zwingenden Notwendigkeit der Atomkraft zur überzeugen.
So wurden in zahlreichen Publikationen eine angebliche "Energielücke", ein "Alpdruck der Energienot" aufgrund eines massiven Anstiegs des Energiebedarfs in Deutschlands und stark steigende Energiepreise bei den fossilen Energien prophezeit. Vor dem Bau des ersten AKW Kahl behauptete RWE, Deutschland würde "als Industriestaat keine Rolle mehr spielen", wenn es nicht in die Atomkraft einsteige. Als Ende der 50er Jahre die erste Atomeuphorie einer Ernüchterung aufgrund der hohen Kosten der Atomenergie gewichen war, gründete man 1959 das Deutsche Atomforum und versuchte mit einer systematischen und zentralen Öffentlichkeitsarbeit entgegenzusteuern.[1]
Über lange Jahrzehnte war die Atomkraft in den Bundesregierungen als Energieträger unstrittig, abgesehen von einer kurzen Phase nach der Tschernobyl-Katastrophe im Jahre 1986, in der die Stimmen für einen Atomausstieg in Deutschland lauter wurden. "Rund 60 Millionen D-Mark sollen die Kraftwerksbetreiber nach der Katastrophe von Tschernobyl für Werbung ausgegeben haben. Das Deutsche Atomforum wirbt, unterstützt von großen deutschen Unternehmen, für die Kraft aus Atomen: "Tschernobyl bietet keinen Anlass, an der Verantwortbarkeit der friedlichen Kernenergie in unserem Land zu zweifeln.""[2]
Ansonsten gab es kaum Bedarf an Öffentlichkeitsarbeit. Dies änderte sich erst 1998, als die rot-grüne Koalition an die Macht kam und umgehend den ersten Atomausstieg einleitete. → Atompolitik/Schröder: Atomausstieg I
Die Energiekonzerne hatten zwar mit der rot-grünen Regierung einen Kompromiss ausgehandelt, sahen aber in der Bundestagswahl 2009 die Möglichkeit, den erzielten Kompromiss rückgängig zu machen und mit einer erhofften neuen schwarz-gelben Koalition zusammen eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke durchzusetzen. Nicht einmal der Grüne Joschka Fischer mochte 2009 eine Laufzeitverlängerung kritisieren, der mittlerweile die Seiten gewechselt hatte und zum Berater der Atomkonzerne RWE und Siemens geworden war.[3]
Strategiepapier einer UnternehmensberatungBearbeiten
Am 23. September 2009 veröffentlichte der "Spiegel" einen Artikel, in dem beschrieben wird, wie die Atomlobby die Bundestagswahl im September 2009 minutiös vorbereitete. Die Quelle ist ein Strategiepapier der Unternehmensberatung PRGS.
"Der Titel: "Kommunikationskonzept Kernenergie - Strategie, Argumente und Maßnahmen." Als Datum ist der 19. November 2008 angegeben. Zum damaligen Zeitpunkt war PRGS für den größten deutschen Energiekonzern E.on tätig. Auf dem Deckblatt des Strategiepapiers heißt es, der Schriftsatz sei "für die E.on Kernkraft GmbH" erstellt worden.
Die Aufgabenstellung wird gleich zu Beginn klar benannt: "Das Gesamtziel der vorgelegten Strategie ist es, die politisch-öffentliche Debatte um die Verlängerung der Restlaufzeiten deutscher Kernkraftwerke positiv zu beeinflussen.""
Nach dem Strategiepapier sollte sich E.on ein umweltfreundliches Image zulegen, die Atomkraft sollte Argumente wie "Versorgungssicherheit" und "Klimaschutz" nutzen, sowie die Gefahr der Abhängigkeit russischer Erdgaslieferungen. E.on distanzierte sich von diesem Strategiepapier.[4] Es ist gut möglich, dass dieses Strategiepapier aber als Argumentationshilfe benutzt wurde, denn die genannten Argumente finden wir alle bei den Atombefürwortern wieder. → Die Atomlobby/Die Lobbyisten
Öffentlichkeitsarbeit durch eine LobbyagenturBearbeiten
Die "taz" recherchierte im Oktober 2011, dass das Deutsche Atomforum, die wohl wichtigste Lobbyorganisation der vier großen Energiekonzerne, bereits vorher professionelle Unterstützung bei einer PR-Agentur eingeholt hatte.
"Im Frühjahr 2008 erhielt die Lobbyagentur Deekeling Arndt Advisors den Auftrag, bis zur Bundestagswahl im Herbst 2009 einen Meinungsumschwung für die Atomkraft in Deutschland zu erreichen. (…) Die Grundzüge der Strategie sind dabei laut den Papieren: "Ideologische Blockaden aufbrechen, vermeintliche Gewissheiten hinterfragen", "Dritten eine Plattform bieten und öffentlich Gehör verschaffen", "neue Zielgruppen aufschließen", "verändertes Meinungsklima zur Kernenergie in Deutschland etablieren".[5]
Die strategische Vorgehensweise wurde minutiös geplant[6]:
Eine "neue Geschichte" mit einem positiven Image der Atomkraft sollte erzählt werden.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Atomkraftwerken sollten in bereits fertig ausgearbeiteten Anzeigenbeilagen vorgestellt werden bzw. Störfälle kommunizieren.
Ein Verein "Woman in Nuclear" wurde gegründet, dem Mitarbeiterinnen der Atombranche beitreten sollten (vgl. dazu auch weiter unten).
Die Atombefürworter sollten in einen offenen Dialog treten. Tatsächlich organisierte das Deutsche Atomforum 2009 Diskussionsforen und eröffnete eine Diskussionsplattform im Internet.
Hochrangige Wissenschaftler sollten gewonnen werden, wie z. B. der Historiker Arnulf Baring. Baring hielt einen Gastvortrag zum 50. Jubiläum des Atomforums, das Teile seiner Rede schrieb, und warb in einem ganzseitigen Beitrag einer Zeitung für Atomenergie.[7]
Ehemalige Politiker sowie Lobbyisten und Vertreter der Energiekonzerne sollten Kontakte knüpfen.
Journalisten wurden zu Frühstücksessen und Reisen in die atomfreundliche Schweiz eingeladen, die danach in Zeitungen positive Berichte platzieren sollten.
Einen Link zur den Originaldokumenten der Agentur finden Sie hier: blogs.taz.de: Die Geheimpapiere der Atomlobby vom 28. Oktober 2011.
Nach einem Artikel der "Frankfurter Rundschau" erhielt die Agentur für ihre Leistungen ca. 3 Mio. Euro."In Gesprächen mit Parlamentariern, in "kontinuierlichen Hintergrundgesprächen mit Journalisten" sowie mit einer Vielzahl von Anzeigenkampagnen, Vorträgen, Tagungen und der Präsentation neuer Unterstützer wie etwa "konvertierter 68er" wolle man zunächst "öffentlich Zweifel an vermeintlichen Gewissheiten säen", dann den "Nutzen der Kernenergie öffentlich inszenieren" und den "Boden bereiten" für die Zeit nach der Wahl (…)".[8]
Im Rahmen der Kampagne sollte auch der Ökonom Professor Joachim Schwalbach eine Pro-Atom-Studie verfassen, die jedoch an internen Streitigkeiten scheiterte. → Studien und Stiftungsprofessuren
Schon im März 2009 wies die "taz" auf die neue Strategie des Deutschen Atomforums hin, insbesondere Frauen, deren kritische Einstellung zur Atomenergie der Lobby bekannt war, als Zielgruppe mit Hilfe der Öffentlichkeitsarbeit zu beeinflussen. Dazu wurde in Deutschland ein atomkraftfreundliches Netzwerk mit dem Namen "Women in Nuclear Germany" (WiN) gegründet, eine Unterorganisation einer internationalen Organisation in der Schweiz. Frauen, die in der Atombranche arbeiten oder mit ihr in Verbindung stehen, sollten andere Frauen mit Hilfe "emotionaler Intelligenz" für die Atomkraft begeistern. In Russland warb eine Angestellte eines Forschungsreaktors, die zur "Miss Atom" gekürt wurde, für ein positives Verhältnis zur Atomenergie.[9]
Der "NDR" wies in einem Artikel vom 2. November 2011 darauf hin, dass vor allem die systematische Herangehensweise neu für die PR-Arbeit war.
"Dafür nutzt die Agentur den Verein "women in nuclear". Frauen schaffen Vertrauen, werben seitdem für das Zukunftsprojekt Atomkraft. Der Geldgeber bleibt ungenannt. (…) Zeitungen wie die "Welt am Sonntag" berichten über "women in nuclear" und drucken das Porträt einer Mitarbeiterin, die "Krümmel ans Netz brachte" (Welt am Sonntag, 21.6.2009). In der Schwangerschaft habe sie weitergearbeitet. Die Risiken seien "vertretbar". Ein gelungener PR-Coup. Der Absender der Botschaften, die Atomlobby, bleibt im Verborgenen."[10]
"Spiegel Online" ergänzte, geplante Platzierungen von atomkraftfreundlichen Artikeln in Frauenzeitschriften seien zwar misslungen. Dafür wurde aber die Tagespresse beeinflusst,
wie z. B. die "Bild":
"Einer der Kernpunkte der Kampagne war die von der Agentur so genannte "Medienoffensive": So brüstet sich DDA beispielsweise mit der durch "Hintergrundgespräche ermöglichten Platzierung eigener Botschaften in wichtigsten deutschen Tageszeitungen (FAZ, BILD-Zeitung)". Konkret führen die PR-Profis einen Artikel in der "Bild"-Zeitung vom 8. Juli 2009 unter der Überschrift "Die 7 Wahrheiten über unsere Energie" auf - hier sei eine Veröffentlichung der atomkraftfreundlichen Thesen erreicht worden. Tatsächlich illustrierte die "Bild"-Zeitung den Artikel mit einem abgeänderten Anti-Atomkraft-Logo, auf dem statt "Atomkraft, nein danke!" der Schriftzug "Der Irrsinn mit dem Atomausstieg" die lachende Sonne umrandete. Gleich daneben durfte RWE-Chef Jürgen Großmann in einem Interview die Sicherheit der deutschen Atommeiler beteuern."
Auch in der "FAZ" und der "FAS" sollen Artikel platziert worden sein.[11]
Aber noch waren die Konzerne nicht am Ziel. Zwar war ab September 2009 eine atomfreundliche schwarz-gelbe Koalition an der Regierung, aber um die Laufzeitverlängerung wirklich zu erreichen, waren zusätzliche Schritte nötig.
Dazu mussten zum einen Politiker mobilisiert werden, die bekanntermaßen Anhänger der Atomkraft waren: Wolfgang Clement, Michael Fuchs, Michael Glos, Kurt Joachim Lauk, Günther Oettinger. Diese unterstützten die Interessen der Konzerne 2010 durch immer lauter werdende Forderungen nach Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke. → Die Atomlobby/Die Lobbyisten
Anzeigenkampagne durch Agentur Jung von MattBearbeiten
Zum anderen beauftragte die Atomlobby die Agentur Jung von Matt mit einer Anzeigenkampagne im August 2010. "LobbyControl" berichtete über diese Kampagne wie folgt:
"Die Atomlobby versucht, den Druck auf die Bundesregierung weiter zu erhöhen. Am Samstag erschien in zahlreichen Zeitungen große Anzeigen mit einem "Energiepolitischen Appell". (…) Anzeigenkampagnen dieser Art leben davon, dass das (ökonomische) Interesse der Initiatoren in ein gut klingenden rhetorischen Mantel gehüllt wird und die Anzeige durch einen breiten und vielfältigen Unterzeichnerkreis eine starke Glaubwürdigkeit erhält. Deshalb spricht die von der Agentur Jung von Matt entworfene Anzeige auch von "ökologischem Umbau" oder "Zukunftsfähigkeit". Deshalb haben die Initiatoren (…) Leute wie den Publizisten Manfred Bissinger oder den Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff als Unterzeichner gewonnen. (…) Allerdings hört es dann auch schnell auf. Der Großteil der Unterzeichner kommen von den Energiekonzernen, aus energie-intensiven Unternehmen und dem Bundesverband der Deutschen Industrie. Dazu kommen mit Kurt Lauk und Michael Fuchs zwei unternehmensnahe Unionspolitiker sowie altgediente Seitenwechsler zwischen Politik und Lobbyismus wie Wolfgang Clement, Friedrich Merz und Otto Schily."[12]
In einem Artikel des "NDR" wurde die Kampagne als "Durchsichtige PR der Atomlobby" bezeichnet.[13]
Behinderung einer TV-Dokumentation und Gründung einer atomfreundlichen "Bürgerinitiative"Bearbeiten
Die Atomlobby bediente sich aber auch noch anderer Maßnahmen. So wurde die Fernsehautorin Gesine Enwaldt beispielsweise bei Dreharbeiten für die TV-Dokumentation "Die Atomlüge" behindert. Des Weiteren hatte die Atomlobby eine sogenannte Bürgerinitiative mit dem unverfänglichen Namen "Bürger für Technik" (BfT) gegründet, die 2008 enttarnt worden war und jahrelang für die Kernkraft warb.[14] Dieser Verein rekrutierte sich personell aus Mitgliedern der Kerntechnischen Gesellschaft (KTG), infiltrierte das Internet mit atomfreundlichen Webseiten, aus dem sich z. B. auch Schüler Referate herunterladen konnten. Er versandte angebliche Leserbriefe an Zeitungen, die zum Teil auch abgedruckt wurden.[15] Diesen Verein gibt es heute noch, die Website ist überladen mit atomkraftfreundlichen und ökostromfeindlichen Beiträgen und "Leserbriefen".
Die Bemühungen der Energiekonzerne zahlten sich schließlich aus. Am 5. September 2010 leitete Angela Merkel in einer Vereinbarung die Laufzeitverlängerung ein, die weitere langjährige Milliardengewinne sprachen. → Atompolitik/Merkel: Ausstieg aus dem Ausstieg
Die Laufzeitverlängerung gilt – wie die "Zeit" im Artikel "Die strahlenden Sieger der Atomlobby" herausstellt - als großer politischer Erfolg der Atomlobby, den sich andere Branchen zum Vorbild machten. Anscheinend war es so, dass derjenige den meisten Erfolg hatte, der am lautesten auf sein Anliegen aufmerksam machte. "Das für Wirtschaftskapitäne eher schroffe Vorgehen ist auch für andere Branchen ein Lehrstück. Die Zeit der Diplomatie scheint vorbei, dröge Verbandsarbeit verläuft sich im Leeren. Stattdessen können Konzerne ihre Forderungen vor allem dann durchsetzen, wenn die Konzernchefs selbst die politische Bühne betreten, wenn sie unerschrocken auf Konfrontationskurs zur Regierung gehen (…). Andere Branchen, die diskreter ihre Interessen durchzusetzen versuchten, stehen mit leeren Händen da. Die Fluggesellschaften beispielsweise setzten im Kampf gegen die Luftverkehrsabgabe auf vertrauliche Gespräche mit Kanzlerin Angela Merkel. Die aber ließ sie abblitzen."[16]
Mit dieser intensiven politischen Einflussnahme hatten die Energiekonzerne aber möglicherweise doch mehr Porzellan zerschlagen als beabsichtigt. Umweltminister Röttgen kritisierte im Juli 2011 diese Einflussnahme als Lobbyismus und hatte sich mehrmals überlegt zurückzutreten.[17] Dies könnte dazu beigetragen haben, dass der Ausstieg nach Fukushima sehr schnell gefasst wurde – und diesmal ohne die Energiekonzerne.
Der Triumph der Energiekonzerne währte nur kurz: Schon kurz nach dem GAU in Fukushima beschloss die Bundesregierung ein Moratorium für acht ältere Reaktoren und danach einen Zeitplan für einen kompletten Atomausstieg. → Atompolitik/Merkel: Atomausstieg II
Für die Atomlobby kam die erneute Wende zu überraschend, als dass sie noch angemessen darauf reagieren konnte. Diesmal war keine Zeit für eine Einflussnahme auf die Öffentlichkeit oder eine erneute PR-Kampagne.
Man vollzog zunächst einen taktischen Rückzug und bemühte sich um Schadensbegrenzung: "Die Entscheidung der Bundesregierung für ein dreimonatiges Moratorium stellt eine Zäsur in der deutschen Atompolitik dar. (…) Sich jetzt dagegen zu wehren, wäre unklug. (…) Nur wenn die Atomlobby sich jetzt fügt, kann sie darauf hoffen, zumindest ihre modernen Meiler noch eine Zeitlang betreiben zu können."[18]
Aber schon im Sommer 2011 schürte die Atomlobby Ängste vor einem Blackout bei der Stromversorgung: Nach dem Atommanager Fritz Vahrenholt stehe zu befürchten, "dass Industriebetriebe und vielleicht sogar ganze Städte abgeschaltet werden müssen". Außerdem wurden stark steigende Strompreise und eine wachsende Energieimportabhängigkeit angekündigt.[19] Der ehemalige RWE-Chef Jürgen Grossmann drohte gar, aufgrund des Atomausstiegs stünde Deutschland eine "schleichende Deindustrialisierung" bevor: "Wenn die Politik weiter so konsequent die Zerstückelung der industriellen Energieerzeugung betreibt, werden wir bald auf ganze Industriezweige verzichten müssen. Konzerne wie BASF oder ThyssenKrupp wird es dann hier nicht mehr geben (…)." Die großen Energiekonzerne könnten "Opfer feindlicher Übernahmen" werden.[20]
Drohungen, die schnell als Panikmache erkannt wurden. Es stellte sich schnell heraus, dass die alten Reaktoren nicht mehr für die Energieversorgung benötigt wurden, die Wirtschaft im Gegenteil boomte und keine der düsteren Blackoutprognosen eintraf, auch nicht im folgenden Winter 2011/12.
Die mediale Präsenz der Atomlobby ist seit März 2011 insgesamt spürbar zurückgegangen; nur im Springer-Blatt "Die Welt" sind noch regelmäßig Artikel veröffentlicht worden, die den Atomausstieg mit markanten Titeln kritisieren: "Deutschland steigt aus der Realität aus" (Juli 2011); "Die Hirnabschaltung der Deutschen nach Fukushima" (März 2012). → Sprachrohr der Atomlobby: Axel Springer AG
Ende April/Anfang Mai 2012, als die Energiewende durch die ungeschickte Vorgehensweise Röttgens mehr und mehr aus dem Ruder lief, wurde noch einmal Kritik laut. Kurt Joachim Lauk, ehemaliger Atommanager und jetzt Mitglieds des CDU-Wirtschaftsrates, holte in einem Gastkommentar im "Handelsblatt" zu einem Rundumschlag gegen die Energiewende aus und schlug vor, das Projekt zu verzögern oder fallen zu lassen.[21] Andere Politiker stellten aber nicht mehr den Atomausstieg in Frage, sondern das Vorgehen bei der Energiewende.[22]
Es fällt auf, dass die Kritik von Politikern der schwarz-gelben Koalition, aber nicht mehr von den Konzernen geäußert wurde. Diese hatten genug damit zu tun, die finanziellen Folgen des Atomausstiegs zu verkraften. Sieht man die neuesten Bilanzen vom ersten Halbjahr 2012 an, ist dies bereits gelungen. Damit sind die wirtschaftlichen Interessen, die gegen die Abschaltung der Altreaktoren sprachen, entfallen.
Anfang 2013 gab es - nach dem Beschluss der japanischen Politik zum Wiedereinstieg in die Atomkraft - noch einmal Äußerungen von Günther Oettinger, dass Atomkraftwerke auch in Deutschland wieder gebaut werden könnten, und von Dieter Hundt, man solle den Zeitplan für den Atomausstieg noch einmal überdenken. Die "Frankfurter Rundschau" stellte dazu fest: "Die Atomfreunde wollen nicht einsehen, dass die Zeit der Mega-Stromzentralen mit ihren Mega-Risiken und den ungelösten Entsorgungsproblemen abgelaufen ist."[23]
Im April 2013 pries das Deutsche Atomforum die Produktionsergebnisse deutscher Atomkraftwerke an, die zu den produktivsten der Welt gehörten. Zugleich ist ein Strategiewechsel bei der Öffentlichkeitsarbeit des DAtF zu erkennen: Es wird nun plötzlich argumentiert, dass die AKW einen Beitrag zur Unterstützung der Energiewende leisteten, da sie die Schwankungen bei der Produktion erneuerbaren Energien ausgleichten.[24]
Wie die Medien zum Nachteil der Castor-Demonstranten berichten. "Mit ihrem Lob der friedlichen Bürgerinitiativen aber dringt die Polizei kaum durch, denn viele Medien haben ihr Urteil längst gefällt."
Sprachrohr der Atomlobby: Axel Springer AGBearbeiten
"Die Welt" tritt besonders eifrig für die Nutzung der Kernenergie ein. Einen Überblick über die Lobbyarbeit des Blattes erhält man auf den folgenden Internetseiten. Am 20. Mai 2011 kündigte die "Welt" Deutschland sogar Todesopfer im Falle eines Atomausstiegs an. [Anmerkung: Aufgrund der Vielzahl der Pro-Kernenergie-Artikel ist hier nur ein kleine Auswahl aufgelistet.]
Welt Online Höherer Treibhausgas-Ausstoß durch Atomausstiegvom 25. Februar 2013: "Bei der Stromerzeugung wurde wegen der Abschaltung mehrer Atomkraftwerke mehr Braun- und Steinkohle verbrannt und witterungsbedingt kam beim Heizen laut UBA mehr Gas zum Einsatz."
Welt OnlineGrüne Gehirnwäsche macht aus Kindern Öko-Spione vom 21. Juni 2012: "Anstatt sie zum selbstständigen und kritischen Denken zu erziehen, werden immer mehr Kinder in Deutschland ökologisch indoktriniert. Denn die grüne Wirtschaft braucht Propaganda."
Welt OnlineBlackout-Angst – Japan fährt Atomreaktoren hoch vom 16. Juni 2012. "Welt Online" berichtet am 16. Juni 2012, dass die japanischen Reaktoren wiederhochgefahren werden, verschweigt aber die Proteste der Bevölkerung - anscheinend soll der Eindruck erweckt werden, Japan sei mit dem Wiederhochfahren einverstanden. Hinter den Artikel stellt "Welt Online" das Video ""Fukushima-Katastrophe ist für beendet erklärt". Zugleich verwendet "Welt Online" die typischen "Argumente" der Atomlobby wieder: "Blackout-Angst", mögliche Folgen für die Wirtschaft.
Welt OnlineÖkologische Energiewende ist nur Wunschdenken vom 27. Mai 2012: "Denn in der Regierungskoalition wachsen Zweifel am Gelingen einer ökologischen Energiewende. Möglicherweise werden klimaschädliche Quellen eine deutlich größere Rolle spielen als vor einem Jahr noch gewünscht und geplant – und solche, die Deutschlands Abhängigkeit von anderen Staaten vergrößern. (...) Das ehrgeizigste Projekt der schwarz-gelben Bundesregierung steht auf der Kippe."
Welt OnlineDie verkorkste Energiewende mit dem Faktor Angst vom 23. Mai 2012: "Für Angela Merkel ist die Energiewende Chefsache. Doch besser als ein neuer Minister wäre, die bisherigen Fehler zu korrigieren – allen voran den vorschnellen Atomausstieg."
Welt OnlineDie Energierevolution frisst jetzt ihre Kinder vom 29. April 2012: "Die Lasten der Energiewende sind so groß geworden, dass sie einkommensschwache Haushalte bereits überfordert. Diese soziale Dimension wurde bislang gerade von den linken Parteien völlig ignoriert"
Welt OnlineDie deutsche Atom-Hysterie ist weltweit verpufft vom 10. März 2012: "Es zeigte sich, dass Erregung Grenzen kennt und die Angst ein Meister in Deutschland ist. (...) Umso mehr traf die gespannte Ruhe der Japaner auf Unverständnis, ja, Empörung. In der traditionellen Haltung des Landes schien für viele eine böse Energie zu stecken, ein Dämon im Demos, gefährliche Intransigenz."
Welt OnlineDie Hirnabschaltung der Deutschen nach Fukushima vom 8. März 2012: "Hilfe, Atomkraft! Die absolute Mehrheit der Deutschen will die Kernenergie sofort abschaffen. Aber was wollen wir? Biosprit und Ökostrom passen uns auch nicht in den Kram."
NDR.deLobbyismus - Atompolitik nach Plan vom 2. November 2011 [Seite nicht mehr verfügbar]: "Zeitungen wie die "Welt am Sonntag" berichten über "women in nuclear" und drucken das Porträt einer Mitarbeiterin, die "Krümmel ans Netz brachte" (Welt am Sonntag, 21.6.2009). In der Schwangerschaft habe sie weitergearbeitet. Die Risiken seien "vertretbar". Ein gelungener PR-Coup. Der Absender der Botschaften, die Atomlobby, bleibt im Verborgenen."
Welt OnlineDas ist die Zukunft der Kernkraftwerke vom 11. August 2011: "Während in Deutschland der Atomausstieg beschlossen ist, werden andernorts Kernkraftwerke der 4. Generation entwickelt – mithilfe deutscher Forscher."
Welt OnlineDeutschland steigt aus der Realität aus vom 26. Juli 2011: "Mit dem neuen Energiekonzept steigt die Abhängigkeit von autoritären Regimes. Denn Gas und Kohle bleiben unser größter Energielieferant."
Welt OnlineSo will die Bundesnetzagentur Blackouts verhindernvom 19. Juli 2011: "Die Bundesnetzagentur prüft, ob einer der stillgelegten Atommeiler am Leben erhalten werden soll. So könnten Engpässe abgefedert werden."
Welt OnlineDie sieben Mythen von der bösen Atomkraft vom 23. Juni 2008: "Alle Welt setzt wieder auf Atomenergie – nur Deutschland nicht. Zwar mehren sich auch hier die Stimmen, die eine offene Diskussion über den Ausstieg aus dem Ausstieg verlangen. Doch die alten Ängste sind weiter stark. WELT ONLINE widmet sich den größten Mythen rund um die Atomkraft und sagt, was stimmt und was nicht."