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Entsorgungsunternehmen > Entsorgungswerk für Nuklearanlagen (EWN)

Bundeseigener Rückbau- und Entsorgungskonzern

Marina Lubmin Blick vom westlichen Kai auf den Hafen

Im Hintergrund AKW Greifswald (Lubmin), 2011

Die Entsorgungswerk für Nuklearanlagen GmbH (EWN), die bis Februar 2017 als Energiewerke Nord GmbH bezeichnet wurde, ist ein bundeseigener Konzern. EWN baut seit 1995 die AKW Greifswald/Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) und Rheinsberg (Brandenburg) rück. Die sonstigen Aufgaben definiert das Unternehmen wie folgt: "Neben den Rückbauaktivitäten sind die Entsorgung und die Zwischenlagerung der abgebrannten Brennelemente und der anfallenden radioaktiven Reststoffe/Abfälle wesentliche Aufgaben der EWN. Darüber hinaus organisiert die EWN das Endlager- und das dazugehörige Einlieferungsmanagement radioaktiver Abfälle für die Abfälle der öffentlichen Hand." EWN hat nur einen einzigen Gesellschafter: das Bundesministerium der Finanzen.[1]

Die Geschichte von EWN reicht bis ins Jahr 1967 zurück, als dieses als Energieunternehmen in der ehemaligen DDR gegründet wurde. Nach der deutschen Wiedervereinigung erfolgte 1990 die Umbenennung in "Energiewerke Nord AG" und 1991 die Umwandlung in die "Energiewerke Nord GmbH". Ab 1994 wurde als Tochterunternehmen die Zwischenlager Nord GmbH (ZLN GmbH) gegründet, 2003 die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH (AVR GmbH) und 2006 die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe Rückbau- und Entsorgungs-GmbH (WAK GmbH) integriert. 2008 erwarb EWN 25 % der Anteile an der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe mbH (DBE).[2]

Der Grund für die Umbenennung von Energiewerke Nord zu Entsorgungswerk für Nuklearanlagen war, dass das Geschäftsfeld der Unternehmens schon länger nicht mehr im Bereich der Energieerzeugung, sondern des Rückbaus nuklearer Anlagen liegt. Die Tochter AVR GmbH, die nuklearen Anlagen am Standort Jülich entsorgt, wurde 2016 in Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen mbH (JEN) umbenannt. Die WAK GmbH trägt seit 2009 den Namen Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe GmbH (KTE) und entsorgt die nuklearen Anlagen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).[1]

Da diese Anlagen dem Forschungsministeriums unterstanden und 2003 in den Besitz der bundeseignen Energiewerke Nord (EWN) übergingen, müssen die für Rückbau und Entsorgung anfallenden Kosten von 4,2 Mrd. Euro vom Bund getragen werden.[3]

Über die Zwischenlager Nord GmbH ist EWN 100%iger Eigentümer des → Zwischenlagers Nord auf dem Gelände des AKW Greifswald/Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern).

Rückbauprojekte im In- und Ausland

Rheinsberg nuclear plant

AKW Rheinsberg 2010

EWN sollte ursprünglich nur die ehemaligen DDR-Atomkraftwerke Greifswald/Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) und Rheinsberg (Brandenburg) rückbauen, wofür die Bundesrepublik ein Budget von 4,2 Mrd. Euro bereitgestellt hat. Das Unternehmen sollte diese Aufgabe als Nachfolgegesellschaft der Treuhandanstalt übernehmen, die bis Jahresende 1994 Eigentümerin der beiden Anlagen war.[4] EWN sollte in "stiller Liquidation“ geführt werden und sich danach auflösen. Da aber später weitere AKW stillgelegt wurden und sich ein Markt für Rückbauunternehmen bildete, war die Expertise von EWN weiterhin gefragt. Die Liquidationspläne wurden im Mai 2009 aufgehoben, und EWN wurde privatwirtschaftlich tätig. "Wir verdienen jetzt Steuergelder zurück", erklärte der Konzern.[5]

Darüber partizipier(t)e EWN beim Rückbau der AKW Obrigheim und Mülheim-Kärlich in Deutschland sowie Kosloduj (Bulgarien), Bohunice (Slowakei), Ignalina (Litauen), Tschernobyl (Ukraine), Riwne (Ukraine), Saporischschja (Ukraine) und Armenia/Mezamor (Armenien) im Ausland. Bei weiteren Projekten in Westeuropa dürfte EWN ebenfalls beteiligt werden.[6][5]

1998 baute EWN Anlagenteile aus den Einheiten 7 und 8 des Atomkraftwerks Greifswald/Lubmin aus, die per LKW an Armenien geliefert wurden, um die Sicherheit des Blocks Armenia-2 zu erhöhen.[7]

Im Oktober 2003 wurde EWN vom Bundeswirtschaftsministerium beauftragt, die Projektleitung für den Bau eines Langzeitzwischenlagers und eines Entsorgungszentrums für schwach-und mittelradioaktive Abfälle in der Saida-Bucht im russischen Murmansk zu übernehmen. Auftragswert: 600 Mio. Euro. Im Langzeitzwischenlager werden 150 stillgelegte russische Atom-U-Boote und 25 atomare Serviceschiffe entsorgt.[8][9][10]

Am 21. September 2010 wurde in den Medien gemeldet, dass eine Privatisierung der geplanten Endlager Gorleben und Schacht Konrad geplant sei. Die Atommülllagerung sollte, so wurde spekuliert, an das (allerdings bundeseigene!) EWN übertragen werden, das weitgehend autonom wirtschaften sollten. Das Vorhaben wurde bereits einen Tag später in einer Presseerklärung des Bundesumweltministeriums zurückgezogen.[11][12] 1991 hatte die Bundesregierung bereits einen ersten Anlauf unternommen, die Atommüll-Endlager, deren Errichtung und Betrieb staatliche Aufgabe ist, zu privatisieren.[13][14]

Nachdem der Rückbau der AKW Greifswald und Rheinsberg 2014 in die Endphase überging, hatte EWN einen Stamm von 800 Mitarbeitern und sah sich als "nuklearen Entsorgungsdienstleister des Bundes". Neben den bereits genannten Projekten wird es auch künftig genug Aufträge geben: So stehen beispielsweise der Rückbau der staatlichen Forschungsreaktoren und des Atomschiffs NS Otto Hahn an.[15]

Zuwendungen und Mitgliedschaften

Bis Ende 2007 stellte der Bund EWN 2,5 Mrd. Euro zur Verfügung, damit dieses seine atomrechtlichen Verpflichtungen erfüllen konnte.[16] Der Bund unterstützte EWN in seiner Funktion als Nachfolgeeinrichtung der Treuhandanstalt auch in den letzten Jahren durch Zuwendungen aus dem Bundeshaushalt (in Euro): 104,0 Mio. (2011), 68,995 Mio. (2012), 85 Mio. (2013), 76,7 Mio. (2014) und 118,1 Mio. (2015). Alle diese Zuwendungen stammen aus dem weiter oben genannten Budget von 4,2 Mrd. Euro.[17][18]

EWN ist Mitglied bei den Lobbyorganisationen Deutsches Atomforum (DAtF) und VGB PowerTech und zahlt dafür Beiträge. Die beiden mittlerweile umbenannten EWN-Töchter Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH (AVR GmbH) und Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe Rückbau- und Entsorgungs-GmbH (WAK GmbH) waren 2014 ebenfalls Mitglieder beim Deutschen Atomforum.[19]

Export von Brennelementen

1990/1991 verhandelte EWN mit dem russischen Unternehmen Techsnabexport über die Rückführung abgebrannter Brennelemente der Kernkraftwerke Greifswald und Rheinsberg in die Sowjetunion. Die Verhandlungen wurden ergebnislos beendet.[20][21]

1995 wurde bekannt, dass eine Lieferung von nicht gebrauchten Brennelementen aus Greifswald-5 an das Atomkraftwerk Paks in Ungarn vereinbart war; der Transport sollte 1996 erfolgen.[22] Ob die Brennelemente tatsächlich geliefert wurden, ist unbekannt.

Unbefristete Lagerung von externem Atommüll?

Bisher durfte Atommüll im Zwischenlager Nord, der nicht aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, nur fünf Jahre vor und nach der Behandlung gelagert werden. Dies hatte die Landesregierung wegen Sicherheitsbedenken vorgegeben, da EWN keinen Nachweis erbracht hatte, dass die Anlage ausreichend gegen terroristische Anschläge geschützt ist. Zudem würde das Lagervolumen durch externen Abfall erheblich gesteigert. Gegen diese Vorschrift des Landes klagte EWN vor dem Verwaltungsgericht Greifwalds und bekam im November 2014 Recht: Das Innenministerium muss auf Anweisung des Gerichts die Genehmigung ändern und eine unbefristete Lagerung erlauben. Das Innenministerium erwägt, Berufung einzulegen und erklärte zudem, dass es kein Endlager in Greifswald geben solle, was vor allem die Opposition befürchtet.[23][24]

In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage hatte die Bundesregierung 2011 erklärt, dass sie die Klage von EWN unterstütze; nur bei unbefristeter Konditionierung und Lagerung könnten die Investitionen des Bundes in die "moderne Anlage" effizient genutzt werden.[25]

Pläne für Gas- und Kohlekraftwerke aufgegeben

EWN hatte nicht nur den Auftrag, das AKW Greifswald/Lubmin abzureißen, sondern auch, das Gelände zu vermarkten.[26]

Am ehemaligen Kraftwerksgelände wurden laut einem Dokument des Deutschen Bundestag von 2006 ein Industriehafen sowie eine Solarstromanlage in Betrieb genommen.[27]

Nach Greifwald/Lubmin wurde durch die Ostsee die Gasleitung aus dem russischen Wyborg bei Sankt Petersburg geführt, weswegen außerdem eine große Gasanlage errichtet werden sollte – und nebenan auch gleich noch ein Steinkohlekraftwerk mit drei Blöcken und einer Leistung von je 800 Megawatt. Dagegen erhob sich teilweise Widerstand, insbesondere bei den Bewohnern des Seebades Lubmin.[26]

2009 zog sich allerdings der dänische Energiekonzern Dong Energy aus dem Projekt zurück. Da sich kein Investor fand und es im Sommer 2013 Schwierigkeiten beim Genehmigungsverfahren gab, verhängte die EWN-Geschäftsführung Anfang 2014 einen Ausgabenstopp. Ende November 2014 beschloss der EWN-Aufsichtsrat die Aufgabe des Projekts, im Dezember kam das endgültige Aus. Die Usedomer Bürgerinitiative forderte außerdem, die Planung für den Rückbau des Deiches bei Peenemünde zu beenden. Es werden ein Anstieg des Grundwasserspiegels sowie Risiken "durch im Boden lagernde Munitionsaltlasten" befürchtet.[28][29]

Am 1. Juni 2015 hat EWN am Firmensitz ein Blockheizkraft mit Kraft-Wärme-Kopplung in Betrieb genommen.[30]

Fernsehbeiträge

EWN GmbH will nukleare Sicherheitskompetenz ausbauen05:47

EWN GmbH will nukleare Sicherheitskompetenz ausbauen

Sendung Regional vom 15. Februar 2013

Noch mehr AtomMüll ins Zwischenlager bei Lubmin..05:42

Noch mehr AtomMüll ins Zwischenlager bei Lubmin...

Sendung Regional, hochgeladen am 27. Januar 2011 auf YouTube


(Letzte Änderung: 11.02.2017)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 EWN: Unternehmen abgerufen am 10. Februar 2016
  2. EWN: Das Unternehmen abgerufen am 10. Februar 2017 (via WayBack)
  3. FAZ.net: Es geht um unser Geld - Die Nebenkosten der Energiewende vom 26. Mai 2015
  4. Bundesministerium der Finanzen: Bundesvermögen - Nachfolgeorganisationen der Treuhandanstalt abgerufen am 12. Juni 2015
  5. 5,0 5,1 taz.de: Weltmeister im AKW-Rückbau vom 2. Juni 2014
  6. EWN: Referenzliste abgerufen am 13. Oktober 2015 (via WayBack)
  7. Deutscher Bundestag: Atomtransporte nach Armenien (Drucksache 13/10131) vom 17. März 1998
  8. BMWi: Atom-U-Boot-Abrüstungsprojekt abgerufen am 11. Juni 2015
  9. NDR: EWN entsorgen Atom-U-Boote in Murmansk vom 27. Mai 2015
  10. Focus Online: Atomgefahr reduziert: U-Boot-Entsorgungsprojekt in Murmansk vor Ende vom 15. Dezember 2014
  11. Zeit Online: Atomgesetz - Regierung erwägt Privatisierung von Atom-Endlagern vom 21. September 2010
  12. n-tv.de: Rückzug "im Laufe des Vormittags" - Atommülllager bleiben staatlich vom 22. September 2010
  13. DER SPIEGEL 4/1991: Atommüll-Lager sollen privatisiert werden vom 21. Januar 1991
  14. Deutscher Bundestag: Ausbau der Kernenergie mit Hilfe der geplanten Novelle des Atomgesetzes (Drucksache 12/431) vom 26. April 1991
  15. heise.de: Nach dem AKW-Abbruch: Atom-Entsorger stellen sich neu auf vom 2. Januar 2014
  16. Deutscher Bundestag: Volkswirtschaftliche Kosten der Atomenergie (Drucksache 16/10077) vom 1. August 2008
  17. Deutscher Bundestag: Bemerkungen des Bundesrechnungshofes 2012 zur Haushalts- und Wirtschaftsführung des Bundes (Drucksache 17/11330) vom 12. November 2012
  18. bundeshaushalt-info.de: Finanzierung der Nachfolgeeinrichtungen der Treuhandanstalt 2012, 2013, 2014 und 2015 abgerufen am 12. Juni 2015
  19. Deutscher Bundestag: Vereinigungen der Atomlobby vom 5. März 2014
  20. Deutscher Bundestag: Entsorgungssituation abgebrannter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken und Einsatz von MOX (Mischoxid)-Brennelementen in deutschen Atomkraftwerken (Drucksache 12/543) vom 11. Juni 1991
  21. Deutscher Bundestag: Deutsche Atomtransporte nach Mittel- und Osteuropa und andere Atomgeschäfte (Drucksache 12/3417) vom 17. November 1992
  22. Deutscher Bundestag: Atommüll-Zwischenlager in Greifswald/Lubmin (Drucksache 13/2163) vom 18. August 1995
  23. NDR: Atommüllstreit: Land unterliegt vor Gericht vom 27. November 2014
  24. Focus Online: Innenministerium prüft Revision nach Atomurteil vom 27. November 2014
  25. Deutscher Bundestag: Unbefristete Zwischenlagerung von Atommüll im Zwischenlager Nord vom 28. Juli 2011
  26. 26,0 26,1 FAZ.net: Das Wunder von Lubmin vom 10. Mai 2007
  27. Deutscher Bundestag: Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit 2006 (Drucksache 16/2870, S. 69) vom 2. Oktober 2006
  28. NDR: EWN-Ausstieg: Aus für Gaskraftwerk in Lubmin vom 30. Juli 2014
  29. Focus Online: EWN ziehen sich komplett aus Gaskraftwerks-Projekt zurück vom 23. Dezember 2014
  30. pressebox.de: Energiesparend und umweltschonend: EWN nimmt neues Blockheizkraftwerk in Betrieb vom 12. Juni 2015

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