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Atomenergie in Europa > Großbritannien

Atomausstieg kein Thema

London-parliament2.jpg

Parlament in London (Großbritannien)

Atomkraft hat in Großbritannien, einem Gründungsmitglied der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) 1957,[1] eine lange Tradition.

Erste Reaktoren sind bereits in den 1950er Jahren ans Netz gegangen. Eine besondere Vorliebe bestand für gasgekühlte Reaktoren, die größtenteils bis 2006 abgeschaltet wurden. Der Rest macht aber heute noch das Gros des Kraftwerkparks aus.[2] Großbritannien war auch schon früh in die Brütertechnologie eingestiegen, die 1956 zu einer Explosion in → Dounreay führte und 1994 aufgegeben wurde. Außerdem sollten mehrere dampferzeugende Schwerwasserreaktoren errichtet werden, die jedoch ebenfalls verworfen wurden. → SGHWR

Schon in den 1980er Jahren war der britische Kraftwerkbestand völlig überaltert. Die damalige Premierministerin Thatcher setzte jedoch weiter auf Atomkraft. Sie war der Meinung, Großbritanniens wirtschaftlicher Abstieg sei auf eine Vernachlässigung der Atomenergie zurückzuführen und plante massive Investitionen. Risiken sah sie bei den Altreaktoren auch nach der Tschernobyl-Katastrophe nicht: "In puncto Sicherheit, so Frau Thatcher, seien Britanniens Atomanlagen "second to none"."[3]

Thatcher plante eine Privatisierung aller Atomkraftwerke, musste ihre Pläne jedoch bald wieder begraben. Kein Unternehmen wollte die maroden Atomanlagen kaufen. "Die 34 zum Verkauf stehenden Kernreaktoren, ließ National-Power-Manager Baker mitteilen, seien - so der Kern der blumenreich verschlüsselten Botschaft - ein einziger Schrotthaufen."[4]

Bis heute hat sich daran nichts geändert. Die überalterten Reaktoren laufen immer noch, und der amtierende Premierminister David Cameron lehnt einen Atomausstieg auch nach Fukushima ab. Bereits wenige Tage nach dem GAU kündigte Cameron vielmehr an, eine Atom-Renaissance einleiten zu wollen.[5] Es gab zwar auch kritische Stimmen, die aber von der Londoner Regierung eingedämmt wurden. Die britische Tageszeitung "Guardian" entdeckte interne E-Mails britischer Regierungsmitarbeiter, die zwei Tage nach Fukushima in Kontakt mit britischen Energiekonzernen traten, um eine gemeinsame PR-Strategie für Atomkraft zu entwickeln. Die Katastrophe sollte heruntergespielt werden, um Widerstände gegen eigene Reaktorneubauten zu verhindern.[6]

Im Oktober 2011 wurden der Pro-Atomkraft-Kurs bestätigt und der Bau neuer Reaktoren angekündigt.[7] Laut der World Nuclear Association (WNA) sind 11 neue, leistungsstarke Reaktoren an den bestehenden Standorten Hinkley Point, Oldbury, Sizewell und Wylfa sowie am neuen Standort Moorside geplant oder vorgeschlagen. Die neuen Einheiten sollen ab 2023 bis zum Ende der 2020er Jahre in Betrieb gehen.[8] Dies ist auch in einem Strategiepapier der Regierung vom 26. März 2013 nachzulesen: → gov.uk: Nuclear industrial strategy: the UK's nuclear future.

15 Altreaktoren, Sellafield und Dounreay

Momentan sind nach der Abschaltung von Wylfa-1 Ende 2015 im Vereinigten Königreich 15 Reaktoren an sieben Standorten in Betrieb, so viele wie in Deutschland vor dem Moratorium. Viele ältere Reaktoren sind bereits vom Netz gegangen, darunter Chapel Cross im Jahre 2004,[9] in dem sich am 2. Mai 1967 eine teilweise Kernschmelze ereignet hatte.[10] Im kommenden Jahrzehnt sollen bis auf Sizewell B alle derzeit aktiven Reaktoren stillgelegt werden.[11] Die Kosten für die Sanierung aller verseuchten britischen Standorte wurden im September 2014 auf 69 Mrd. britische Pfund geschätzt. Der Regierung und den Regulierungsbehörden wurden deshalb vom National Audit Office Inkompetenz vorgeworfen.[12]

Standorte mit aktiven Reaktoren:
Dungeness
Hartlepool
Heysham
Hinkley Point
Hunterston
Sizewell
Torness

Geplanter Standort:
Moorside

Stillgelegte Standorte:
Berkeley
Bradwell
Calder Hall
Chapelcross
Dounreay
Oldbury
Trawsfynydd
Windscale AGR
Winfrith
Wylfa

Aufgegebene Reaktoren:
SGHWR


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An den meisten Standorten werden gasgekühlte AGR-Reaktoren betrieben, die schon in den 1970er Jahren als veraltet galten und deren Auslastung wegen ihrer Störfanfälligkeit nur bei 50 % liegt.[12] Die Anfälligkeit der Kraftwerke zeigte sich im Sommer 2014, als fünf Blöcke an den Standorten Heysham, Hartlepool und Wylfa und somit 30 % der Stromerzeugung aus Atomkraft ausfielen. Die fehlende Kapazität wurde durch Windkraftwerke geliefert.[13]

1981 aufgegeben wurde der geplante Schnelle Brüter Commercial Demonstration Fast Reactor (CDFR), der 1.320 MW Leistung besitzen und mit Mischoxiden (MOX) betrieben werden sollte.[14][15]

Aerial view Sellafield, Cumbria - geograph.org.uk - 50827.jpg

Brennelementefabrik Sellafield (Großbritannien)

Darüber hinaus befindet sich auf britischem Boden die Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield mit dem größten Plutoniumlager der Welt. 1956 hatte sich auf diesem Gelände bereits der Reaktorbrand von Windscale ereignet. In der Nähe von Sellafield befindet sich außerdem das Lager Drigg, in dem eine Millionen Tonnen Atommüll gelagert werden. Die britische Umweltbehörde geht davon aus, dass das Lager im Meer versinken und die Westküste Großbritanniens radioaktiv verseuchen wird. → Sellafield (ehemals Windscale)

Das mittlerweile in Stilllegung befindliche Atomzentrum Dounreay an der Nordspitze Schottlands hinterließ laut der schottischen Umweltbehörde eine irreparabel radioaktiv verseuchte Küstenregion und verursachte einen Anstieg der Leukämieerkrankungen bei Kindern. → Dounreay

Bemerkenswert ist, dass Großbritannien laut IAEO nur noch einen aktiven Forschungsreaktor mit der Bezeichnung Neptune und einer Leistung von 0,100 KW aus dem Jahr 1963 besitzt, daneben aber eine große Zahl abgeschalteter oder stillgelegter Forschungsreaktoren.[16]

Milliardensubventionen für neue Reaktoren

Pile of Pennies 3 (25890504285).jpg

Für eine Handvoll Pence mehr ...

Die britische Regierung hält trotz aller Rückschläge am Ausbau der Atomkraft fest und versucht, das Projekt durch versteckte Zuschüsse zu finanzieren. Hierbei bedient sie sich verschiedener Mittel, um zu verschleiern, dass der britische Staat und damit der Bürger mit Milliardensubventionen nachhelfen müssen: staatliche Bürgschaften, garantierte überteuerte Einspeistarife, ausländische Investitionen.

Bis 2023 soll in Somerset ein neues Atomkraftwerk mit dem Namen Hinkley Point-C und zwei Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 3.200 MW errichtet werden, das 7 % des britischen Energiebedarfs decken soll. Die Baukosten wurden 2013 noch auf 16 Mrd. Britische Pfund geschätzt. Weitere sieben AKW sollen bis 2030 gebaut werden und ältere Atomkraftwerke ersetzen.[17] im Oktober 2014 lagen die Schätzungen für die Baukosten von Hinkley Point-C bereits bei 24,5 Mrd. Britische Pfund.[18] Dafür soll ein staatlich garantierter Einspeisetarif von 139 Euro gezahlt werden, der deutlich über dem von Solar- und Windenergie liegt (Stand: November 2015).[19]

Detaillierte Informationen unter → Hinkley Point (Großbritannien) - Ausbaupläne mit Bürgschaften und Preisgarantien

Das Projekt wirft viele Fragen auf. Die Einspeisegarantie treibt den Strompreis in die Höhe. Die Investoren werden erwarten, dass ihre Reaktoren immer mit Volllast gefahren werden. Was passiert, wenn die garantierten Strommengen auf dem Markt nicht verkauft werden können, weil die Preise trotz der Subventionen zu hoch sind oder der Strom nicht benötigt wird? Bei den beiden neuen Meilern handelt es sich außerdem um europäische Druckwasserreaktoren (EPR), einen Reaktortyp, der bei den Neubauten AKW Flamanville 3 (Frankreich) und Olkiluoto 3 (Finnland) zu explodierenden Kosten geführt hat. Es ist also wahrscheinlich, dass es bei den genannten Kosten, die ohnehin immens sind, nicht bleiben wird.

Der Neubau von AKW wird von der Regierung als alternativlos hingestellt: nur so könnten die 15 alten AKW der ersten Generation ersetzt und die CO2-Emissionen begrenzt werden.[20] Cameron rechtfertigte den Neubau außerdem mit Worten, die wir von der deutschen Atomlobby kennen: "Wenn wir diese notwendigen Investitionen nicht machen, dann werden wir die Lichter ausgehen sehen." Nur Atomkraft ermögliche eine "sichere Stromversorgung".[21]

Im Dezember 2013 kündigte Großbritannien an, ein ebenfalls staatlich subventioniertes AKW im walisischen Wylfa auf der Insel Anglesey bauen zu wollen.[22]

Die europäische Atomlobby möchte ein Scheitern des Hinkley-C-Projekts unbedingt verhindern. Im April 2014 kritisierte das Europäische Atomforum (FORATOM), der Dachverband der europäischen Atomindustrie, die EU-Kommission, da diese in der Subventionierung von Hinkley Point C einen Verstoß gegen den Wettbewerb sah. Dies behindere den Ausbau der Atomkraft in anderen europäischen Staaten. Nach Meinung von Foratom sei nur mit Atomkraft eine günstige Entkarbonisierung der britischen Energiewirtschaft möglich; Atomkraft habe "die geringste unfallbedingte Todesrate aller kommerziellen Stromproduktionstechnologien".[23]

Im Juni 2014 unterzeichneten Großbritannien und China ein Abkommen, das China den Entwurf, Bau und Betrieb neuer AKW im Königreich ermöglichen soll, soweit sie Anforderungen der britischen Regulierungsbehörde erfüllen. Damit möchte die britische Regierung alternde Atomkraftwerke ersetzen lassen und einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Kritiker in politischen Kreisen befürchten dadurch jedoch eine Schwächung der nationalen Sicherheit und eine wachsende Abhängigkeit von China.[24]

Am 8. Oktober 2014 billigte die EU-Kommission Errichtung und Subventionierung von Hinkley Point-C. "Dabei ging es vor allem um den damals garantierten Stromabnahmepreis für die ersten 35 Jahre. Großbritannien sei es nun gelungen, "die anfänglichen Zweifel der Kommission auszuräumen", erklärte die Kommission jetzt."[25]

Neues Standbein Windenergie

Großbritannien setzt zugleich seit Jahren verstärkt auf Windenergie, möchte zur führenden Offshore-Nation werden und damit ein Viertel seines heimischen Energiebedarfs decken.[26]

Am 4. Januar 2013 eröffnete Premierminister Cameron den größten Windpark der Welt vor der Küste Südenglands. Am Bau der 175 Turbinen umfassenden und 2,3 Mrd. Dollar teuren Anlage "London Array" waren auch E.ON und Siemens beteiligt. Die Anlage hat 630 MW Leistung und kann eine halbe Million Haushalte mit Strom versorgen. "Bis 2020 plant die Regierung in London mit insgesamt 18 Gigawatt derart installierter Leistung. Windparks mit insgesamt 3,3 Gigawatt sind bereits in Betrieb."[27]

Schottland: Atomausstieg bis 2020

Schottland kündigte am 19. März 2012 an, keine neuen AKW auf schottischem Boden bauen lassen und längerfristig aus der Atomkraft aussteigen zu wollen.[28]

Als erstes AKW soll 2016 Hunterston B mit zwei Reaktoren vom Netz gehen. Der Atomausstieg soll bis 2020 vollzogen und die Energieversorgung zu 100 % durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Bereits jetzt liegt der Anteil in Schottland bei 46,5 %. Ein Hauptgrund für den Atomausstieg ist, dass es keine Lösung für die Lagerung von Atommüll gibt, ein weiterer, dass dezentrale Strukturen bei der Stromerzeugung aufgebaut werden sollen.[29]

Militärische Nutzung der Atomkraft

Großbritannien begann 1940 mit der Entwicklung von Atomwaffen und führte 1952 den ersten erfolgreichen Atomwaffentest durch.[30] Schätzungen zufolge verfügte das Land 2017 über einen Bestand von 215 nuklearen Sprengköpfen.[31]

Das für das britische Atomwaffenprogramm benötigte Plutonium wurde von den zwei → Windscale Piles mit ihren beiden luftgekühlten Reaktoren produziert,[32] aber auch von den Atomkraftwerken → Calder Hall und → Chapelcross sowie möglicherweise weiteren gasgekühlten MAGNOX-Reaktoren, die darüber hinaus zur kommerziellen Stromerzeugung dienten.[33]

Weitere Links

Stop Nuclear Power Network UK (Homepage)
→ AtomkraftwerkePlag: Atommüll und Endlagerung in Europa: Großbritannien

(Letzte Änderung: 18.03.2017)

Einzelnachweise

  1. IAEO: Member States abgerufen am 11. März 2016
  2. IAEO: Country Nuclear Power Profiles/United Kingdom abgerufen am 14. Februar 2015
  3. DER SPIEGEL 16/1987: Sich selbst in die Luft gesprengt vom 13. April 1987
  4. DER SPIEGEL 2/1990: Unsanfte Landung vom 8. Januar 1990
  5. Spiegel Online: Tories träumen von der Atom-Renaissance vom 20. März 2011
  6. Spiegel Online: Kampf den Atom-Kritikern vom 1. Juli 2011
  7. Focus Online: Großbritannien sagt Ja zur Atomkraft vom 11. Oktober 2011
  8. WNA: Nuclear Power in the United Kingdom abgerufen am 28. August 2013
  9. IAEA PRIS: CountryStatistics/United Kingdom
  10. tagesschau.de: Kosten von Atomunfällen - Fukushima, Tschernobyl und viele andere vom 11. März 2014
  11. heise online: AKW-Bau nur mit Staatsknete vom 1. Juli 2013
  12. DER SPIEGEL 2/1990: Unsanfte Landung vom 8. Januar 1990
  13. IWR: Fünf britische Atomkraftwerke fallen aus - Windenergie springt ein vom 20. August 2014
  14. IAEO PRIS: CDFR abgerufen am 25. März 2016
  15. books.google.de: Fast Breeder Reactors von 1981
  16. IAEO: Research Reactors/Countries: United Kingdom abgerufen am 4. April 2014
  17. Spiegel Online: Kooperation mit China: Großbritannien baut erstes Atomkraftwerk seit Jahrzehnten vom 21. Oktober 2013
  18. Financial Times: Brussels backs Hinkley Point C as cost forecasts soar vom 8. Oktober 2014
  19. manager magazin: Energiewende, very british vom 18. November 2015
  20. nzz.ch: Hastige Renaissance der Kernenergie vom 24. Oktober 2013
  21. Süddeutsche.de: Frankreich und China bauen Atomkraftwerk in Großbritannien vom 21. Oktober 2013
  22. FAZ.net: Briten kündigen nächstes neues Atomkraftwerk an vom 4. Dezember 2013
  23. nuklearforum.ch: Hinkley Point C - Foratom kritisiert Europäische Kommission vom 15. April 2014
  24. Welt Online: Weg frei für chinesische Atomkraftwerke in England vom 18. Juni 2014
  25. tagesschau.de: Genehmigung durch EU-Kommission - Briten dürfen umstrittenes AKW bauen vom 8. Oktober 2014
  26. Focus Online: Megaprojekt vor Englands Küste - In der Nordsee entsteht der größte Offshore-Windpark der Welt vom 4. Oktober 2012
  27. Spiegel Online: Offshore-Energie: Großbritannien eröffnet größten Windpark der Welt vom 4. Juli 2013
  28. nuklearforum.ch: Zukünftige schottische Stromerzeugung: anspruchsvolle Ziele vom 19. März 2012
  29. Badische Zeitung: Die Schotten wollen nur noch Ökostrom vom 11. August 2014
  30. NTI: United Kingdom/Nuclear abgerufen am 16. Dezember 2015
  31. FAS: Status of World Nuclear Forces abgerufen am 14. Februar 2017
  32. sellafieldsites.com: Challenge abgerufen am 18. März 2017
  33. theguardian: First nuclear power plant to close vom 21. März 2003

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