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Reaktoren in Betrieb > Grohnde (Niedersachsen)

Druckwasserreaktor • Leistung: 1.430 MW • Typ: PWR • Hersteller: KWU •
Baubeginn: 1. Juni 1976 • Inbetriebnahme: 1. September 1984 •[1][2] Abschaltung: 31. Dezember 2021[3]


Informationen zum Reaktor

KKW Grohnde Weser

Atomkraftwerk Grohnde

Der Druckwasserreaktor Grohnde (KWG) ist im Weserbergland nahe der Stadt Hameln in Niedersachsen gelegen. Er wurde am 1. September 1984 in Betrieb genommen und besitzt eine Leistung von 1.430 MW. Hersteller der Anlage war die Kraftwerk Union (KWU),[2] Eigentümer sind zu 83,3 % E.ON Kernkraft (mittelbar) und zu 16,7 % die Stadtwerke Bielefeld. Betreiber ist die Gemeinschaftskernkraftwerk Grohnde GmbH & Co. oHG.[4]

Am Standort befindet sich außerdem ein Zwischenlager.

Widerstände gegen den Bau

Ortsdurchfahrt B 83

Ortsdurchfahrt B 83 mit Blick auf die Kühltürme

Atomkraftgegner hatten 1977 mit Protestaktionen versucht, den Bau der Anlage zu verhindern. Für den 19. März riefen 40 Bürgerinitiativen zur Demonstration auf, und um die 20.000 Atomkraftgegner, darunter viele militante und vermummte, folgten dem Aufruf. Das Baugelände wurde gestürmt, 5.000 Polizisten stellten sich dem Ansturm entgegen. Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen in der "Schlacht von Grohnde" wurden Hunderte von Beamten und Demonstranten verletzt. Gegen 11 Personen wurde Anklage erhoben.[5][6]

Im Juni 1977 wurde am Baugelände das "Anti-Atom-Dorf" errichtet, welches von mehreren Hundertschaften der Polizei im August wieder abgerissen wurde.[7] Bei der Räumung gab keine schweren Zwischenfälle; unmittelbar danach wurde ein Bauzaun errichtet.[8]

→ DER SPIEGEL 33/1977: Macky, Mecky, Mucky und der Atom-Protest - SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Becker im "Anti-Atom-Dorf" Grohnde vom 8. August 1977

Zum 25-jährigen Betrieb des Meilers 2009 zeigte sich Christian Wulff, damals niedersächsischer Ministerpräsident, als aufrechter Verfechter der Atomkraft. Grohnde sei ein Beispiel für einen "erfolgreichen und störfallfreien" Betrieb. "Es sei falsch, die zuverlässig laufende Anlage ohne technische Begründung nur aufgrund einer politischen Entscheidung abzuschalten". Opposition und Bürgerbewegungen konnten dem angesichts der bis zum diesem Zeitpunkt 200 aufgetretenen Pannen nicht zustimmen.[9]

Im September 2012 brachte ein Frachter britische MOX-Brennelemente von Sellafield zur deutschen Küste, die mit Lastwagen weiter zum AKW Grohnde zur Energieerzeugung transportiert wurden. Die Transporte wurden von Protesten begleitet. Es war der erste derartige Transport seit Ende der 80er Jahre. Weitere Transporte sind angekündigt worden.[10]

Mängel und Störfälle

Bedenklich stimmt, dass der Reaktor, obwohl erst 1984 in Betrieb gegangen, noch mit einer Technik aus den 1970er Jahren errichtet wurde (Baubeginn 1976).[1]

Seit Inbetriebnahme sind laut Bundesamt für Strahlenschutz 249 meldepflichtige Ereignisse registriert worden, womit das AKW nach Philippsburg II (Baden-Württemberg) den zweiten Platz in der Pannenstatistik einnimmt (Stand: 22. April 2017).[11]

1985 wurde laut einem Artikel des "Spiegel" bei einer Revision entdeckt, dass das Notkühlsystem defekt war, da die Notkühlpumpen statt Wasser Gas enthielten. Die Politik versuchte den Vorfall herunterzuspielen, erst ein IAEO-Bericht dokumentierte die Gefahr. Ein Ausfall des Kühlsystems hätte zu einer Kernschmelze führen können.[12] Im EU-Stresstest wurden im Oktober 2012 Mängel am AKW Grohnde offengelegt: "Das Zeugnis der EU-Experten fiel generell nicht gerade positiv aus: Neben den fehlenden Erdbebenwarnsystemen wurden auch der fehlende Schutz der Reaktorgebäude bei starken Erdbeben sowie die lückenhaften Notfallpläne für schwere Unfälle bemängelt."[13]

Im März 2013 wurde zwar bekannt, dass das AKW Grohnde "einer umfassenden Sicherheitsüberprüfung (...) nach dem Stand von Wissenschaft und Technik" unterzogen werden, insbesondere auch in Bezug auf die Nutzung von MOX-Brennelementen.[14] Dennoch ist der Einsatz dieser Brennelemente weiterhin vorgesehen, was auf scharfe Kritik von Atomkraftgegnern stößt: "E.on-Kernkraft provoziere damit zusätzliche Gefahren, sagte ein Sprecher der Regionalkonferenz "Akw Grohnde abschalten" am Mittwoch. Die Neutronenstrahlung der Mox-Stäbe verstärke den Versprödungsprozess des Reaktordruckbehälters. Dabei sei dieser am Kraftwerk Grohnde sowieso schon aus einer besonders rissanfälligen Stahlsorte gefertigt."[15]

Nur wenige Tage, nachdem Atomkraftgegner eine sofortige Abschaltung des AKW wegen der geplanten Einsetzung von gefährlichen MOX-Brennelementen gefordert hatten, musste der Reaktor am 29. April 2014 aus anderen Gründen tatsächlich heruntergefahren werden. Im Inneren des Stromgenerators wurde ein Schaden entdeckt, dessen Ursache nicht geklärt werden konnte und der dem Betreiber E.ON Millionen Euro gekostet haben dürfte.[16]

Im Mai 2014 wurden weitere Schäden im Reaktorkern an sogenannten Drosselkörpern entdeckt. E.ON wollte alle 132 Drosselkörper untersuchen. "Die Teile sorgen dafür, dass der Kühlkreislauf an den Brennelementen gleichmäßig fließt."[17]

E.ON scheint mittlerweile das Geld für fabrikneue Ersatzteile zu fehlen. Der Ersatzgenerator für den im April 2014 ausgefallenen Stromgenerator ist ein gebrauchtes Gerät, das bereits an verschiedenen Stellen angerostet ist. E.ON bestritt, dass es sich um ein "Altgerät minderwertiger Güte" handelt.[18]

Am 19. Juni 2014 untersagte das niedersächsische Umweltministerium das Hochfahren des Reaktors nach einer Revision und schaltete die Staatsanwaltschaft ein, da der Verdacht aufkam, E.ON habe eine Schweißnaht an einer Armatur schlampig reparieren lassen, um das AKW schnellstmöglich wieder ans Netz zu bringen.[19] Da die Staatsanwaltschaft keinen Anfangsverdacht sah, durfte der Reaktor wieder angefahren werden.[20]

Mangelnde Rentabilität, Abschaltung Ende 2021

Am 30. Juli 2015 wurde bekannt, dass der Betrieb des Atomkraftwerks Grohnde tiefe Löcher in die Bilanzen der Stadtwerke Bielefeld gerissen hat, der Miteigentümer der Anlage ist. Seit 2011 verursachte das AKW einen Erlösrückgang von 100 Mio. Euro bei den Stadtwerken, was auf den Marktpreisverfall zurückgeführt wird. Vom Haupteigentümer E.ON werden keine genaueren Angaben genannt.[21]

Laut Atomgesetz muss das AKW Brokdorf spätestens am 31. Dezember 2021 endgültig abgeschaltet werden.[3] Die Nachbetriebszeit soll fünf Jahre dauern, danach soll ein schrittweiser Rückbau erfolgen.[22]

Weitere Links

Bürgerinitiative Umweltschutz e.V.: AKW Grohnde – Nein Danke!

Bilderserie

  • Foto-Dokumentation über besetztes Kühlturmgelände des AKW Grohnde 1977
Anti-Atom-Dorf Grohnde 197704:26

Anti-Atom-Dorf Grohnde 1977.wmv

Hochgeladen auf YouTube am 7. April 2011

(Letzte Änderung: 04.08.2017)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: PRIS - Country Statistics/Germany abgerufen am 26. Mai 2014
  2. 2,0 2,1 IAEO: LES CENTRALES NUCLEAIRES DANS LE MONDE von 1997
  3. 3,0 3,1 BfE: Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke abgerufen am 9. Juli 2017
  4. E.ON: Kernkraftwerk Grohnde abgerufen am 30. März 2013
  5. DER SPIEGEL 20/1978: Schwarz vor Augen vom 15. Mai 1978
  6. t-online.de: Am Anfang war die "Schlacht von Grohnde" vom 18. März 2011 (via WayBack)
  7. wissen.de: Was war am 23. Aug. 1977? abgerufen am 17. Juli 2014
  8. FAZ.net: Kernfrage Kernenergie vom 2. September 1977
  9. NDR.de: Wulff lobt AKW Grohnde - Atomgegner protestieren vom 12. August 2009 (via WayBack)
  10. Spiegel Online: Umstrittener Atomtransport - Frachter bringt britische Brennelemente nach Deutschland vom 23. September 2012
  11. BfS: Kernkraftwerke in Deutschland: Meldepflichtige Ereignisse seit Inbetriebnahme abgerufen am 22. April 2017
  12. DER SPIEGEL 17/1987: Mir läuft der kalte Schauer über den Rücken SPIEGEL-Report über verheimlichte KKW-Störfälle in aller Welt vom 20. April 1987
  13. NDR: AKW-Stresstest: Birkner weist EU-Kritik zurück vom 5. Oktober 2012 via WayBack
  14. PresseBox: Einsatz von MOX-Brennelementen wird kritisch überprüft vom 27. März 2013
  15. Welt Online: Atomkraftgegner kritisieren geplanten Einsatz von Mox-Brennstäben vom 27. März 2013
  16. dewezet.de: Millionen-Schaden im Atomkraftwerk Grohnde vom 29. April 2014
  17. NDR: AKW Grohnde: Weitere Defekte im Reaktorkern vom 20. Mai 2014
  18. taz.de: Jede Menge Probleme beim E.ON-Meiler - AKW Grohnde bröselt weitervom 28. Mai 2014
  19. Spiegel Online: Umstrittene Reparatur: Atomkraftwerk Grohnde wird Fall für den Staatsanwalt vom 19. Juni 2014
  20. NDR: AKW Grohnde ist wieder am Netz vom 2. Juni 2014
  21. Schaumburger Zeitung: Atomkraftwerk brechen Einnahmen weg - Stadtwerke Bielefeld als Mitgesellschafter nennt Zahlen vom 30. Juli 2015
  22. PreussenElektra: Kraftwerk Grohnde abgerufen am 9. Juli 2017

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