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Atomfabriken in Deutschland > Hanauer "Atomdorf"

NUKEM • ALKEM • RBU • HOBEG • TN


Brennelementewerke in Hanau

Graphitkugel fuer Hochtemperaturreaktor

Brennelement für Hochtemperaturreaktor

1986 wurde einer der größten Atommüllskandale der Bundesrepublik Deutschland aufgedeckt, der sich im Hanauer Stadtteil Wolfgang abgespielt hatte.

Im Hanauer "Atomdorf" hatten sich einige Nuklearunternehmen mit einer festen Aufgabenteilung angesiedelt, die Brennelemente für Atomkraftwerke herstellen sollten. NUKEM (Nuklear-Chemie und Metallurgie) war für die Produktion von Brennelementen für Forschungsreaktoren, RBU (Reaktor-Brennelement Union) lieferte Brennelemente für Leichtwasserreaktoren. Die ALKEM (Alpha-Chemie und Metallurgie) fertigte MOX-Brennelemente für Leichtwasserreaktoren und Schnelle Brüter, die HOBEG (Hochtemperaturreaktoren Brennelemente Gesellschaft) für Hochtemperaturreaktoren.[1] Die NUKEM Tochter Transnuklear (TN) war für die Spedition zuständig.[2]

Bei NUKEM und RBU wurde angereichertes Uran zu Tabletten gepresst. Diese wurden in Brennstäbe gefüllt, zu Brennelementen zusammengefasst und in Reaktoren genutzt. Im Plutoniumwerk ALKEM wurde aus bereits abgebrannten Brennstäben stammendes Plutonium extrahiert und für die Nutzung in "Schnellen Brütern" und anderen Reaktoren wiederaufgearbeitet. Auf dem Gelände lagerten etwa fünf bis sechs Tonnen Plutonium, ausreichend für etwa fünfhundert atomare Sprengköpfe. Die gefährlichen Wiederaufarbeitungsprodukte wurden dann durch das Land transportiert. ALKEM war "Ausgangspunkt oder Ziel aller Plutonium-Transporte die über bundesdeutsche Straßen rollen".[3]

Von 1980 bis 1985 hatte es bereits diverse Pannen gegeben, bei denen Bedienstete kontaminiert wurden oder uran- und strahlenbelastete Flüssigkeit ins Grundwasser gelangte. Im März 1987 kam es aufgrund einer verunreinigten Urantablette zu einer Plutonium-Verseuchung bei NUKEM. Mehrere Mitarbeiter wurden verstrahlt und in ihrer Gesundheit geschädigt.[4]

Illegale Produktion ohne atomrechtliche Genehmigung

Dies alles war schon ein Skandal für sich, dazu kam jedoch, dass ALKEM, NUKEM und RBU ihre Geschäfte illegal und ohne Genehmigung durchführten.

Zwar wurden in den 1960er Jahren einfache Anlagen zur Herstellung von Hüllrohren, ein Wasserstoffspeicher und eine Ölfeuerungsanlage genehmigt. In den folgenden Jahren aber nahmen die Firmen in geheimer Absprache mit Politikern die Produktion und Lagerung von Brennelementen auf. Dies wurde zwar schon Mitte der 1970er Jahre bemerkt, aber es wurden keine Konsequenzen gezogen. "Auch elf Jahre danach besitzt keine der Atomfabriken die geforderte Genehmigung. Die Firmen haben noch nicht einmal alle notwendigen Prüfungsunterlagen vorgelegt. Wie trefflich es Atommanager und Ministeriale verstanden haben, die Genehmigungsverfahren immer wieder zu verzögern, belegt die Prüfung der Nukem-Anlagen. Das bloße Versprechen des Betreibers, das alte Werk durch einen sicheren Neubau ersetzen zu wollen, genügte dem hessischen Wirtschaftsministerium, um sechs Jahre lang stillzuhalten."[5]

Erst 1986, im Jahr der Tschernobyl-Katastrophe, war der politische Wille da, Untersuchungen einzuleiten und die damaligen Machenschaften und die Verstrickungen der Politik darin aufzudecken. In einer "658 Seiten starken Anklageschrift" wurde gegen ALKEM-Manager und Beamte der Genehmigungsbehörden Anklage erhoben.[6]

Atommüllschiebereien und Schmiergelder

Die NUKEM-Tochter Transnuklear kontrollierte 80 % der Transporte mit radioaktiven Stoffen in Deutschland.[2]

1987 stellte sich nach einer Betriebsprüfung heraus, dass das Speditionsunternehmen Transnuklear jahrelang Atommüll über die deutsch-belgische Grenze verschoben und dafür Schmiergelder in Millionenhöhe gezahlt hatte. 1988 wurde berichtet: "Hier gab es 200 000 Mark für "Unvorhergesehenes", dort 25 000 "Akquisitionsgebühr". Rund 2000 Fässer mit falsch deklariertem Inhalt wurden bisher gefunden – nur die Spitze eines Eisbergs, vermuten Branchenkenner." Der Skandal erschütterte das Vertrauen in die komplette Atomindustrie.[7]

Weitere Details dazu unter → Korruption und Drehtür/NUKEM • ALKEM • RBU • HOBEG • TN

Bei Untersuchungen kam 1988 heraus, dass NUKEM über die Schiebereien ihrer Tochter Transnuklear informiert war und Atommüll unzulässig manipulierte: verschiedene Komponenten wurden vermischt und falsch deklariert. So musste beispielsweise 1985 hochradioaktiv verseuchtes Mobiliar entsorgt werden, das im belgischen Mol so nicht behandelt werden konnte. Deshalb wurde auf diesen Atommüll so viel schwach radioaktives Uran-238 geschüttet, bis eine zulässige Mischung erreicht war. Der Atommüll wurde in Mol nicht wie vorgesehen reduziert, sondern enthielt nach seiner Rückkehr plötzlich Kobalt und Cäsium 137, die im zuvor nach Belgien versandten Atommüll gar nicht enthalten gewesen waren. Diese Machenschaften wurden von NUKEM nicht gemeldet. 700 Fässer mit deutschem Atommüll verschwanden spurlos in Belgien. ALKEM lagerte in Belgien bei Belgonucleaire (BN) über Jahre hinter dem Rücken der belgischen Regierung 600 Kilogramm Plutonium. Zudem lieferten NUKEM und Transnuklear über Belgien spaltbares Material nach Pakistan und Libyen und die NUKEM-Tochter Inter-Nuclear schweres Wasser nach Pakistan, womit der Atomwaffensperrvertrag unterlaufen wurde.[2] Daran beteiligt war auch das Unternehmen "Neue Technologien GmbH (NTG)" aus Gelnhausen bei Hanau, das Know-how und nukleares Material aller Art nach Pakistan schaffte.[8][9]

Die Politik schritt lange nicht ein

Die politischen Verantwortlichen, wie z. B. der frühere Ministerpräsident Holger Börner (SPD) und das hessische Wirtschaftsministerium, die sich als Förderer der Atomindustrie sahen, schritten lange nicht gegen die illegalen Praktiken ein, weil mit Hanau das "Herzstück der deutschen Atomindustrie" betroffen und die Existenz der Atomwirtschaft gefährdet war. "Zwischen Wiesbaden und Hanau wucherte Filz, zwangsläufiges Resultat der staatlichen Atomförderpolitik. Weil mächtige Bonner Ministerien und ebenso mächtige Großkonzerne wie das RWE, die Degussa, Siemens und die KWU sich gemeinsam für ihr Ziehkind Atomwirtschaft einsetzten, fehlten die unabhängigen und kritischen Kontrollinstanzen."[2]

Infolge des Skandals und atompolitischer Differenzen zwischen dem SPD-Ministerpräsident Holger Börner, einem Atombefürworter, und dem grünen Umweltminister Joschka Fischer zerbrach die rot-grüne Koalition in Hessen.[10]

Stilllegung für eine halbe Mrd. Euro

Nukem-Stilllegung vor 25 Jahren in Hanau04:46

Nukem-Stilllegung vor 25 Jahren in Hanau

Erst 1987 wurde der Transnuklear die Betriebsgenehmigung entzogen, und 1988 wurde NUKEM stillgelegt.[2]

1991 wurde die MOX-Brennelementefabrik ALKEM stillgelegt. Gelernt hatte die Politik aber nichts daraus. "1992 sollte eine neue Mischoxyd-(MOX-)Anlage die stillgelegte Atomfabrik ersetzen. Die neue Anlage ging jedoch unter anderem wegen des Widerstands von Anwohnern nie in Betrieb. Versuche, die neue Fabrik nach Russland und China zu exportierten, scheiterten."[11]

Abriss und Sanierung des "Atomdorfs" kosteten schätzungsweise 500 Mio. Euro und erforderten einen großflächigen Bodenaustausch, da Chemikalien bei der Uranverarbeitung in den Untergrund eingedrungen waren.[12] Die letzten Brennelemente wurden erst 2005 abtransportiert, und das Plutoniumlager durch das Bundesamt für Strahlenschutz geräumt.[13]

In Hanau, das versucht, sein Image als "Atomdorf" loszuwerden, lagern bis heute nukleare Rückstände, weil kein Endlager zur Verfügung steht. Hanau setzte sich gegen Pläne eines dritten atomaren Zwischenlagers zur Wehr und bekam 2009 vor dem Hessischen Verwaltungsgericht Recht.[14]

Die NUKEM GmbH in Deutschland/USA ist heute eine Größe im internationalen Uranhandel.[15] Die selbständige NUKEM Technologies erbringt internationale Leistungen: "Management von radioaktivem Abfall und abgebrannten Brennelementen, die Stilllegung von nuklearen Anlagen sowie Ingenieurdienstleistungen und Consulting."[16] Im Januar 2013 wurde die Nukem Energy GmbH von der kanadischen Cameco Corporation übernommen.[17]

Liste nuklearer Anlagen in Hanau

Das Bundesamt für Strahlenschutz listet folgende atomtechnischen Anlagen auf, die sich in Hanau befunden haben: [18][19]

  • Brennelementewerk NUKEM (oder NUKEM-A) zur Herstellung von Brennelementen aus angereichertem Uran und Thorium für Forschungsreaktoren (Betrieb: 1962-1968)
  • Hochtemperaturreaktor-Brennelementfabrik der HOBEG zur Herstellung von kugelförmigen Brennelementen für Hochtemperaturreaktoren auf Basis von Uran (bis 94 % U-235) und Thorium (Betrieb: 1973-1988)
  • Siemens Brennelementewerk Hanau, Betriebsteil Uranverarbeitung; Fertigung von UO2-Brennelementen für Leichtwasserreaktoren bis 5 % U-235 Anreicherung (Betrieb: 1969-1995)
  • Siemens Brennelementewerk Hanau, Betriebsteil MOX, ehemals ALKEM; Herstellung von Brennelementen für Schnellbrüter- und Leichtwasserreaktoren auf Basis v. Uran-Plutonium-Mischoxid (Betrieb: 1968-1991)

Weitere Links

→ Süddeutsche.de: Gelände der Spedition Transnuklear 1988 (Bild)
→ Der Spiegel 2/1988: Das Vertrauen ist erheblich erschüttert vom 11. Januar 1988 (Interview mit Umweltminister Klaus Töpfer über die Affäre Transnuklear und die Risiken der Atomenergie)

(Letzte Änderung: 08.08.2017)

Einzelnachweise

  1. Joachim Radkau & Lothar Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft. oekom, München 2013. S. 323f.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 DER SPIEGEL 3/1988: Selbstmord des Atoms vom 18. Januar 1988
  3. DER SPIEGEL 14/1987: Wann wird der Betrieb endlich eingestellt? vom 30. März 1987
  4. DER SPIEGEL 13/1987: Plutonium - Jeder Hammer vom 23. März 1987
  5. DER SPIEGEL 45/1986: Das Teufelszeug aus der Schwarzbrennerei vom 3. November 1986
  6. DER SPIEGEL 43/1986: Plutonium in Hanau vom 20. Oktober 1986
  7. Zeit Online Abwarten und mit den Ohren schlackern - Wie das "Atomdorf" Hanau auf die neuesten Enthüllungen reagiert vom 8. Januar 1988
  8. DER SIEGEL 45/1989: Ein Sumpf ohne Ende - Die weltweiten Schiebereien mit deutschem Nuklearmaterial vom 6. November 1989
  9. Zeit Online: Nichts sehen und nichts merken vom 30. Dezember 1988
  10. Süddeutsche.de: Was die Politik umtrieb, ging nie in Betrieb vom 3. Dezember 2003 [Datum durch Süddeutsche.de nachträglich geändert in 11. Mai 2010]
  11. strom magazin: Abriss von Hanauer Atomfabrik geht in die letzte Phase vom 21. März 2005
  12. FAZ.net: Abbau des einstigen Atomdorfs im Zeitplan vom 5. August 2003
  13. idw: Bundesamt für Strahlenschutz räumt Plutoniumlager in Hanau vom 10. Mai 2005
  14. kostenlose-urteile.de Keine Baugenehmigung für atomares Zwischenlager in Hanau vom 4. Februar 2009
  15. NUKEM: Homepage abgerufen am 15. Januar 2013
  16. NUKEM Technologies: Homepage abgerufen am 15. Januar 2013
  17. Nuklearforum Schweiz: Cameco: Nukem-Kauf abgeschlossen vom 16. Januar 2013
  18. BfS: Auflistung kerntechnischer Anlagen in der Bundesrepublik Deutschland "In Stilllegung" abgerufen am 29. Oktober 2015
  19. BfS: A.17 Anlagen de r nuklearen Ver - und Entsorgung in Deutschland (S.4) abgerufen am 25. Mai 2015 (viaWayBack)

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