FANDOM


Atomenergie in Europa > Litauen > Ignalina (Litauen)

2 graphitmoderierte Leichtwasserreaktoren • Leistung: 2 x 1.300 MW • Typ: 2 x RBMK-1500 •
Hersteller: Minatomenergo • Baubeginn: 1. Mai 1977/1. Januar 1978
Inbetriebnahme: 4. Oktober 1983/1. Dezember 1986 •
Abschaltung: 31. Dezember 2004/31. Dezember 2009[1][2]


Stillgelegte Reaktoren der Tschernobyl-Baureihe RBMK

Ignalina Nuclear Power Plant Lithuania two towers

AGW Ignalina mit beiden Einheiten (Litauen)

Das Atomkraftwerk Ignalina befindet sich in der Nähe der gleichnamigen Stadt im Nordosten von Litauen, unweit der Grenzen von Lettland und Weißrussland und 130 Kilometer von der Hauptstadt Vilnius entfernt. Das Kühlwasser wurde aus dem Drukshyai-See entnommen.[3]

Das Atomkraftwerk war in den frühen 1970er Jahren in der ehemaligen Sowjetunion geplant worden, um die baltischen Staaten, Weißrussland und die Region Kaliningrad mit Strom zu versorgen. Nach einer formalen Zustimmung der litauischen Regierung wurde der Standort Ignalina ausgewählt. Für die Bauarbeiter wurde eigens die Stadt Visaginas errichtet.[4]

1977/1978 wurde mit den Bauarbeiten in Ignalina begonnen. Ab 1983/1986 wurden zwei sowjetische graphitmoderierte Leichtwasserreaktoren der Tschernobyl-Baureihe RBMK mit je 1.500 MW betrieben. Nach der Tschernobyl-Katastrophe wurde deren Leistung auf je 1.300 MW vermindert. Eigentümer des AKW ist die Republik Litauen, Betreiber das Unternehmen SE Ignalina Nuclear Power Plant (INPP).[1][3] Hersteller war das russische Unternehmen Minatomenergo.[2]

Ursprünglich waren noch zwei weitere Einheiten geplant, die 1976 bestellt wurden. Die Bauarbeiten an Ignalina-3 und -4 begannen 1986 und 1987, die Inbetriebnahme war für 1991 und 1992 vorgesehen.[2] Die Bauarbeiten wurden aber am 30. August 1988[5] vom sowjetischen Ministerrat gestoppt, und die beiden Einheiten 1993 durch die litauische Regierung endgültig aufgegeben.[4]

Ignalina-1 und -2 wurden 2004 bzw. 2009 wegen öffentlichen Widerstands und Sicherheitsbedenken der Europäischen Union abgeschaltet, der Litauen 2004 beigetreten war.[4][3]

Risiken, Störfälle und ökologische Folgen für den Drukshyai-See

1988 wurde berichtet, dass die Beseitigung des Atommülls von Ignalina ökologische Probleme verursache und die Temperatur des zur Kühlung verwendeten Drukshyai-See, der in einem Naturschutzgebiet liegt, auf 28 Grad gestiegen sei.[6]

Eine Studie vom September 2011 bestätigte den negativen Einfluss des AKW auf Fauna und Flora des Sees.[7] Im Umkreis des AKW wurden zudem erhöhte C-14-Werte gemessen.[8]

Ignalina galt Anfang der 1990er Jahre bei der Europäischen Union und der IAEO als "eine der unsichersten Atomanlagen der Welt". Eine sofortige Abschaltung lehnte Litauen aber wegen der großen Abhängigkeit vom Atomstrom ab. Es wurden zwar einige Umrüstmaßnahmen durchgeführt; der Grundmangel jedoch, das Fehlen einer äußeren Schutzhülle, konnte nicht beseitigt werden.[9]

In einem Interview mit dem "Spiegel" erklärte 1992 der Nuklearexperte Rimvydas Jasiulionis, Chef des Physikalischen Instituts der litauischen Akademie der Wissenschaften und ehemaliger Regierungsberater für das Kernkraftwerk Ignalina, dass die Anlage nicht nur wegen ihres Designs, sondern auch durch tektonische Bewegungen gefährdet war. Ursprünglich waren sechs Reaktoren in Ignalina geplant gewesen, aber schon der Bau des Reaktors 3 wäre aufgrund massiver Proteste von Seiten der Bevölkerung 1989 gestoppt worden.[10]

Das AKW wurde wegen mangelhafter Sicherheit häufig kritisiert. "Nach Rohrbrüchen und Leitungsrissen musste die Anlage mehrfach abgeschaltet werden."[11]

Das INSP (International Nuclear Safety Program) und das Nuclear Energy Institute (NEI) berichteten von diversen Zwischenfällen in den Jahren 1994/1995:

– der Freisetzung kontaminierten Wassers wegen einer fehlerhaften Schweißnaht im Januar 1994,
– einem Kurzschluss im Januar 1994 nach dem Herunterfahren von Einheit 1 (INES-Stufe 1),
– dem Einfrieren der Brandschutzanlage im Februar 1994 (INES-Stufe 1),
– diversen Lecks im Februar 1994 (INES-Stufe 1),
– der fehlerhaften Installation eines Schalters zum Ein- und Ausfahren von Kontrollstäben am Kern am 11. Juli 1994 (INES-Stufe 1),
– einer Bombendrohung im November 1994 (eine Bombe wurde nicht gefunden),
– einem Ausfall der Stromversorgung im August 1995 wegen eines Krans, der sich in das Stromkabel eines anderen Krans verwickelte (INES-Stufe 1)
– und der Freisetzung von 12 Tonnen Kühlwasser wegen sich spontan öffnender Ventile in Reaktor 2 (INES-Stufe 1).[12][13]

Laut der Bellona-Stiftung flossen am 5. Oktober 2010, also nach der Abschaltung der Anlage, 300 Tonnen radioaktiver Schlamm während der Stilllegungsarbeiten aus der Anlage, wobei die Arbeiter erhöhter Strahlung ausgesetzt und Räumlichkeiten ernsthaft kontaminiert wurden.[14]

Rückbau und Zwischenlager

Der Brennstoff soll in ein Zwischenlager verbracht und dort 50 Jahre lang gelagert werden. Mit dem Rückbau von Ignalina-2 wurde Mitte 2014 begonnen. Die Rückbaukosten werden auf 2,5 Mrd. Euro geschätzt, woran sich die EU mit 1,4 Mrd. beteiligen wird.[3] Im November 2013 erklärte sich das EU-Parlament dazu bereit, die Stilllegung der Reaktoren Ignalina-1 und -2 durch zusätzliche finanzielle Mittel zu unterstützen.[15]

Bis 2021 sollen die Drucktanks des Notkühlsystems und kontaminierte Komponenten aus der Turbinenhalle bei Ignalina-2 rückgebaut werden; die Stilllegungsarbeiten sollen bis 2029 abgeschlossen werden.[16]

Im Januar 2016 wurden erste Kalttests im Zwischenlager für gebrauchte Brennelemente (Interim Spent Fuel Storage Facility, ISFSF) durchgeführt. Dort sollen 18.000 Brennelemente für 50 Jahre deponiert werden. Das Zwischenlager wird vom deutschen Konsortium NUKEM Тechnologies GmbH und GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbH (NUKEM-GNS) errichtet. Die Inbetriebnahme sollte eigentlich schon 2011 erfolgen, wurde aber auf 2017 verschoben. Im August 2015 waren bereits Kalttests bei den Solid Waste Management and Storage Facilities (SWMSF) durchgeführt, in denen 120.000 Kubikmeter Atommüll bearbeitet werden sollen.[17]

Weitere Links

→ iae.lt: Ignalina Nuclear Power Plant (INPP) (Homepage des Betreibers)
→ 15min.lt: Soviet monster: A tour around defunct Ignalina Nuclear Power Plant vom 9. Mai 2012</ref>
→ Greenworld: Decommissioning of the Ignalina nuclear power plant (Lithuania). Working on errors. vom 7. Oktober 2011

(Letzte Änderung: 10.05.2017)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: PRIS - Country Statistics/Lithuania abgerufen am 3. Februar 2015
  2. 2,0 2,1 2,2 IAEO: LES CENTRALES NUCLEAIRES DANS LE MONDE von 1997
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 WNA: Lithuania abgerufen am 1. Dezember 2013
  4. 4,0 4,1 4,2 IAEO: Country Nuclear Power Profiles/Lithuania abgerufen am 14. Februar 2015
  5. IAEO PRIS: IGNALINA-3 abgerufen am 4. Juni 2016 (via WayBack)
  6. DER SPIEGEL 6/1988: Katastrophen möglich vom 8. Februar 1988
  7. Intech: Radiological and Environmental Effects in Ignalina Nuclear Power Plant Cooling Pond – Lake Druksiai: From Plant put in Operation to Shut Down Period of Time vom 6. September 2011
  8. geochronometria.pl: CARBON-14 IN TREE RINGS IN THE VICINITY OF IGNALINA NUCLEAR POWER PLANT, LITHUANIA vom 12. September 2007
  9. Berliner Zeitung: Exportschlager: Billiger Atomstrom aus Litauens Risiko-Meilern vom 16. September 1998
  10. DER SPIEGEL 46/1992: Sonst droht uns ein Tschernobyl vom 9. November 1992
  11. manager magazin: Litauen schaltet Reaktor ab vom 3. Januar 2010
  12. INSP: Ignalina Operating History abgerufen am 5. Februar 2015
  13. Nuclear Energy Institute: Soviet-Designed Nuclear Power Plants in Russia, Ukraine, Lithuania, Armenia, the Czech Republic, the Slovak Republic, Hungary and Bulgaria (Fifth Edition) von 1997 [Dokument nicht mehr verfügbar]
  14. Bellona: Comment: Lithuania’s shutdown nuclear power plant leaks 300 tonnes of radioactive sludge – could the accident repeat itself in Russia? vom 11. November 2010
  15. nuklearforum.ch: Mehr EU-Unterstützung für Stilllegungen in Osteuropa vom 25. November 2013
  16. nuklearforum.ch: Litauen: Rückbauarbeiten in Ignalina-2 lanciert vom 4. August 2014
  17. world nuclear news: Commissioning of interim storage facility starts at Ignalina vom 22. Januar 2016

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki