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Atomenergie in außereuropäischen Ländern > Indien

Mit Atomkraft Aufstieg zur Weltmacht?

Kudankulam NPP.jpg

AKW Kudankulam 2009 (Indien)

Erste Pläne, die Atomenergie in Indien zu nutzen, gab es noch während der Kolonialzeit 1944. Schon 1948, ein Jahr nach Erlangung der Unabhängigkeit, wurden ein Gesetz zur Atomenergie verabschiedet und die indische Atomic Energy Commission (AEC) gegründet. 1954 wurde von der Regierung das Department of Atomic Energy (DAE) eingerichtet, und 1957 war Indien ein Gründungsmitglied der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). Der endgültige Einstieg in die Atomkraft erfolgte 1964 mit dem Baubeginn der Siedewasserreaktoren Tarapur-1 und -2, die 1969 in Betrieb genommen wurden und 2014 nach 45 Jahren immer noch nicht stillgelegt sind.[1][2]

Heute treiben Politik und Konzerne den Ausbau der Atomkraft in der größten Demokratie der Welt mit aller Kraft voran. Widerstände aus der Bevölkerung, und deren gibt es viele, werden als hinderlich angesehen und rücksichtslos bekämpft.

Die indische Regierung sieht ihr Atomkraftprogramm als wichtigen Bestandteil ihres Aufstiegs zur Weltmacht und kooperiert mit den USA, Russland und China beim Bau und Export neuer Reaktoren.[3] Indien möchte im internationalen Atomgeschäft mitbestimmen und strebt deshalb eine Aufnahme in die Nuclear Suppliers Group (NSG) an; dies gilt auch als Voraussetzung, um nukleare Technologie exportieren zu können.[4]

In Indien unterstützen alle Parteien und auch die Legislative den Ausbau der Atomkraft. Im Mai 2013 erklärte der Oberste Gerichtshof, dass die Energieproduktion Vorrang vor den Sicherheitsbedenken der lokalen Bevölkerung habe und erlaubte die Inbetriebnahme des AKW Kudankulam. Der Widerstand der Bevölkerung wird als "Agitation" von aus dem Ausland finanzierten Nichtregierungsorganisationen diffamiert, die Indien von der Nutzung der Atomkraft abhalten möchten.[5]

Der neue indische Premierminister Narendra Modi erklärte im Juni 2014: "Kernkraft wird ein Eckstein der indischen Energieversorgung."[6]

Indien hat zwar eine Atomaufsicht (AERB), diese ist aber direkt der Regierung unterstellt und nicht unabhängig. Sie kann weder die Strahlenwerte von AKW prüfen (das ist Aufgabe der Betreiber), noch die Sicherheit bei der Entsorgung von Atommüll. Verstöße gegen Sicherheitsregeln kann sie nur mit maximal 500 Rupien bestrafen (7,24 Euro).[7]

Kritisiert wurden lange Zeit die sogenannten Hermesbürgschaften, mit denen die deutsche Bundesregierung internationale AKW-Neubauprojekte auch in Indien förderte. Minister Sigmar Gabriel kündigte im Juni 2014 ein Ende dieser Exportgarantien an, das sich allerdings nur auf konventionelle AKW bezieht, nicht auf Forschungsreaktoren.[8]

Anteil der Atomenergie soll von 3,5 auf 25 % steigen

Derzeit liefern in Indien 22 Reaktoren an sieben Standorten Strom, sechs neue Reaktoren sind im Bau. Eingetümer und Betreiber ist die staatliche Gesellschaft Nuclear Power Corporation of India Limited (NPCIL). Indien errichtet darüber hinaus seit 2004 den Prototyp eines thoriumbasierten Schnellen Brüters mit 500 MW Leistung (PFBR in Madras). Der Anteil der Atomenergie an der Stromerzeugung liegt bislang bei rund 3,5 %.[9]

Informationen zu allen Standorten mit aktiven Reaktoren auf den Seiten:
Kaiga
Kakrapar
Kudankulam
Madras
Narora
Rajasthan
Tarapur

Im Bau:
PFBR (Standort Madras)

Geplant:
Advanced Heavy Water Reactors
Bhimpur
Chutka
Gorakhpur
Haripur
Jaitapur
Kovvada
Mahi Banswara

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Laut World Nuclear Association (WNA) wurden weitere Atomkraftwerke an den Standorten Rajouli (Bihar), Markandi (Orissa), Nizampatnam (Andhra Pradesh), Pulivendula (Andhra Pradesh) und Chhaya-Mithi (Gujarat) vorgeschlagen.[10]

Bis 2020 werden 14,6 GW Leistung durch Atomkraftwerke angestrebt. Es gibt verschiedene Szenarien, bis 2050 den Anteil der Atomkraft an der Energieerzeugung auf 25 % oder sogar 50 % und die Kapazität auf 600 bis 700 GW zu erhöhen.[10] Gefährliche Szenarien, denn dafür müssten Hunderte von Reaktoren in Indien gebaut werden, und die Wahrscheinlichkeit schwerer Atomunfälle würde sich um ein Vielfaches erhöhen.

2011 wurde ein großes Thorium-Vorkommen in Indien entdeckt,[11] laut einer Meldung des "Guardian" das größte der Welt. Indien plant deshalb auch die Entwicklung von Thorium-Reaktoren.[12]Advanced Heavy Water Reactors

Nach einer Meldung vom Juli 2014 verhandeln Indien und Russland über den Bau von 22 neuen Atomanlagen.[13] Seit 2014 liefert Australien Uran an Indien zur zivilen Nutzung. Am 5. September 2014 unterzeichneten Indien und Australien ein entsprechendes Abkommen.[14]

Indien betreibt darüber hinaus vier Forschungsreaktoren; viele andere sind abgeschaltet oder stillgelegt.
→ IAEO: Research Reactors/Countries: India

Widerstände gegen indisches Atomprogramm

Die Pläne der Regierung zum Neubau von Atomkraftwerken stoßen auf massive Widerstände in der Bevölkerung, für die es gute Gründe gibt.

In Indiens Geschichte ist es immer wieder zu gefährlichen Störfällen gekommen, wie z. B. 1989, als das AKW Tarapur, dessen Umgebung und Hunderte von Menschen verstrahlt wurden (siehe → Tarapur), oder 2006, als von einer Uranverarbeitungsfabrik bei Jadugoda wegen eines Rohrbruchs radioaktives Material auf einer Fläche von 100 Quadratkilometer freigesetzt wurde.[15]

Bereits 1988 kam es zu Protesten gegen den Bau des Reaktors → Kakrapar.

Im April 2011 folgten bei Jaitapur im westindischen Bundesstaat Maharashtra ein Generalstreik und gewalttätige Proteste, bei denen ein Atomkraftgegner von der Polizei erschossen wurde. Die indische Regierung wollte bei Jaitapur das größte indische AKW bauen, mit dessen Bauarbeiten bis heute nicht begonnen wurde (Stand: 2016). → Jaitapur

Seit Jahren ist es immer wieder zu Massenprotesten gegen den Bau des Atomkraftwerks Kudankulam gekommen, das letztlich aber trotz aller Widerstände in Betrieb genommen wurde. → Kudankulam

Der Widerstand der Bevölkerung gegen neue Atomkraftwerke ist aber nicht völlig erfolglos geblieben. Neue Projekte in den Bundesstaaten Gujarat und Andhra Pradesh wurden verhindert,[16] in West-Bengalen muss ein AKW möglicherweise aufgegeben werden. → Haripur

2013 wurde ein Film mit dem Titel "Nuclear Lies" gedreht, der die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Bevölkerung in der Nähe der Atomkraftwerke, die verstrahlten Minen und Aufarbeitungsanlagen zeigt. "Derzeit sind 40 weitere Kernkraftprojekte in Planung – mit Unterstützung von Großinvestoren aus dem In- und Ausland. Die häufigen nuklearen Unfälle und die unverantwortliche Entsorgung radioaktiver Abfälle werden geheim gehalten. In den kommenden Jahren möchte Indien die Produktion von Plutonium steigern und sein Atomwaffenarsenal erweitern."[17]

Fortschritte und Perspektiven bei erneuerbaren Energien

Nach Informationen der Indian Wind Energy Association (InWEA) hatte Indien im März 2014 eine Kapazität von rund 21.000 MW (21 GW) aus Windkraftwerken installiert und belegte damit Platz 5 in der Welt. Der Branchenverband sieht Onshore-Kapazitäten von 105 GW.[18]

Seine Stromerzeugung aus Solarenergie steigerte Indien von 17,2 MW im Jahre 2010 auf 2.208 MW (2,2 GW) im Jahr 2014. Bis 2020 sollen 20 GW durch Solarkraftwerke erzeugt werden.

Am 4. Februar 2014 wurde bekannt, dass Indien den Bau der weltweit leistungsstärksten Photovoltaikanlage mit einer Kapazität von 4.000 MW (4 GW) plant, was der Leistung von vier Atomkraftwerken entspricht. Die Anlage soll für 4,4 Mrd. US-Dollar am Sambhar-Salzsee im Norden Rajasthan errichtet werden. Umweltschützer kritisierten, dass ein zentralisierter Bau von Solaranlagen in Verbindung mit einem mangelhaften Stromnetz der falsche Ansatz sei. Dezentrale kleinere Einheiten würden sich für Indien besser eignen.[19]

Militärische Nutzung der Atomkraft

1974 führte Indien seinen ersten erfolgreichen Atomwaffentest durch.[20] Schätzungen zufolge verfügte das Land 2017 über einen Bestand von 110 bis 120 nuklearen Sprengköpfen.[21]

Das für die indischen Atomwaffen benötigte Plutonium wurde vor allem in den Forschungsreaktoren → CIRUS und → Dhruva im Bhabha Atomic Research Centre (BARC) produziert, in dem sich auch eine Wiederaufarbeitungsanlage befindet.

Weitere Links

Anti-Atom Indien (Informationen zu den Anti-AKW-Bewegungen in Indien)
→ Saraswati Kavula: The Great Indian Nuclear Maya vom 28. März 2012
→ Greenpeace: Accidents at nuclear power plants in India
→ AtomkraftwerkePlag: Uranabbau in Indien


(Letzte Änderung: 16.07.2017)

Einzelnachweise

  1. IAEO: Country Nuclear Power Profiles/India abgerufen am 14. Februar 2015
  2. IAEO: Member States abgerufen am 11. März 2016
  3. Spiegel Online: Indien und Pakistan suchen ihr Heil in Atomkraft vom 14. März 2011
  4. SRF: Indien setzt ganz auf Atomenergie vom 30. Juli 2014
  5. Deutschlandfunk: Energiehunger gegen unversehrtes Leben vom 29. Juli 2013
  6. Handelsblatt: What's right? Die Kernenergie ist wieder da vom Juni 2014
  7. Spiegel Online: Atomaufsicht kann Verstöße mit höchstens 7,24 Euro ahnden vom 23. August 2012
  8. taz.de: Keine Atom-Förderung im Ausland mehr - Umweltverbände nur halb zufrieden vom 13. Juni 2014
  9. IAEO: PRIS - Country Statistics/India abgerufen am 16. Juli 2017
  10. 10,0 10,1 WNA: Nuclear Power in India abgerufen am 9. Oktober 2016
  11. Spiegel Online: Inder entdecken riesiges Uranvorkommen vom 19. Juli 2011
  12. The Guardian: India plans 'safer' nuclear plant powered by thorium vom 1. November 2011
  13. Indien aktuell: Indien will Atommacht sein vom 31. Juli 2014
  14. FR Online: Australien liefert Uran an Indien vom 5. September 2014
  15. tagesschau.de: Kosten von Atomunfällen - Fukushima, Tschernobyl und viele andere vom 11. März 2014
  16. heise.de: Atomkraft: Indische Proteste, deutsche Exportförderung vom 2. April 2012
  17. derStandard: Nuclear Lies abgerufen am 30. September 2013
  18. InWEA: Homepage abgerufen am 22. August 2014
  19. nature.com: India to build world's largest solar plant vom 4. Februar 2014
  20. NTI: India/Nuclear abgerufen am 16. Dezember 2015
  21. FAS: Status of World Nuclear Forces abgerufen am 14. Februar 2017

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