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Reaktoren außer Betrieb > Kahl (Bayern)

Siedewasserreaktor • Leistung: 16 MW • Typ: VAK • Hersteller: AEG/GE •
Baubeginn: 1. Juli 1958 • Inbetriebnahme: 13. November 1960 • Abschaltung: 25. November 1985 •[1][2]
Beginn Rückbau: 1988 • Ende Rückbau: 2010


Erstes deutsches Atomkraftwerk

VAK Kahl.jpg

AKW Kahl

Das Versuchsatomkraftwerk Kahl (VAK) bei Großwelzheim, einem Ortsteil von Karlstein am Main in Bayern, war das erste Atomkraftwerk, das in Deutschland ans Netz ging, und zugleich der erste Reaktor weltweit, der komplett rückgebaut wurde.[3] Am gleichen Standort wurde später das Atomkraftwerk Großwelzheim betrieben, welches mittlerweile ebenfalls abgebaut worden ist.

Das Versuchsatomkraftwerk Kahl sollte dazu beitragen, den technischen Rückstand der Bundesrepublik Deutschland gegenüber den USA und Großbritannien aufzuholen. RWE kooperierte bei diesem Projekt mit dem Firmenkonsortium American Machine and Foundry (AMF), der britischen Mitchell Engineering und den Siemens-Schuckertwerken. 1958 bestellte RWE den Reaktor, der technisch einer von AMF in Elk River (Minnesota, USA) errichteten Anlage glich, schlüsselfertig mit Brennelementen für rund 35 Mio. Deutsche Mark.[4] Die Bestellung ging wahrscheinlich an AEG und General Electric [2][5], auch wenn in anderen Quellen Siemens als Lieferant genannt wird.[6][7]

Mit dem Bau des Siedewasserreaktors mit 16 MW Leistung wurde am 1. Juli 1958 begonnen. Er ging am 13. November 1960 in Betrieb und wurde am 25. November 1985 wieder vom Netz genommen. Eigentümer und Betreiber war die Versuchsatomkraftwerk Kahl GmbH.[1]

Inbetriebnahme ohne Genehmigung

1961 hatte die RSK (Reaktorsicherheitskommission) dem Betreiber RWE eine Liste mit Auflagen übermittelt. Darin wurde kritisiert, dass der Standort falsch gewählt war (der Reaktor wurde an einem Ort mit der im Vergleich zu allen Reaktoren der Welt höchsten Bevölkerungsdichte gebaut) und zu hohe Brennstofftemperaturen geplant wurden, die dem Schmelzpunkt des Brennstoffes gleichkamen. RWE kümmerte sich nicht darum und errichtete den Reaktor ohne atomrechtliche Genehmigung; diese erfolgt erst, als die Inbetriebnahme bereits erfolgt war.[8]

Mit der Inbetriebnahme des VAK war Deutschland nach den USA, der UdSSR, Frankreich und Großbritannien der fünfte Staat, der Atomenergie zur Stromerzeugung nutzte. RWE wollte mit dem Versuchsreaktor Erfahrungen für Planung und Betrieb späterer Großkraftwerke sammeln. Das VAK Kahl war 150.000 Stunden in Betrieb, produzierte in 25 Jahren 2,1 Billionen Kilowattstunden und wurde für Experimente genutzt; auch Mox-Brennelemente wurden im Reaktor eingesetzt.[9]

Laut Bund für Umwelt und Naturschutz kam es während des Betriebs des Reaktors zu insgesamt 90 Defekten und Störfällen, von den sieben als ernsthaft angesehen wurden.[10] 1965 beispielsweise verklemmte sich ein Regelstab. Wäre er herausgefallen, hätte dies einen größeren Unfall verursachen können. Über den Störfall und mögliche Auswirkungen wurde die Öffentlichkeit nicht informiert.[11] Im Jahr darauf wurden die Brennelementehüllen so stark überhitzt, dass diese fast geschmolzen wären.[12] "1968 (...) soll es nach einem Blitzeinschlag einen totalen Stromausfall gegeben haben. Erst kurz vor der Kernschmelze habe die Notkühlung eingesetzt, schildern die Umweltschützer. Sieben Jahre später sei der Reaktor gar mit zu hohem Druck betrieben worden, hätte bersten können (...)."[9]

In zwei Berichten der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) wurden weitere besondere Vorkommnisse aus den Jahren 1966 und 1969 dokumentiert, wie z. B. Brennelemente-, Pumpen- und Turbinenschäden.[13][14]

Rückbau 2010 beendet

Zwischenlager Mitterteich 2011-1.jpg

Zwischenlager Mitterteich, Bayern

Der Rückbau des VAK dauerte von 1988 bis 2010 und kostete mit 150 Mio. Euro ein Vielfaches des Baus (34 Mio. Mark).[3] Aufgrund seiner hohen Radioaktivität wurde die Stahlbeton-Ummantelung mit ferngesteuerten Kleinbaggern abgerissen.[12]

"Über 20 Tonnen unterschiedlicher Materialien haben bis zu 120 Arbeiter zerlegt (...). Zurück blieben 1,4 Tonnen schwach und mittel radioaktive Abfälle, sie sind im bayerischen Mitterteich zwischengelagert. (...) Andere, wiederverwertbare und nichtstrahlende Abfälle, vor allem Metalle, sind längst neu verbaut – darunter 17 Tonnen Bauschutt."[3]

Weitere Links

→ einestages.spiegel.de: Deutschlands erstes AKW - Atomstrom, ja bitte! vom 20. Juni 2011 (mit Bildern)
Impressionen vom Bau des Versuchsatomkraftwerks Kahl anno 1958 (Video)
Abfallreduzierungsanlage Karlstein (ARAK)

(Letzte Änderung: 23.07.2017)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: PRIS - Country Statistics/Germany abgerufen am 27. Mai 2014
  2. 2,0 2,1 BfS: Kernkraftwerke in Deutschland abgerufen am 12. August 2014 (via WayBack)
  3. 3,0 3,1 3,2 Focus Online: Versuchsatomkraftwerk Kahl - Anfang und Ende des ersten deutschen Meilers vom 17. Juni 2011
  4. FAZ.net: Karlstein - Die Lehrwerkstatt der deutschen Atomindustrie vom 17. Juni 2011
  5. Deutscher Bundestag: Drucksache 15/3650, Übereinkommen über nukleare Sicherheit vom 18. August 2004
  6. Joachim Radkau & Lothar Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft. oekom, München 2013. S. 78f.
  7. Tageblatt Online: Schlussstrich unter 50 Jahre Atomgeschichte vom 18. September 2011
  8. Joachim Radkau & Lothar Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft. oekom, München 2013, S. 273
  9. 9,0 9,1 Handelsblatt: Kernkraft: Zerlegt und klein geschreddert vom 16. November 2006
  10. FAZ.net: Karlstein - Wenn Gras über das Atomkraftwerk wächst vom 17. März 2011
  11. DER SPIEGEL 20/1986: Tschernobyl in Deutschland? vom 12. Mai 1986
  12. 12,0 12,1 heise.de: Schafe als Sensoren vom 15. November 2010
  13. GRS: Weltweite Erfassung besonderer Vorkommnisse in Kernkraftwerken, Versuchs- und Forschungsreaktoren 1966 vom April 1978
  14. GRS: Weltweite Erfassung besonderer Vorkommnisse in Kernkraftwerken, Versuchs- und Forschungsreaktoren 1969 vom Dezember 1977

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