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Schneller Brüter • Typ: SNR-300 • Leistung: 327 MW •
Hersteller: INTERATOM/BELGONUCLEAIRE/NERATOOM •
Baubeginn: 23. April 1973[1][2] • Fertigstellung: 1985 •[3]
Projektende und Beginn Rückbau: 20. März 1991[1] • Ende Rückbau: 1995


Der Brüter, der nie in Betrieb ging

Koeltoren als klimwand in Wunderland Kalkar.jpg

Kühlturm des Schnellen Brüters im Freizeitgelände "Wunderland Kalkar"

Der "Schnelle Natriumgekühlte Reaktor" (SNR-300) in Kalkar (Nordrhein-Westfalen), in der Umgangssprache auch "Schneller Brüter" genannt, war ein Atomkraftwerk, das nach 12 Jahren Bauzeit fertiggestellt, aber aus politischen Gründen nie ans Netz ging.

Mit Hilfe der Brütertechnologie sollte Energie erzeugt und zugleich der Brennstoff immer wieder nachgeliefert werden. Außerdem sollte Atommüll wiederaufgearbeitet und als Brennstoff mehrmals verwendet werden. Doch die Hoffnung auf einen geschlossenen Brennstoffkreislauf erfüllte sich nicht. → Schnelle Brüter

Der Bund hatte den Brüter von Kalkar mit 90 % der Baukosten subventioniert, während die private Wirtschaft nur einen geringen Zuschuss leisten musste.[4] Der Reaktor bescherte Deutschland Milliardenverluste und ist mittlerweile zu einem Freizeitgelände umgebaut worden.

13 Jahre Planung und Entwicklung

Das Projekt Kalkar begann am 1. April 1960 mit der Gründung der "Projektgruppe Schneller Brüter". Der Projektstart wurde damit begründet, dass ab 1970 schrittweise die Leistungs- von Brutreaktoren ersetzt werden würden und Deutschland bei deren Entwicklung eine wichtige Rolle spielen sollte. Die Projektkosten schätzte man anfangs auf 200 Mio. Deutsche Mark.

1963 wurde ein Vertrag mit EURATOM zur internationalen Zusammenarbeit, finanziellen Förderung und Beschaffung von 300 kg Plutonium aus den USA abgeschlossen. Bei der Entwicklung der Brennelemente und des MOX-Brennstoffs wurden die Firmen NUKEM und ALKEM mit einbezogen. Nach umfangreichen Studien wurde vom Bundesumweltministerium 1969 entschieden, einen natriumgekühlten Schnellen Brüter zu bauen und das Projekt eines dampfgekühlten Brüters aufgrund technischer Schwierigkeiten zu beenden.

Im Sicherheitsbericht mit der Detailplanung von 1969 war zunächst der Standort Weisweiler vorgesehen, wegen der zu hohen Besiedlungsdichte wurde dies jedoch von der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) abgelehnt und als Standort Kalkar ausgewählt.[5]

Als Prototyp für den Schnellen Brüter von Kalkar wurde die KNK in Karlsruhe in Betrieb genommen, 1971 als thermischer Brüter, ab 1974 als Schneller Brüter.

Technische Rückschläge und explodierende Kosten

Kernkraftwerk Kalkar 930-2953.jpg

Protest am 3. Juni 1979

Eigentümer und Betreiber des SNR-300 war die Schnell-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft mbH,[1] Hersteller waren INTERATOM/BELGONUCLEAIRE/NERATOOM.[2]

Mit den Bauarbeiten in Kalkar wurde im März 1973 begonnen. Aufgrund technischer Rückschläge kam das Projekt jedoch immer wieder in Verzug: Korrosion am Reaktortank (1976), Natriumbrand (1984), Natriumlecks an Ablasstanks (1985) etc. Eine Klage gegen die Teilerrichtungsgenehmigung durch einen Landwirt in Kalkar von 1972 ging bis zum Bundesverfassungsgericht, wurde dort aber 1978 abgewiesen.

Im September 1977 fand eine erste Demonstration von 35.000 Atomkraftgegnern statt. Auch mehrten sich kritische Veröffentlichungen gegen den Schnellen Brüter.

Die Kosten explodierten. Nachdem diese 1965 noch auf 310 Mio. und 1971 auf 670 Mio. geschätzt worden waren, wurden im November 1972 aufgrund von Konstruktionsänderungen und zusätzlichen Sicherheitsauflagen deutlich erhöhte Kosten von 1,5 Mrd. Deutsche Mark veranschlagt. Wegen Bauverzögerungen und technischen Problemen stiegen die Kosten 1979 auf 3,2 Mrd. Deutsche Mark. Ein Parlamentsvorbehalt gegen die Weiterführung des Projekt 1978 wurde Ende 1982 nach Antritt der schwarz-gelben Regierungskoalition unter Helmut Kohl wieder aufgehoben. 1983 hatten sich die Kosten auf 6,5 Mrd. Deutsche Mark noch einmal mehr als verdoppelt.[5]

1985 wurde der Reaktor fertiggestellt. Die Brennelemente wurden jedoch nie eingesetzt.[3]

Das Ende des "Höllenfeuers"

Bereits während der Bauphase war es immer wieder zu Demonstrationen gekommen. Nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 nahm der Widerstand gegen den Brüter in der Bevölkerung und Politik immer weiter zu. Obwohl die Brütertechnologie in den USA und in Frankreich keine lohnenden Ergebnisse mit sich gebracht hatte, hielt die Bundesregierung jedoch noch Jahre an dem Projekt fest.[6]

Aufgrund unterschiedlicher Ansichten des Bundes und der nordrhein-westfälischen Landesregierung zu den Risiken des natriumgekühlten Brüters und der Plutoniumwirtschaft kam es zu einem jahrelangen Tauziehen, das die Landesregierung schließlich für sich entschied: Das "Höllenfeuer von Kalkar", wie es die Landesregierung nannte, ging nie ans Netz.[7]

Von der Investitionsruine zum Freizeitpark

Am 20. März 1991[2] wurde das Projekt wegen politischer und sicherheitstechnischer Bedenken, explodierender Kosten und weil der Energieverbrauch in Deutschland weniger stark anstieg als prognostiziert, offiziell beendet. Das AKW Kalkar gilt als eine der größten Investitionsruinen Deutschlands: Es wurden für den Bau letztlich 7 Mrd. Deutsche Mark (ca. 3,4 Mrd. EURO) in den Sand gesetzt. Der Rückbau war umso günstiger, weil keine verstrahlten Anlagen anfielen; die Geräte und Maschinen konnten verkauft werden. 1995 entstand auf dem Gelände das Freizeitzentrum mit dem verheißungsvollen Namen "Wunderland Kalkar".[6]

→ Kernforschungszentrum Karlsruhe: Zur Geschichte des Projekts Schneller Brüter vom Juli 1981
→ AtomkraftwerkePlag: SNR-2 (Geplanter, aber nicht realisierter Nachfolgereaktor des SNR-300)

Fernsehbeitrag

  • Kein Atom in NRW - Der Kampf um Kalkar
    "Demonstrationen gehören zur Demokratie. Wer demonstriert, will seine Meinung allen zeigen. Demonstrationen können Atomkraftwerke verhindern - Und manche enden blutig. (...) NRW ist eines der Bundesländer, das keine Atomkraftwerke hat ein wesentlicher Grund dafür sind die turbulenten Auseinandersetzungen, die vor rund dreißig Jahren in Kalkar stattgefunden haben"[8]
Kein Atom in NRW - Der Kampf um Kalkar43:34

Kein Atom in NRW - Der Kampf um Kalkar

phoenix, hochgeladen am 24. November 2012 auf YouTube


(Letzte Änderung: 20.11.2016)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 IAEO PRIS: KALKAR (KKW) abgerufen am 10. März 2016 (via WayBack)
  2. 2,0 2,1 2,2 BfS: Kernkraftwerke in Deutschland abgerufen am 12. August 2014 (via Wayback)
  3. 3,0 3,1 RP Online: Der Schnelle Brüter – 40 Jahre danach vom 28. Februar 2013
  4. Joachim Radkau & Lothar Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft. oekom, München 2013, S. 131
  5. 5,0 5,1 Kernforschungszentrum Karlsruhe: Der schnelle Brüter SNR 300 im Auf und Ab seiner Geschichte vom März 1992
  6. 6,0 6,1 FAZ.net: Kraftwerksruine in Kalkar - Brüter zu Flugbahnen vom 25. April 2013
  7. Joachim Radkau & Lothar Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft. oekom, München 2013. S. 342.
  8. programm.ard.de Kein Atom in NRW - Der Kampf um Kalkar vom 14. Oktober 2011

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