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Kirchen und Atomkraft

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Organisationen und Kommissionen > Kirchen und Atomkraft

Der Vatikan

VATICANO PIAZZA SAN PIETRO - panoramio.jpg

Die Fukushima-Katastrophe hat bewirkt, dass auch in den christlichen Kirchen die friedliche Nutzung der Atomkraft weitgehend abgelehnt wird. Dies war, insbesondere in der katholischen Kirche, nicht immer der Fall.

Der Vatikan, der zu den Gründungsmitgliedern der IAEO im Jahre 1957 gehörte und heute noch Mitglied ist, lehnte in einer Stellungnahme von 2007 zwar Atomwaffen ab, unterstützte aber die Nutzung der Atomkraft zur Energieerzeugung, wenn die "Sicherheit der Anlagen und der Lagerung garantiert sind, wenn Produktion, Verteilung und Verkauf der Atomenergie streng geregelt sind". Atomkraft sei dann eine "saubere Energie". Die Umweltzerstörung durch Uranabbau wurde in diesem Beitrag nicht angesprochen.[1]

Am 29. Juli 2007 äußerte sich Papst Benedikt XVI. wie folgt: "Heute vor genau 50 Jahren trat das Statut der IAEA in Kraft, der Internationalen Atomenergiebehörde, die mit dem Auftrag eingerichtet worden ist, "in der ganzen Welt den Beitrag der Atomenergie zum Frieden, zur Gesundheit und zum Wohlstand zu beschleunigen und zu steigern" (Art. II des Statuts). Der Heilige Stuhl stimmt voll und ganz den Zielsetzungen dieser Organisation zu; er ist seit ihrer Gründung deren Mitglied und unterstützt auch weiterhin ihre Tätigkeit. Die in den letzten 50 Jahren eingetretenen epochalen Veränderungen machen deutlich, daß (…) der Einsatz immer aktueller und dringlicher wird, für die Nicht-Verbreitung von Nuklearwaffen einzutreten, eine progressive und konzertierte Abrüstung von Kernwaffen zu fördern und den friedlichen und sicheren Gebrauch der Kerntechnologie für eine echte Entwicklung zu begünstigen, die die Umwelt achtet und immer auf die benachteiligteren Völker bedacht ist."[2]

Der Wiener Kardinal Schönborn widersprach dem Papst noch im gleichen Jahr und warnte vor einem neuen Aufschwung der Atomindustrie.[3]

Auch 2010 setzte sich der Papst bei einer Generalaudienz für die völlige Abschaffung von Atomwaffen ein, sagte aber nichts Neues zur Atomenergie.[4]

Erst in einer Stellungnahme im Juni 2011, nach dem Fukushima-GAU, relativierte Papst Benedikt XVI. seine Äußerung von 2007. Angesichts der Katastrophe forderte er ein "Umdenken" der Politik und eine Förderung alternativer Energien.[5]

2014 forderte der Vatikan vor der IAEO-Vollversammlung "verstärkte Investitionen für die Sicherheit von Atomkraftwerken und eine umweltschonende Entsorgung von radioaktivem Abfall".[6]

Der Vatikan ist bis heute Mitglied der IAEO.[7]

Katholische Kirche in Deutschland

In Deutschland waren die Meinungen in der katholischen Amtskirche lange Zeit gespalten.

Wie Erzbischof Marx 2011 in einem FAZ-Beitrag schrieb, forderten die deutschen Bischöfe 1980 lediglich, sich nicht auf die Atomenergie als einzige Energiequelle festzulegen, während Josef Kardinal Höffner, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz im gleichen Jahr seine Bedenken gegen die Atomkraft als "risikoreichste Technik" ausdrückte und diese nur als Übergangstechnologie hin zu alternativen Energieformen ansah.[8]

In einem Artikel des "Spiegel" von 1986 war auch nach der Tschernobyl-Katastrophe noch "ein breites Meinungsspektrum“ zu beobachten: von der Zustimmung über die Neutralität bis hin zu Ablehnung. Josef Kardinal Höffner beispielweise rückte von der Atomkraft ab und riet zur Solarenergie. Der damalige Präfekt der römischen Glaubenskongregation und spätere Papst, Josef Kardinal Ratzinger, soll hingegen die bayerischen Bischöfe bei ihrem Pro-Atomkurs unterstützt haben.[9]

Am 22. September 2008, ein Jahr nach der Zustimmung des Papstes zur Atomkraft, forderte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) einen Ausbau der erneuerbaren Energien und lehnte die damals bereits diskutierte Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke ab. "Angesichts der Risiken, der ungelösten Problematik der Endlagerung und der Gefahr der Verbreitung von Atomwaffen stellt die Kernenergie jedoch längerfristig keine verantwortungsvolle Möglichkeit dar, die Probleme des Klimawandels zu lösen. Eine Verlängerung der Laufzeiten ist deswegen nicht zu befürworten."[10]

Im September 2010, wohl als Reaktion auf die beschlossene Laufzeitverlängerung, stellte das Erzbistum München ein Dokument mit Positionierungen in der katholischen Kirche zusammen. Die deutsche Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, das Zentralkomitee der Katholiken und weitere drückten ihre Zweifel an der Nutzung der Atomenergie aus bzw. forderten einen Ausstieg.[11]

Den wirklichen Meinungsumschwung bewirkte die Fukushima-Katastrophe. Gegen Atomenergie sprach sich am 14. März 2011, zwei Tage nach dem GAU, der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, aus. "Atomkraft ist keine Energie der Zukunft." Er forderte umweltschonende Energieformen und ein Überdenken der Laufzeitverlängerung.[12] Im gleichen Monat erklärte auch die Vollversammlung der deutschen katholischen Bischöfe, dass die Atomkraft nicht die Lösung der Energiefrage sei.[13]

Am 8. April 2011 äußerte sich der Münchener Erzbischof Reinhard Marx dahingehend, dass die Mehrheit in der Kirche für einen Ausstieg aus der Atomenergie sei. Er unterstützte die Meinung Willy Brandts, dass Atomkraft "Teufelszeug" sei.[14] Ähnliche Äußerungen waren von anderen katholischen Würdenträgern zu hören.[15]

Am 26. Mai 2011 wurde ein längerer Artikel von Reinhard Marx, der zu dieser Zeit Angela Merkels Ethikkommission angehörte, in der FAZ veröffentlicht. Darin bezeichnete er Forderungen nach einem Atomausstieg als richtig. Eine Energiewende müsste aber auch eine Abkehr von fossilen Energieträgern beinhalten und weitere Fragestellungen berücksichtigen: "Atomfreier Strom macht noch keine Energiewende. Wirklichen Fortschritt gibt es nur durch eine Minimierung der Risiken aller Formen der Energieerzeugung. Zudem bedarf es der Balance zwischen verschiedenen Gütern wie Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit - und das im weltweiten Maßstab."[8]

Evangelische Kirche in Deutschland

Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte bereits auf ihrer 7. Synode 1987 unter dem Eindruck der Tschernobyl-Katastrophe einen Ausstieg aus der Atomkraft gefordert. "Die nicht mit Sicherheit beherrschbaren Gefahren der gegenwärtigen Kernenergiegewinnung haben zu der verbreiteten Einsicht geführt, daß diese Art der Energiegewinnung mit dem biblischen Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, nicht zu vereinbaren ist. Wir müssen so bald wie möglich auf andere Energieträger umsteigen." Am 6. November 1998 forderte die Synode den Rat auf, bei der Regierung "andere Energiequellen und Energieeinsparpotentiale" einzufordern.[16]

2008 bekräftigte die Synode der EKD ihre Ablehnung der Atomkraft. "Am Atom-Ausstieg müsse festgehalten, der Vertrieb von Technologien für Kernenergie in Europa und weltweit gestoppt werden. (…) Zur Problematik der atomaren Abfällen heißt es in der Kundgebung, nach den negativen Erfahrungen von Asse und Morsleben sei die Endlagersuche auf alternative Standorte auszuweiten. Vorrangig seinen erneuerbare Energien zu fördern."[17]

Im September 2010 kritisierte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, den Beschluss der schwarz-gelben Koalition zur Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken scharf, weil dadurch weiterhin "Atommüll in Massen" produziert werde.[18]

Auch die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) und die Vereinte Evangelische Mission (VEM) forderten die Bundesregierung im September 2010 auf, entweder umgehend aus der Atomkraft auszusteigen oder den Atomkonsens der Regierung Schröder festzuhalten. "Längere Laufzeiten von Atomkraftwerken führen in eine gefährliche Sackgasse. Atomkraft kann durch menschliches Versagen und Missbrauch zu unüberschaubaren und irreversiblen Folgeschäden führen. (...) Bis heute gibt es kein schlüssiges Konzept zum Umgang mit dem Atommüll. Wo sollen die giftigen und strahlenden Müllcontainer hin? Und wer soll all die Jahrtausende darauf aufpassen?"[19]

Die Fukushima-Katastrophe löste mehrere offizielle Stellungnahmen der Evangelischen Kirche aus. Am 14. März, zwei Tage nach dem GAU, forderte der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomkraft. "In Europa könnten andere Ursachen zu einer Reaktorkatastrophe führen, etwa ein Terrorangriff, ein Flugzeugabsturz oder menschliches Versagen. Die Atomenergie habe Dimensionen erreicht, die das Maß des Menschlichen und die Verantwortung des Menschen übersteige." Die ehemalige Ratsvorsitzende Käßmann bezeichnete die Behauptung, AKW seien sicher, als "Hybris".[12] Im April 2011 warnten mehrere evangelische Geistliche vor der Atomkraft, darunter erneut Nikolaus Schneider.[15]

Im Mai 2011 erklärte Schneider, er sei guter Hoffnung, dass der Atomausstieg gelinge und damit ein "jahrzehntelanger gesellschaftlicher Dissens im Konsens gelöst wird."[20]

Mit dem hannoverschen Landesbischof Franz Meister ist die evangelische Kirche in der Endlagerkommission vertreten. Meister rief die Umweltverbände dazu auf, an der Endlagerkommission teilzunehmen. Diese seien wichtig für die Kommissionsarbeit und sollten ihre Kriterien für die Endlagersuche mit einbringen.[21]

Orthodoxe Kirchen

Angesichts der Fukushima-Katastrophe forderte 2011 Patriarch Bartholomäus I. von Konstantinopel, Ehrenoberhaupt der Orthodoxen Kirchen, die Regierungen in aller Welt zum Umdenken in der Energiepolitik auf. "Um die Kernenergie zu ersetzen, sei der verstärkte Ausbau alternativer Formen der Energiegewinnung aus Wind, Wasser und Sonne notwendig".[12]

(Letzte Änderung: 25.12.2016)

Einzelnachweise

  1. Radio Vatikan: Vatikan: Ja zur Atomenergie, nein zur Atombombe vom 1. August 2007
  2. Vatikan: BENEDIKT XVI. – ANGELUS vom 29. Juli 2007
  3. umweltschutz-news.de: Kardinal Schönborn widerspricht Papst Benedikt - Keine friedliche Atomenergienutzung vom 10. August 2007
  4. zenit.org: Papst Benedikt XVI. hofft, dass „Atomwaffen vollständig vom Antlitz der Erde verschwinden" vom 5. Mai 2010
  5. merkur-online.de: Papst mahnt: Politik soll alternative Energien fördern vom 9. Juni 2011
  6. Radio Vatikan: Vatikan fordert bessere Absicherung von Atomkraftwerken vom 23. September 2014
  7. Vatikan: Teilnahme an internationalen Organisationen abgerufen am 10. April 2014
  8. 8,0 8,1 ordoscialis.de: Energie - eine Frage der Gerechtigkeit vom 26. Mai 2011
  9. DER SPIEGEL 40/1986: Kartoffeln und Kraut vom 29. September 1986
  10. ZDK: Schöpfungsverantwortung wahrnehmen – jetzt handeln! vom 22. November 2008
  11. Erzbistum München: (Katholische) Kirche und Kernkraft – einige aktuellere Positionierungen vom 30. September 2010
  12. 12,0 12,1 12,2 EKD: Kirchen fordern Ausstieg aus der Kernenergie vom 14. März 2011
  13. wendland-net: Katholische Bischöfe: Nein zur Atomkraft vom 18. März 2011
  14. RP Online: Interview mit Erzbischof Reinhard Marx - "Atomenergie ist Teufelszeug" vom 8. April 2011
  15. 15,0 15,1 Kölner Stadt-Anzeiger: Geistliche warnen vor Atomkraft vom 24. April 2011
  16. Evangelisch im Wendland: Ausstieg aus der gegenwärtigen Kernenergienutzung vom 6. November 1998
  17. EKD: Evangelische Kirche dringt auf Tempolimit zum Klimaschutz vom 5. November 2008
  18. Zeit Online: Kirche nennt Atomkonsens unverantwortlich vom 29. September 2010
  19. die-klima-allianz.de: Kirchen fordern Wende in der Energiepolitik - Ökumenischer Tag der Schöpfung: Erklärung gegen Atomkraft vom 2. September 2010
  20. EKD: Präses Schneider: Kirchentag will etwas bewegen vom 24. Mai 2011
  21. FR Online: Atom-Endlager "Umweltverbände vergeben eine Chance" vom 9. April 2014

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