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Krümmel (Schleswig-Holstein)

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Reaktoren außer Betrieb > Krümmel (Schleswig-Holstein)

Siedewasserreaktor • Leistung: 1.402 MW • Typ: BWR-69 • Hersteller: KWU •
Baubeginn 5. April 1974 • Inbetriebnahme: 14. September 1983 • Abschaltung: 6. August 2011 •[1][2]
Beginn und Ende Rückbau: offen


Verlust der Betriebsgenehmigung nach 28 Jahren

Kernkraftwerk Kruemmel Side retouched.jpg

AKW Krümmel

Das Atomkraftwerk Krümmel befindet sich im gleichnamigen Ortsteil der Stadt Geesthacht, südöstlich von Hamburg an der Elbe.[3]

Der Siedewasserreaktor Krümmel (KKK) mit 1.402 MW Leistung wurde am 14. September 1983 in Betrieb genommen und ging am 6. August 2011 (offizieller Termin wegen der Änderung des Atomgesetzes) außer Betrieb. Eigentümer sind mit 50 % Anteil die Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH und 50 % die E.ON Kernkraft GmbH, Betreiber ist die Vattenfall-Tochter Kernkraftwerk Krümmel GmbH & Co. oHG.[1] Hersteller war die Kraftwerk Union (KWU).[2]

Der Betrieb des Reaktors war von einer langen Serie von 341 meldepflichtigen Ereignissen (Stand: 23. April 2017).[4]

Am 6. November 1987 entdeckte man beispielsweise, dass sich aufgrund mehrerer Wasserstoffexplosionen im Reaktor Sicherheits- und Entlastungsventile verformt hatten. Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) warnte vor Radiolyse. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW warf Vattenfall später vor, auf die Wasserstoffexplosionen nicht ausreichend mit Nachrüstungs- und Sicherheitsmaßnahmen reagiert zu haben, und der Landesregierung Schleswig-Holstein, das Parlament belogen zu haben. Konzern und Landesregierung wiesen die Vorwürfe zurück.[5]

Im August 1998 wurde der Betreiber durch das Kieler Energieministerium schriftlich gerügt, da dieser einen Sabotageakt auf dem Betriebsgelände verschwiegen hatte.[6]

Schwarze Wolken über Krümmel

Mit dem Störfall, der sich am 28. Juni 2007 ereignete, erreichte die "Sicherheitskultur" der Betreiber Vattenfall und E.ON einen neuen Tiefpunkt. In einer Transformatoranlage brach ein Brand aus, der das Atomkraftwerk in dichte schwarze Wolken hüllte. Betreiber und Umweltministerium erklärten zwar unisono, es habe keinerlei Gefahr bestanden.[7] Die Behauptung von Vattenfall, es habe zwischen dem Brand und dem nuklearen Bereich des Reaktors keinen Zusammenhang gegeben, wurde von dem für die Atomaufsicht zuständigen Sozialministerium Schleswig-Holstein jedoch als Irreführung und Desinformation bezeichnet.[8]

Der Störfall, der anfangs wie ein harmloser Betriebsunfall aussah, erweckte mehr und mehr den Eindruck einer Beinahe-Katastrophe, die die Öffentlichkeit über Wochen beschäftigte. Infolge der Schnellabschaltung fielen die Speisewasserförderung aus und es verringerte sich mehrmals das Füllwasser im Reaktor, was nach Ansicht von Greenpeace zu einer Kernschmelze hätte führen können. Dem Gutachten des TÜV, alle Sicherheitssysteme hätten funktioniert, schenkte niemand Glauben. Problematisch wurde es für Vattenfall und seinen Geschäftsführer, den Lobbyisten Bruno Thomauske, als das Bundesumweltministerium unter Gabriel aufmerksam wurde und die Staatsanwaltschaft eine Durchsuchung durchführte. Thomauske, der den Namen eines Verletzten nicht herausgab, trat zurück. Der Störfall ließ die Stimmung in Deutschland kippen: Es war wieder eine Mehrheit für den Atomausstieg.[9]

Am 19. Juni 2009 durfte Krümmel zwar wieder ans Netz gehen, wurde aber aufgrund eines Kurzschlusses in einem Transformator schon am 4. Juli wieder vom Netz genommen. Die Schnellabschaltung von 2009 verursachte den Defekt eines Brennelements, ein Ansteigen der Radioaktivität des Kühlwassers und den Ausfall des Reinigungssystems des Kühlwassers. Der damalige baden-württembergische Ministerpräsident und Atommlobbyist Günther Oettinger sprach sich zwar sofort lauthals dafür aus, den Reaktor nicht ungeprüft vom Netz zu nehmen, aber es half alles nichts: Krümmel wurde nicht mehr angeschaltet.[10] Nach einer Schätzung aus dem Jahr 2012 verursachte der Unfall Kosten in Höhe von 247 Mio. US-Dollar.[11] 2011 verlor der Reaktor infolge des Ausstiegsbeschlusses endgültig die Betriebsgenehmigung.

→ Spiegel Online: Chronik: Die Pannenserie des AKW-Betreibers Vattenfall vom 12. Juli 2007

Verschleppung des Rückbaus

Zur Verärgerung der Reaktoraufsicht in Kiel und von Atomkraftgegnern hat Vattenfall lange Jahre kein Konzept für einen Rückbau bekanntgegeben. Es wurde spekuliert, dass der Konzern den Reaktor so lange wie möglich betriebsbereit halten möchte.[12] Umweltschützer forderten den sofortigen Abriss des AKW.[13]

Wegen der Verschleppung des Rückbaus der AKW Krümmel und Brunsbüttel durch Vattenfall startete die schleswig-holsteinische Landesregierung 2012 eine Bundesratsinitiative mit dem Ziel, dass Rückbaugenehmigungen sofort nach der Stilllegung beantragt werden müssen.[14]

Vattenfall weigerte sich weiter, eine Stilllegung zu beantragen, da der Konzern eine Entschädigung für die Abschaltung fordert. Für den Rückbau sind Rückstellungen in Höhe von 1,9 Mrd. Euro gebildet worden.[15]

Am 26. September 2014 wurde der Maschinentransformator von Krümmel, den E.ON Vattenfall abgekauft hatte, verschifft; er soll nach Bayern transportiert und in das AKW Isar 2 eingesetzt werden.[16]

Am 25. August 2015 legte Vattenfall endlich Pläne für einen direkten Rückbau von Krümmel vor, der nach der Überführung aller 1.000 Brennelemente aus der Anlage ins Zwischenlager auf dem Gelände beginnen könnte. Die Dauer des Rückbaus wird auf 15 bis 20 Jahre geschätzt. Die Klage des Konzerns wegen der Stilllegung von Krümmel und Brunsbüttel im Jahr 2011 auf 4,7 Mrd. Euro Schadenersatz läuft immer noch.[17]

Zugleich reichte Vattenfall den Antrag für Stilllegung und Rückbau beim schleswig-holsteinischen Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUR) ein.[18]

Den Wortlaut des Antrags siehe unter → Vattenfall: Antrag auf Stilllegung und Rückbau des Kernkraftwerks Krümmel (via WayBack)

Im Februar 2016, also nach rund 40 Jahren (!), wurde plötzlich festgestellt, dass ein Dach des AKW, unter dem mit radioaktivem Material gearbeitet wird, statisch nicht korrekt gebaut wurde und noch einmal saniert werden muss. Es leckt und könnte wegen zusätzlicher Aufbauten (Beton und Kies), die zum Wasserablauf aufgebracht worden waren, oder bei starkem Regen oder Schnee zusammenbrechen. Inzwischen wurde das Dach provisorisch gesichert.[19]

Fernsehbeiträge

  • Der Störfall - Was geschah wirklich in den AKWs von Vattenfall
    28. Juni 2007: Der "Brand im Maschinentransformator AT 01 des AKW Krümmel und der Kurzschluss in einer Schaltanlage des AKW Brunsbüttel hatten viel mehr Konsequenzen als nur die Schnellabschaltung beider Atommeiler (...) Vertrauliche Protokolle und Dokumente über den Umgang mit den beiden "Störfällen" in Wirtschaft und Politik zeigen, was seit jenem Nachmittag geschah." Quelle: YouTube
Die Story Der Stoerfall Was geschah wirklich in den AKWs von Vattenfall43:35

Die Story Der Stoerfall Was geschah wirklich in den AKWs von Vattenfall

WDR, hochgeladen auf YouTube am 15. März 2011

  • Die Atomlüge
    "Was sagt die Atomwirtschaft zu Reaktorsicherheit und Terrorgefahr? Mit diesen Fragen hat die Autorin Gesine Enwaldt ihre Spurensuche für 45 Min begonnen." Quelle: YouTube

    Auf die Frage: "Wo gibt es in Deutschland Orte, wo vergleichbare Häufungen [von Leukämiefällen], wie um die Atomkraftwerke herum, festzustellen sind?" bricht Peter Kaatsch, Leiter des Deutschen Kinderkrebsregisters,[20] das Interview ab. Quelle: Video (ab Min. 8:47)
"Die Atomlüge" - NDR Doku - 23.02.201044:42

"Die Atomlüge" - NDR Doku - 23.02.2010

NDR vom 23. Februar 2010

(Letzte Änderung: 23.04.2017)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: PRIS - Country Statistics - Germany
  2. 2,0 2,1 BfS: Kernkraftwerke in Deutschland abgerufen am 12. August 2014 (via WayBack)
  3. WNA Reactor Database: Kruemmel, Germany abgerufen am 9. April 2016
  4. BfS: Kernkraftwerke in Deutschland: Meldepflichtige Ereignisse seit Inbetriebnahme abgerufen am 23. April 2017
  5. Spiegel Online: AKW Brunsbüttel und Krümmel: Serie von Wasserstoff-Explosionen enthüllt vom 23. Juli 2007
  6. Mitteldeutsche Zeitung: Verspätete Meldungen von Störfällen in deutschen AKW vom 4. Juli 2007
  7. Spiegel Online: Feueralarm: Atomkraftwerk Krümmel nach Brand abgeschaltet vom 28. Juni 2007
  8. Sascha Adamek: Die Atomlüge. Heyne, München 2011, S. 71
  9. DER SPIEGEL 43/2007: Der Störfall vom 22. Oktober 2007
  10. Sascha Adamek: Die Atomlüge. Heyne, München 2011, S. 72f.
  11. tagesschau.de: Kosten von Atomunfällen - Fukushima, Tschernobyl und viele andere vom 11. März 2014.
  12. Der Tagesspiegel: Vattenfall in Schleswig-Holstein: Atomkonzern in der Kritik vom 31. März 2012
  13. contrAtom: AKW-Rückbau: Vattenfall drückt sich vor Verantwortung vom 28. März 2012
  14. Welt Online: Kiel will schnelleren Rückbau stillgelegter AKW erzwingen vom 21. Oktober 2012
  15. Welt Online: Brunsbüttel wird erst in Jahren zur grüne Wiese vom 30. Oktober 2013
  16. SHZ: Transformator auf dem Weg nach Bayern vom 26. September 2014
  17. NDR: Rückbau des AKW Krümmel dauert bis zu 20 Jahre vom 25. August 2015
  18. Vattenfall: Vattenfall startet Verfahren zum Rückbau des Kernkraftwerks Krümmel vom 25. August 2015
  19. NDR: Krümmel mit Dachschaden: Sanierung notwendig vom 16. Februar 2016
  20. kinderkrebsregister.de Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Deutschen Kinderkrebsregister abgerufen am 10. November 2013

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