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Weltweit größte Wiederaufarbeitungsanlage

UsineHague

Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague

Die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague liegt an der Nordspitze der Halbinsel Cotentin am Ärmelkanal im nordwestlichen Frankreich, 25 km westlich der Stadt Cherbourg. Nach Aussage des Eigentümers AREVA ist sie die führende industrielle Anlage zur Wiederaufarbeitung benutzter Brennelemente weltweit.[1]

Noch vor La Hague hatte 1958 in Marcoule bei Avignon die erste französische Wiederaufarbeitungsanlage UP 1 (Usine Plutonium 1)[2] ihren Betrieb aufgenommen.[3]

Mit dem Bau von La Hague war 1961 begonnen worden, nachdem die französische Atomkommission CEA sich zum Betrieb einer Wiederaufarbeitungsanlage mit dem Namen UP2 für UNGG-Reaktoren entschlossen hatte. 1966 wurde La Hague eröffnet, und 1967 nahm die UP2 den kommerziellen Betrieb auf. Dazu kamen die Anlagen ETS-3 (1987), UP3 (1990), UP2-800 (1994) und ACC (2001). Betreiber war anfangs die CEA, ab 1976 COGEMA und ab 2006 der Konzern AREVA, in dem COGEMA aufgegangen war.[4][5]

La Hague besitzt laut AREVA die Kapazität für bis zu 1.700 Tonnen abgebrannter Brennstoffe, die bei 80 bis 100 Reaktoren jährlich in aller Welt anfallen. Die wichtigsten Prozessschritte in La Hague sind Empfang und Lagerung der Brennelemente, die Separation der Komponenten und radioaktiven Substanzen, die Wiederaufarbeitung zu neuen Brennelementen und die Konditionierung des Atommülls durch Verglasung und Volumenreduzierung.[5]

"Reuters" meldete im Mai 2015, dass sich die Wiederaufarbeitungsanlage in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation befindet, da nach der Fukushima-Katastrophe viele internationale Kunden abgesprungen sind und die französische EDF als einziger großer Kunde Kosteneinsparungen fordert.[6]

Störfälle

Seit Inbetriebnahme ist es immer wieder zu Zwischenfällen in La Hague gekommen.

In einer vom Europäischen Parlament im Jahr 2001 herausgegebenen Studie sind Ereignisse im Zeitraum von 1989 bis 2011 aufgelistet, die vom Betreiber gemeldet wurden. Acht Störfälle wurden näher beschrieben:

  • 2. Oktober 1968: Austritt von Jod-131 aus dem Kamin von UP2-400 (10.000 mal über dem Limit, über acht Stunden)
  • 14. Januar 1970: Explosion während der Wiederaufarbeitung von Gas-Graphite-Brennstoff
  • 1. Oktober 1976: Tritium-Kontamination der “Sainte-Hélène”-Strömung und anderer Meeresströmungen nahe La Hague
  • 2. Januar 1980: Leck in einem Abflussrohr (3,5fache Jahresdosis von Strahlung bei einigen Fischern)
  • 6. Januar 1981: Feuer in einem Abfalllager bei Graphitelementen und Uranmetall (INES-Stufe 3)
  • 13. Februar 1990: Unkontrollierter Austritt von Cäsium-137 aus dem Kamin der Anlage ELAN II (INES-Stufe 1)
  • 11. März 1997: Von einem Abflussrohr verursachte erhöhte Strahlung bei niedrigem Wasserstand (INES-Stufe 1)
  • Seit 1983: Dauerhafte Verunreinigung von Grundwasser und Meeresströmungen durch Strontium-90[7]

Die Medien berichteten über weitere Störfälle:

  • 1980 löste laut "Spiegel" ein Kurzschluss einen Brand aus. Ein Stromausfall führte zu einem Ausfall der Ventilation, woraufhin die Temperaturen im Kühlwasser massiv anstiegen. Das Werk musste geräumt werden, Frankreich stand eine Woche lang vor einer atomaren Katastrophe.[3]
  • Im November 1989 (ebenfalls "Spiegel") strömte eine rosa Wolke aus, als ein Ventil und Teilchenfilter versagt hatten. Im gleichen Monat brannte eine Behälter für schwachradioaktiven Abfall, den man mit Handfeuerlöschern bekämpfte.[8]
  • 2007 wurden laut "RP Online" 86 Störungen der INES-Stufe 1 gemeldet. Am 10. Oktober 2008 lief ein Behälter, der mit Plutonium gefüllt wurde, über, und Material trat aus. Nach Aussage von AREVA konnte das Plutonium aufgefangen werden und verblieb in der Anlage.[9]

Radioaktive Verseuchung der Umgebung, des Ärmelkanals und der Nordsee

Wirklich wiederaufgearbeitet wurde und wird in La Hague nur ein geringer Anteil des angelieferten Atommülls. Stattdessen vervielfacht die Anlage den Atommüll wegen nötiger Hilfsmittel und Chemikalien um den Faktor 20 und verursacht schwere Umweltschäden. "Eines Teils des Atommülls entledigen sich die Betreiber der Wiederaufarbeitungsanlagen auf billige Weise über Abwasserpipelines. Jährlich werden rund 500 Millionen Liter radioaktives Abwasser (...) in den Ärmelkanal/Nordsee gepumpt. (...) Anfang 1997 wiesen zwei französische Wissenschaftler in einer Studie den Zusammenhang zwischen den radioaktiven Einleitungen in La Hague und einer erhöhten Blutkrebsrate bei Kindern und Jugendlichen nach. (...) Proben von Krebsen zeigen, dass die Meeresverseuchung bei La Hague Ausmaße angenommen hat, die mit Kontaminationen nach nuklearen Großunfällen vergleichbar sind."[2]

Im November 2001 wurde vom Europäischen Parlament eine Studie zu den toxischen Auswirkungen der Wiederaufarbeitungsanlagen in La Hague und Sellafield veröffentlicht, die von WISE/Paris unter der Leitung von Mycle Schneider verfasst wurde. Deren Resümee war, dass bis zu diesem Zeitpunkt auf beide Anlagen die höchste, vom Menschen verursachte Freisetzung von Radioaktivität zurückzuführen war, vergleichbar einem großen Atomunfall in jedem Jahr. Die Freisetzung radioaktiver Substanzen war möglicherweise doppelt so hoch wie die nach der Katastrophe von Tschernobyl. In der Umgebung beider Standorte wurde ein deutlicher Anstieg der Leukämie-Fälle festgestellt; es wird als möglich angesehen, dass die radioaktiven Emissionen aus beiden Anlagen dazu beigetragen haben. In Sellafield sind signifikante Konzentrationen von Radionukliden in Nahrungsmitteln, Sedimenten in Flora und Fauna festgestellt worden. Festgestellt wurden Carbon-14, Jod-129, Krypton-85, Plutonium, Technetium-99 mit einer Halbwertszeit von 214.000 Jahren und Tritium. Zudem sei in La Hague bei Störfällen immer wieder zusätzlich Radioaktivität freigesetzt worden, wie z. B. bei einen Rohrbruch 1980.[7]

2009 wurde aufgedeckt, dass jährlich etwa 100 Tonnen abgereichertes Uran von La Hague nach Russland transportiert wurden. Während der französische Energiekonzern EDF das Uran als Brennstoff für die Wiederaufarbeitung bezeichnet, handelt es sich in Wirklichkeit um Atommüll, da 90 % des Urans nur gelagert, aber nicht wiederaufgearbeitet werden.[10]

→ AtomkraftwerkePlag: Wiederaufarbeitung und Transmutation
→ AtomkraftwerkePlag: Atommüll im Atlantik

Fernsehbeiträge

  • Albtraum Atommüll
    Täglich fließen 400 Kubikmeter radioaktive Abwässer in den Ärmelkanal. "Wir sind hier genau oberhalb der Stelle, wo das Abflussrohr für Atommüll der Anlage von La Hague rauskommt. (...) Hier drunter fließen durch dieses Rohr jedes Jahr mengenmäßig 33 Millionen 200-Liter Fässer an radioaktivem Abwasser ins Meer. (...) Im internationalen Abkommen von 1993 war es verboten worden, radioaktive Abfälle ins Meer zu werfen - aber nur von Schiffen aus. Auch wenn es paradox klingt, die Einleitung durch unterirdische Leitungen ist weiterhin legal. (...) Manche Isotope wie Jod 129 kann man in Deutschland im Regen und sogar noch in der Arktis messen. (...) Aus diesem Rohr kommen Cäsium, Kobalt und andere Isotope, die man dann in der gesamten Nahrungskette findet."
Atommüll Wiederaufarbeitungsanlage La Hague - Eine andauernde Verseuchung der Umwelt11:15

Atommüll Wiederaufarbeitungsanlage La Hague - Eine andauernde Verseuchung der Umwelt

Auszug aus dem Dokumentarfilm, 2009

Weitere Weblinks

→ Berliner Zeitung: Angst vor der "Fabrik" vom 19. Februar 1997
→ Wikipedia (frz.): Usine de retraitement de la Hague


(Letzte Änderung: 21.06.2017)

Einzelnachweise

  1. AREVA: La Hague: recycling used fuel abgerufen am 7. Dezember 2014
  2. 2,0 2,1 Greenpeace: Wiederaufarbeitung in La Hague - Schleichende radioaktive Verseuchung und illegale Einleitungen vom 6. Mai 2000
  3. 3,0 3,1 DER SPIEGEL 16/1989: Angst mit zehn Jahren Rückstand - Nach La Hague kommt Atommüll aus aller Welt vom 17. April 1989
  4. AREVA: History abgerufen am 7. Dezember 2014
  5. 5,0 5,1 AREVA: Recycling used fuel from reactors abgerufen am 7. Dezember 2014
  6. Reuters: Crisis for Areva's La Hague plant as clients shun nuclear vom 6. Mai 2015
  7. 7,0 7,1 Europäisches Parlament: POSSIBLE TOXIC EFFECTS FROM THE NUCLEAR REPROCESSING PLANTS AT SELLAFIELD (UK) AND CAP DE LA HAGUE (FRANCE) (Seite 112ff.) vom November 2001
  8. DER SPIEGEL 4/1990: Normalfall Störfall vom 22. Januar 1990
  9. RP Online: Zwischenfall in La Hague - Störung in französischer Atomanlage vom 10. Oktober 2008
  10. Spiegel Online: Umstrittene Transporte: Frankreich lädt radioaktives Material in Sibirien ab vom 13. Oktober 2009

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