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4 graphitmoderierte Leichtwasserreaktoren • Leistung: 1.000 MW/1.000 MW/1.000 MW/1.000 MW •
Typ: RBMK-1000/RBMK-1000/RBMK-1000/RBMK-1000 • Hersteller: Minatomenergo •
Baubeginn: 1970/1970/1973/1975 • Inbetriebnahme: 1973/1975/1979/1980 •[1][2] Abschaltung: offen


AKW nahe Sankt Petersburg

Leningrad Nuclear Power Plant 20JUL2010-4.jpg

AKW Leningrad (Russland)

Das Atomkraftwerk Leningrad, das auch Sosnowy Bor genannt wird, gehört zu den störanfälligsten Anlagen in Russland. Es ist nur etwa 60 km von der Millionenstadt St. Petersburg entfernt.[3]

Am Standort gibt es vier Leichtwasser-Graphitreaktoren mit einer Leistung von je 1.000 MW Leistung, die 1973/1975/1979/1980 in Betrieb gegangen sind (Leningrad-1 bis -4). Zwei weitere RBMK-Reaktoren, Leningrad-5 und -6 mit je 800 MW, waren geplant und sollten 2008 und 2011 in Betrieb gehen, wurden aber nicht realisiert. Stattdessen befinden sich zwei zusätzliche Druckwasserreaktoren mit der Bezeichnung Leningrad II-1 und II-2 und je 1.170 MW Leistung seit 2008 und 2010 im Bau. Eigentümer und Betreiber der Anlage ist die russische Gesellschaft Rosenergoatom, Hersteller war Minatomenergo.[1][2][4]

Leningrad II soll vier Einheiten vom Typ VVER-1200/V-491 mit einer Leistung von je 1.170 MW umfassen.[5] Die Inbetriebnahme war für die Jahre 2015, 2017, 2020, 2021 vorgesehen, musste nach Angaben des Betreibers im Februar 2015 jedoch um ein Jahr nach hinten verlegt werden.[6] Am 28. Juli 2015 wurde eine erneute Verschiebung bekanntgegeben: Die Inbetriebnahme von Reaktor Leningrad II-1 soll nun am 30. Juni 2017, die von Leningrad II-2 am 30. November 2019 erfolgen.[7]

Veraltete Reaktoren vom Tschernobyl-Typ

Die vier aktiven RBMK-Reaktoren sind von der gleichen Bauart wie die Tschernobyl-Reaktoren und gelten als hochgefährlich.[8] Als Risiken nannte der Physiker Helmut Hirsch die Aufschaukelung der Kettenreaktion, Versprödung der Druckröhren, die die Brennelemente enthalten, sowie Schwächen der Schutzhülle. Trotz Nachrüstungen könnten diese Reaktoren nicht westliche Sicherheitsstandards erreichen.[9] Der "Spiegel" 2009: "Mit der Temperatur im Kern steigt beim RBMK auch die Reaktivität. Ungekühlt kann er sich bis zur Kernschmelze aufschaukeln." 2009 attestierte die Umweltorganisation Grüne Welt dem AKW Dutzende von Lecks. Gefahren gehen auch von einem überfüllten Lager für verbrauchte Brennelemente aus, in dem 20 Tonnen Plutonium vermutet werden.[10]

Im Juli 1986 forderten Regierungsmitglieder im Politbüro der ehemaligen Sowjetunion die Stilllegung der Leningrad-Reaktoren 1 und 2.[11] Der Vize-Energieminister Schascharin sagte: "Auch die Kernkraftwerke Smolensk, Kursk und die beiden bei Leningrad müssen geschlossen werden. Die lassen sich gar nicht mehr sanieren." Energiemister Majorez: "Das Modell dieses Reaktors taugt nichts."[12]

1974/1975: Ernste Unfälle der INES-Stufe 4-5

Die technischen Schwächen der RBMK-Reaktoren haben sich insbesondere bei Leningrad-1 eindrucksvoll gezeigt.

Bereits kurz nach Inbetriebnahme ereigneten sich am Reaktor zwei schwerwiegende Unfälle, die beide mit den INES-Stufen 4-5 (Unfall/Ernster Unfall) klassifiziert wurden.[13]

Nachdem bereits am 7. Januar 1974 ein Gasbehälter, der radioaktive Gase zurückhalten sollte, zerstört wurde, kam es kurz darauf zu einem ernsten Unfall. Am 6. Februar 1974 zerbrach der Zwischenkreislauf (intermediate circuit) des Reaktors, da dieser ungewollt kochendes Wasser enthielt. Drei Mitarbeiter kamen ums Leben, hochradioaktives Wasser und radioaktiver Schlamm von Filterpulver wurden in die Umwelt freigesetzt. Beim zweiten ernsten Unfall im Oktober 1975 wurde der Kern des Reaktor teilweise zerstört, woraufhin 1,5 Mio. Curie radioaktiver Substanzen in die Umwelt gelangten.[14] Greenpeace gibt für diesen Unfall den 28. November 1974 als Datum an.[13] "nucleopedia.org" bezeichnet beide Datumsangaben als falsch, nennt den 30. November 1975 und beschreibt den Unfall anders.[15] Im "Spiegel" wird ebenfalls der November 1975 genannt.[16]

Weitere Störfälle und Ereignisse

Verschiedene Quellen berichten von einem Störfall im März 1992 in Reaktor 3. Ursache war laut "nucleopedia", das den 24. März 1992 als Datum angibt, ein Regelventil, das bei Reparaturarbeiten beschädigt wurde. Ein Brennelement schmolz, radioaktive Gase strömten in die Atmosphäre und die Umwelt - ein Störfall der INES-Stufe 3 (Unfall/Ernster Unfall).[15] Laut "Spiegel" entstanden Gerüchte von einem Atomunfall in St. Petersburg, die Menschen verschwanden von den Straßen. "Schon wenige Stunden später breitete sich quer durch Europa eine Welle der Angst, Verunsicherung und Empörung aus."[16]

Im Januar 1994 musste das AKW abgeschaltet werden, weil der Betreiber wegen Geldmangel keinen Brennstoff kaufen konnte. Im August wurde das Bankkonto geschlossen, weil die Steuern nicht gezahlt werden konnten. Im Januar 1995 folgte eine weitere Abschaltung wegen Brennstoffmangels, und im September eine Stromreduzierung. Dies wiederholte sich im Juli 1996. Außerdem kam es im gleichen Jahr wegen ausstehender Löhne zu mehreren Streiks in der Anlage.[17]

Am 16. Dezember 2005 berichtete Rosenergoatom von einer Explosion in einem Schmelzofen in einer Metallhütte auf dem Gelände von Leningrad-2, bei der drei Arbeiter verletzt wurden. Nach Aussage der russischen Atomenergiebehörde sei keine erhöhte Strahlung aufgetreten. Das russische Katastrophenschutzministerium erklärte hingegen, die Explosion habe sich nicht auf dem AKW-Gelände, sondern in der Industriezone von Sosnowj Bor ereignet.[18][19]

Am 18. Dezember 2015 musste Leningrad-2 wegen eines weiteren Störfalls heruntergefahren werden. Nachdem ein Rohr im Wasserkreislauf der Einheit geplatzt war, trat Wasserdampf zunächst in die Turbinenhalle und dann in die Umwelt aus. Ein Teil des Personals wurde nach Hause geschickt, und es brach Panik in der nahegelegenen Stadt Sosnowy Bor aus. Die weithin sichtbare Dampfwolke trieb in Richtung Meer. Ein Sprecher der Umweltgruppe "Grüne Welt", der selbst als Physiker und Ingenieur in der Atomwirtschaft beschäftigt gewesen war, wies die Behauptung der Kraftwerksleistung zurück, der Dampf sei nicht radioaktiv gewesen. "Der Reaktor von Sosnowy Bor habe nur einen Wasserkreislauf. Das Wasser sei mit Radioaktivität in Kontakt gekommen, bevor es sich in Dampf verwandelt habe."[20]

Weitere Links

→ Rosenergoatom: Leningrad NPP (Homepage des Betreibers)

(Letzte Änderung: 22.04.2017)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: PRIS - Country Statistics/Russian Federation abgerufen am 24. Juni 2014
  2. 2,0 2,1 IAEO: LES CENTRALES NUCLEAIRES DANS LE MONDE von 1997
  3. WNA Reactor Database: Leningrad 1, Russia abgerufen am 9. April 2016
  4. Rosenergoatom: Leningrad NPP abgerufen am 24. Juni 2014
  5. WNA: Nuclear Power in Russia abgerufen am 30. September 2016
  6. world nuclear news: Leningrad II may be delayed by a year, says project chief  vom 16. Februar 2015
  7. world nuclear news: Russia puts back power supply dates for new reactors vom 28. Juli 2015
  8. IAEA: PRIS - CountryStatistics/Ukraine abgerufen am 28. November 2014
  9. Deutsche Welle: "Bei jedem Reaktortyp besteht die Möglichkeit eines katastrophalen Unfalls" vom 9. April 2006
  10. DER SPIEGEL 21/2009: Atompakt mit dem Großreich vom 18. Mai 2009
  11. Spiegel Online: Kreml-Dokumente: Forscher warnten vor Tschernobyl-Katastrophe vom 19. März 2011
  12. DER SPIEGEL 12/2011: Das Modell taugt nichts vom 21. März 2011
  13. 13,0 13,1 Greenpeace: Risiken, Unfälle und Katastrophen abgerufen am 24. Juli 2014
  14. rri.kyoto-u.ac.jp: The Chernobyl Reactor: Design Features and Reasons for Accident abgerufen am 24. Juli 2014
  15. 15,0 15,1 nucleopedia.org: Kernkraftwerk Leningrad abgerufen am 24. Juli 2014
  16. 16,0 16,1 DER SPIEGEL 14/1992: Riesiger Scheiterhaufen vom 30. März 1992
  17. Nuclear Energy Institute: Soviet-Designed Nuclear Power Plants in Russia, Ukraine, Lithuania, Armenia, the Czech Republic, the Slovak Republic, Hungary and Bulgaria (Fifth Edition) von 1997 [Dokument nicht mehr verfügbar]
  18. FAZ.net: Drei Verletzte bei Explosion auf russischem Atomgelände vom 16. Dezember 2005
  19. russland.ru: Explosion bei Atomkraftwerk in der Nähe von St. Petersburg vom 16. Dezember 2005
  20. taz.de: Heißer Dampf in Sosnowy Bor vom 19. Dezember 2015

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