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Atomenergie in Europa > Polen

Nicht realisiert: Żarnowiec und Warta

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Warschau (Polen)

Polen, das seinen Energiebedarf bislang fast vollständig durch Kohle deckt, erwog die Nutzung der Atomkraft zum ersten Mal im Jahr 1956 und war 1957 ein Gründungsmitglied der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). In den 1960er Jahren sollten Handelsschiffe mit Atomantrieb konstruiert werden; derartige Pläne wurden Ende des Jahrzehnts aufgegeben. 1971 bis 1977 wurde an verschiedenen Standorten Uran gefördert.[1][2]

1971 wurde entschieden, ein erstes Atomkraftwerk zu errichten. Im folgenden Jahr wurde als Standort Żarnowiec bei Gdynia am Baltischen Meer ausgewählt, und 1984 begannen die Bauarbeiten. 1990, nachdem das AKW in einem Referendum abgelehnt worden war, sagte der polnische Ministerrat das Projekt ab. Ein zweites geplantes AKW am Standort Warta (Klempicz in Posen) wurde 1989 ebenfalls aufgegeben.

Żarnowiec (Polen)
Warta (Polen)

In alten Seiten der IAEO finden sich vier Einheiten eines geplanten Atomkraftwerks III mit je 1.000 MW Leistung, die verworfen wurden.[3]

Polen betreibt bislang nur einen Mehrzweckforschungsreaktor in Swierk südlich von Warschau, der eine Nettoleistung von 30 MW besitzt und seit 1993 zum europäischen Reaktorennetzwerk für die Produktion von Molybdän-99 für medizinische Zwecke gehört.[4] Der Reaktor hat die Bezeichnung Maria und wurde am 18. Dezember 1974 in Betrieb genommen. Vier andere Forschungsreaktoren sind abgeschaltet oder stillgelegt worden.[5]

2007: Neue Einstiegspläne unter Tusk

Nach dem Amtsantritt von Donald Tusk 2007 als Ministerpräsident nahm die polnische Regierung einen neuen Anlauf, in die Atomkraft einzusteigen. Ausstiegspläne Deutschlands und anderer Staaten nach der Fukushima-Katastrophe kommentierte Tusk mit den Worten, "der gesunde Menschenverstand dürfe nicht ausgeschaltet werden."[6] Im August 2010 wurde ein Plan vorgelegt, nachdem ab 2019 ein erster Reaktor errichtet und spätestens 2024 fertiggestellt werden soll. Insgesamt sollen bis 2035 zwei Atomkraftwerke mit jeweils 3.000 MW Leistung (= vier bis sechs Reaktoren) in Betrieb gehen.[1]

Im April 2011 wurde bekannt, dass ein AKW direkt an der deutschen Grenze gebaut werden sollte, was Proteste in Deutschland auslöste.[7] Im August 2011 wurde dieser Plan aufgegeben.[8]

Im Oktober 2012 wurde gemeldet, dass die AREVA-Gruppe, die Electricité de France (EDF) und die GE Hitachi Nuclear Energy (GEH) den Bau von Atomkraftwerken in Polen unterstützen wollten und Absichtserklärungen unterzeichnet haben.[9]

Im Dezember 2012 setzte die polnische Regierung durch, dass unerwünschte deutsche Windstromexporte nach Polen gestoppt werden können, um die Netzstabilität nicht zu gefährden.[10]

Im Juli 2013 unterzeichnete Polen zusammen mit Tschechien, der Slowakei und Ungarn in Budapest eine Kooperationsvereinbarung zur Förderung von Reaktoren der geplanten Generation IV. Die vier Staaten planen die Eröffnung eines nuklearen Kompetenzzentrums namens V4G4.[11]

  • Polen: Krach ums Atomkraftwerk
    "Polen will nahe der deutschen Grenze sein erstes Atomkraftwerk bauen. Protest kommt nicht nur von deutschen Landespolitikern, auch an einem der möglichen Standorte für den Meiler formiert sich Widerstand. Derzeit werden verschiedene Standorte diskutiert. Einer davon ist die Küstenstadt Mielno an der Ostsee. Dort haben die Einwohner in einem Referendum gegen die Atompläne ihrer Regierung gestimmt." Quelle: YouTube
Polen Krach ums Atomkraftwerk Europa Aktuell05:16

Polen Krach ums Atomkraftwerk Europa Aktuell

Deutsche Welle, veröffentlicht am 12. April 2012 auf YouTube

Bevölkerung dagegen, Finanzierung ungeklärt, Einstieg verschoben

Spätestens seit Ende 2011 mehrten sich die Anzeichen, dass die Einstiegspläne zurückgenommen werden könnten.

Im Dezember 2011 wurde gemeldet, dass es "Probleme bei der Finanzierung des Projekts durch europäische Banken" gebe. Die Kreditwürdigkeit des polnischen Energiekonzerns PGE wurde bezweifelt.[12] Des Weiteren regte sich Widerstand in der Bevölkerung. Bei einer regionalen Volksabstimmung im Februar 2012 sprach sich eine klare Mehrheit gegen den AKW-Neubau an der Ostsee aus, weshalb die polnische Regierung im März 2012 eine Kampagne für Atomkraft startete.[13]

Am 21. Februar 2013 erklärte der polnische Minister für Staatsvermögen, Mikolaj Budzanowski, es sei unter den derzeitigen Umständen nicht möglich, dass der polnische Staat den Bau von Atomkraftwerken unterstütze. [14]

Nach einer Umfrage vom April 2013 lehnten 52 % der Befragten die Einführung der Atomkraft in Polen ab, nur 35 % unterstützten diese. Den Bau eines Atomkraftwerks in der eigenen Umgebung lehnten 70 % der Polen ab. Eine Informationskampagne der Regierung zur Atomkraft dürfte damit gescheitert sein.[15]

Im Juni 2013 schließlich kündigte Donald Tusk an, dass die Einstiegspläne aufgrund der hohen Kosten (umgerechnet 12,5 Mrd. Euro) verschoben werden sollen.[16] Die Deutsche Energie-Agentur (dena) begrüßte die Erklärung und bemerkte, dass Polen seine Energieversorgung durch Energieeffizienz, erneuerbare Energien und moderne fossile Kraftwerke sichern könne.[17]

Im Oktober 2013 beschloss das polnische Wirtschaftsministerium ein Atomprogramm, das die Inbetriebnahme eines ersten Reaktors 2024 vorsieht, und eines zweiten vor 2035.[18] Mit dem Einstieg in die Atomkraft sollen der CO2-Ausstoß vermindert und der angeblich steigende Strombedarf gedeckt werden. Ob das Projekt umgesetzt wird, ist jedoch weiterhin fraglich: Die Finanzierung ist laut Wirtschaftsministerium nicht geklärt, es fehlt an Fachkräften, von Seiten der Politik gibt es große Widerstände, und sollte es wirklich zu kurzfristigen Stromengpässen kommen, dauert der Bau von Atomkraftwerken zu lange, um diese auszugleichen.[19]

Am 18. Januar 2014 bestätigte der polnische Ministerrat das "Nationale Kernenergieprogramm" mit der Inbetriebnahme eines ersten Reaktors bis 2024 in Zarnowiec oder in Lubiatowo bei Danzig,[20] gefolgt von einem zweiten Reaktor im Jahr 2035.[21]

→ BMUB: Programm für Polnische Kernenergie vom Januar 2014

Im Februar 2014 wurde für die Inbetriebnahme der ersten Einheit jedoch das Jahr 2027, am 20. Juli 2015 das Jahr 2029 und am 23. Juli von Greenpeace schließlich das Jahr 2031 genannt. Die Umweltschutzorganisation beruft sich hierbei auf einen geheimen Plan des polnischen Versorgers PGE.[22]

Am 5. Oktober 2015 erklärte die polnische Premierministerin Ewa Kopacz, dass die polnische Regierung die Priorität im Bereich der Energieversorgung nicht bei der Atomenergie, sondern bei der Kohle sehe.[23]

Weitere Links

→ AtomkraftwerkePlag: Atommüll und Endlagerung in Europa: Polen
→ AtomkraftwerkePlag: Uranabbau in Polen
→ contrAtom: Interview mit polnischen AtomkraftgegnerInnen vom 2. Juni 2012

(Letzte Änderung: 26.12.2016)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: Country Nuclear Power Profiles/Poland abgerufen am 14. Februar 2015
  2. IAEO: Member States abgerufen am 11. März 2016
  3. IAEO PRIS: III POWER PLANT-1, IAEO PRIS: III POWER PLANT-2, IAEO PRIS: III POWER PLANT-3, IAEO PRIS: III POWER PLANT-4 abgerufen am 12. Juni 2016 (via WayBack)
  4. WNA: Poland abgerufen am 2. Januar 2014
  5. IAEO: Research Reactors/Countries: Poland abgerufen am 4. April 2014
  6. n-tv.de: Welche Ausstiegsdebatten? Osteuropa geht seinen Weg vom 16. März 2011
  7. Märkische Oderzeitung: Nein zu Atomstrom von der Oder vom 11. Juli 2011
  8. Potsdamer Neueste Nachrichten: Polen überrascht mit konkreten Atomplänen vom 4. August 2011
  9. nuklearforum.ch: Polens Kernenergiepläne ziehen Kreise vom 17. Oktober 2012
  10. FAZ.net: Polen wehrt deutschen Windstrom ab vom 21. Dezember 2012
  11. Budapester Zeitung: Kooperation statt Energiewende vom 27. Juli 2013
  12. RP Online: Europas Banken als Bremse? Polnischer Atom-Einstieg auf der Kippe vom 5. Dezember 2011
  13. Deutschlandradio: Polen startet Kampagne für Atomkraft vom 8. März 2012
  14. worldnuclearreport.org: "Not Possible" for Polish Government to Support Nuclear Project vom 21. Februar 2013
  15. wirtschaftsblatt.at: Polen sind weiterhin gegen Atomkraft vom 19. April 2013
  16. MOZ: Polen verschiebt seine Atompläne vom 20. Juni 2013
  17. finanzen.ch: Polen kann auf Atomenergie verzichten / dena-Chef Kohler plädiert für Energieeffizienz, effiziente fossile Kraftwerke und Erneuerbare vom 21. Juni 2013
  18. nuklearforum.ch: Polen: erstes Kernkraftwerk 2024 in Betrieb vom 23. Oktober 2013
  19. Welt Online: Polen will jetzt Atomkraftwerke bauen vom 29. Januar 2014
  20. rbb-online.de: Polnische Atompläne jetzt im Netz einsehbar vom 17. Dezember 2014
  21. BMUB: Nationales Kernenergieprogramm der Republik Polen vom 24. November 2014
  22. wirtschaftsblatt.at: Die polnische AKW-Fata-Morgana vom 4. August 2015
  23. elp.com: Polish government to focus on coal power plants over nuclear vom 5. Oktober 2015

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