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Atomenergie in Europa > Russland

Atomkraftwerke seit 1954

Kremlevskaya Naberezhnaja Moscow.hires

Moskau (Russland)

Die ehemalige Sowjetunion und das heutige Russland zählen zu den weltweit bedeutendsten Nuklearmächten. 1940 war in der russischen Sowjetrepublik die spontane Atomspaltung im Uran entdeckt, 1946 eine erste kontrollierte Reaktion in einem Labor erreicht und 1954 das weltweit erste Atomkraftwerk in Obninsk in Betrieb genommen worden.[1] 1957 war Russland ein Gründungsmitglied der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO).[2]

In der Sowjetunion wurden drei eigenständige Linien der Reaktortechnik entwickelt: die Druckwasserreaktoren der Linie WWER (Wasser-Wasser-Energie-Reaktor),  die  graphitmoderierten  Siedewasserreaktoren der Tschernobyl-Linie RBMK und die natriumgekühlten Schnellen Brüter der Linie BN.[3] Die beiden ersten kommerziellen Reaktoren gingen 1964 in Betrieb: der WWER in Nowoworonesch-1 und der graphitmoderierte Siedewasserreaktor mit Dampfüberhitzung Beloyarsk-1. 1973 folgte mit Leningrad-1 der erste RBMK-Reaktor.[1]

Heute betreibt Russland 37 Reaktorblöcke an 10 Standorten, sechs Einheiten befinden sich in Bau.[4][5]

Reaktoren

Balakovo
Beloyarsk
Bilibino
Kalinin
Kola
Kursk
Leningrad
Nowoworonesch
Rostow
Smolensk

Obninsk (stillgelegt)
Troizk (stillgelegt)
VK-50 Melekess (stillgelegt)

Atomschiffe
Akademik Lomonosov (im Bau)
NS Sewmorput (wird überholt)
Lenin (stillgelegt)

Geplante Standorte
Kostroma
Nischni Nowgorod
Sewersk
Süd-Ural
Tatarien

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Laut World Nuclear Association (WNA) ist bei Dimitrowgrad eine Pilotanlage mit 100 MW geplant, und für folgende Standorte sind AKW vorgeschlagen worden: Primorsk, Schelesnogorsk, Twer, Sakha.[6]

Verworfene Reaktoren

Baschkirien
Gorki
Kalinigrad/Baltic

Kostroma
Krasnodar
Süd-Ural

Sosnovy Bor
Tatarien
Wolgograd

Woronesch

Weitere geplante, aber nicht realisierte Atomkraftwerke waren Primorsky-1 (WWER-Reaktor, 360 MW), Dalnevostok (2 WWER-Reaktoren, je 640 MW) und Tiksha-1 (WWER-Reaktor, 640 MW).[7]

Forschungsreaktoren
Eine Übersicht über alle in Russland betriebenen, geplanten und stillgelegten Forschungsreaktoren findet man unter → IAEO: Research Reactors/Countries: Russia.

Atomunfälle/Altreaktoren/Sicherheitsmängel

In der ehemaligen Sowjetunion gab es mehrere ernste bis katastrophale Atomunfälle, aus denen großflächige radioaktive Verseuchungen resultierten. 1957 explodierte in → Majak ein mit hochradioaktiver Flüssigkeit gefüllter Tank in einer Atomfabrik. Dabei wurden radioaktive Substanzen mit einem Volumen in die Atmosphäre geschleudert, das demjenigen der Tschernobyl-Katastrophe vergleichbar war. Die Explosion von Majak wurde in der INES-Skala in Stufe 6 (Schwerer Unfall) eingeordnet. 1958 explodierte bei der Stadt Blagoweschtschensk im Ural, 40 Kilometer nördlich der Republikhauptstadt Ufa,[8] eine Atommülldeponie. Radioaktive Substanzen wurden in östlicher Richtung über ein Gebiet von der Größe des Saarlands verteilt, wobei hunderte Menschen starben und zehntausende erkrankten.[9][10] Es soll in der Deponie insgesamt sogar drei Explosionen gegeben haben.[11] 1974/1975 kam es zu zwei ernsten Unfällen im Atomkraftwerk → Leningrad. 1986 folgte der → Gau von Tschernobyl, und 1993 explodierte in → Sewersk/Tomsk-7 wieder ein Tank mit hochradioaktivem Inhalt.

Viele der heute betriebenen Reaktoren wurden schon in den 1970er Jahren in Dienst gestellt, die meisten anderen in den 1980er Jahren. Nur fünf Einheiten sind nach 2000 in Betrieb gegangen, neun neue Reaktoren werden gebaut.[12]

An den Standorten Kursk, Leningrad und Smolensk sind immer noch RBMK-Reaktoren vom Tschernobyl-Typ am Netz, die als hochgradig gefährlich gelten. Eine Stilllegung dieser Atomkraftwerke hatten deshalb schon Regierungsmitglieder im Politbüro der ehemaligen Sowjetunion Im Juli 1986 gefordert.[13]

Eine Prüfung aller kommerziellen Atomkraftwerke ergab im Juni 2011 gravierende Sicherheitsmängel.[14] Es gibt auch Hinweise über Schlampereien bereits beim Rohbau neuer Atomkraftwerke.[15] Nach einem Bericht von Vladimir Kuznetsov, Professor der Arkhangelsk Arctic State University, im Deutschen Bundestag vom März 2014 weisen die russischen Reaktoren "massive Sicherheitslücken auf und entsprechen nicht den modernen Anforderungen. Die Qualifikation des Personals sei mangelhaft, die Normen für die radioaktive Sicherheit würden immer weiter aufgeweicht und das Problem der Lagerung der abgebrannten Brennstäbe sei bislang ungelöst." Kuznetzov forderte den Bundestag auf, auf eine Abschaltung der Altreaktoren zu dringen.[16]

Auch in Russland gibt es eine Anti-Atomkraft-Bewegung, die insbesondere nach der Tschernobyl-Katastrophe Einfluss erringen konnte und zwischen 1988 und 1992 die Realisierung von über 100 Atomprojekten verhinderte. Nach wirtschaftlichen Problemen und einem Baustopp in den 1990er Jahren verlor die Bewegung zwar ihren Angriffspunkt, konnte aber nach der Wiederaufnahme unter Putin trotz des starken Drucks der Staatsmacht wieder an Bedeutung gewinnen, wie diverse Aktionen zeigen.[17] Als "Nestor" der Anti-AKW-Bewegung gilt der promovierte Biologe Alexey Jablokow, der sich immer wieder im Zusammenhang mit der Tschernobyl-Katastrophe und ihren Folgen zu Wort gemeldet hat.[18]

Putins Atomenergieprogramm

Der russische Präsident Putin gründete 2007 per Erlass die Holding Atomenergoprom, in der alle zivilen Bereiche der russischen Atomwirtschaft mit zwei Zielen gebündelt wurden: zum einen sollte eine zentrale Steuerung ermöglicht werden, zum anderen das Gewicht auf dem Weltmarkt erhöht werden. Russland wollte so zu den bisherigen Weltmarktführern AREVA, Westinghouse und Mitsubishi aufschließen.[3] 100 % der Holding Atomenergoprom hält die staatliche Gesellschaft → ROSATOM.[19] Ebenfalls Tochter von ROSATOM ist Rosenergoatom, Betreiber aller russischen Atomkraftwerke mit aktiven Reaktoren.[20]

An der grundsätzlichen Einstellung der russischen Politik zur Atomenergie haben Tschernobyl, Fukushima und die mangelhafte Sicherheit der Reaktoren nichts geändert. Wladimir Putin erklärte bereits kurz nach der Fukushima-Katastrophe, dass Russland sein Atomenergieprogramm nicht ändern werde, weil die neuen russischen Reaktoren seiner Ansicht nach sicherer seien als die japanischen.[21]

Nach einer Meldung vom 26. November 2013 plant Russland bis 2030 den Bau von 21 neuen Atomkraftwerken der Typen WWER-1200 (Generation III+) und BN-1200 (Generation IV mit flüssigem Natrium als Kühlmittel). Alte Atomkraftwerke sollen im Gegenzug stillgelegt werden.[22] Die Bewilligung der neuen Reaktoren erfolgte am 11. November 2013 im Rahmen des "territorialen Energieplanungsprogramms zur Standortverteilung der Kraftwerkskapazitäten bis 2030".[23] Seit längerer Zeit wollte Russland auch ein AKW in der Exklave Kaliningrad (Königsberg) errichten, um Atomstrom nach Deutschland, Polen und ins das Baltikum zu exportieren. Da aber keines dieser Länder Interesse zeigte, ist das Projekt 2015 verworfen worden.

Das russische Atomprogramm scheint aber nicht so engagiert umgesetzt zu werden, wie es geplant war. So werden laut IEAO derzeit lediglich 7 neue Reaktoren gebaut. Viele Neubauprojekte sind in die Jahre gekommen: An Leningrad II wird seit 2008/2010 gebaut, an Nowoworonesch II seit 2008/2009, an Rostow-4 seit 2010, an den schwimmenden Atomkraftwerken Akademik Lomonosov sogar seit 2006.[24]

Russland möchte eine führende Rolle als internationaler Exporteur von Atomkraftwerken einnehmen. Mehrere exportierte Reaktoren sind in der Ukraine, im Iran, in China und Indien in Betrieb, viele weitere sind in diversen europäischen, asiatischen und afrikanischen Ländern geplant. Eine Übersicht findet man bei der World Nuclear Association: → WNA: Nuclear Power in Russia (Abschnitt: Export of nuclear reactors).

Am 9. August 2016 erklärte die russische Regierung in einem Dekret, dass sie – über die bereits im Bau befindlichen AKW Kaliningrad, Leningrad, Nowoworonesch, Rostow und Akademik Lomonosov hinaus  – 11 zusätzlich Reaktoren errichten lassen möchte.[25]

Militärische Nutzung der Atomkraft

Die ehemalige Sowjetunion startete während des Zweiten Weltkriegs sein Atomwaffenprogramm, führte 1949 den ersten erfolgreichen Atomwaffentest durch und wurde damit nach den USA zur zweiten Atommacht.[26] Schätzungen zufolge verfügte Russland Ende 2017 über einen Bestand von 6.800 nuklearen Sprengköpfen.[27]

Das für die Atomstreitmacht benötigte Plutonium wurde in Reaktoren an den folgenden drei Standorten produziert:

Majak (ab 1948)
Sewersk/Tomsk-7 (1955-2008)
Krasnojarsk-26/Schelesnogorsk (1958-2010)

In den Reaktoren Ruslan und Lyudmila in Majak wird darüber hinaus Tritium für Wasserstoffbomben produziert.


(Letzte Änderung: 05.05.2018)

Einzelnachweise

  1. IAEO: Country Nuclear Power Profiles/Russian Federation abgerufen am 14. Februar 2015
  2. IAEO: Member States abgerufen am 11. März 2016
  3. 3,0 3,1 kernenergie.de: Die Entwicklung der Kernkraftwerkstechnik in Russland vom August/September 2008
  4. IAEA: PRIS - CountryStatistics/Russia
  5. nuklearforum.ch: Russland: Leningrad-II-1 erstmals kritisch vom 8. Februar 2018
  6. WNA: Nuclear Power in Russia abgerufen am 7. Oktober 2016
  7. IAEO: LES CENTRALES  NUCLEAIRES DANS LE MONDE (S. 60) von 1997
  8. Wikipedia: Blagoweschtschensk (Baschkortostan) abgerufen am 9. Januar 2015
  9. DER SPIEGEL 27/1979: Das Ende der Ölzeit - Kohle und Atom, Ersatzenergien und Sparmaßnahmen sollen aus der Not helfen (III) vom 2. Juli 1979
  10. DER SPIEGEL 30/1983: Rennwagen ohne Bremsen vom 25. Juli 1983
  11. google.com: Milwaukee Sentinel – 3rd Clamity in USSR told vom 8. November 1976
  12. IAEA: PRIS - CountryStatistics/Russia
  13. DER SPIEGEL 12/2011: Das Modell taugt nichts vom 21. März 2011
  14. russland.ru: Russland schlägt Alarm wegen des Zustandes seiner eigenen Kernkraftwerke vom 19. Juni 2011
  15. taz: Schlampereien schon beim AKW-Rohbau vom 25. Juli 2011
  16. Deutscher Bundestag: Atomkraftwerke in Russland nicht sicher vom 19. März 2014
  17. Bundeszentrale für politische Bildung: Kommentar: Die russische Anti-Atomkraft-Bewegung vom 17. Juli 2011
  18. IPPNW: Ein zweites Tschernobyl rückt näher von 2011
  19. Atomenergoprom: Homepage abgerufen am 3. November 2016
  20. Rosenergoatom: Nuclear Power Plants of Russia abgerufen am 27. Juni 2014
  21. FAZ.net: Russische Atom-Renaissance vom 15. März 2011
  22. heise.de: Russland will bis 2030 21 neue Kernkraftwerke bauen vom 26. November 2013
  23. Deutscher Bundestag: Atomvorhaben in Europa (Drucksache 18/677) vom 27. Februar 2014
  24. IAEA: PRIS - CountryStatistics/Russia
  25. world nuclear news: Russia to build 11 new nuclear reactors by 2030 vom 10. August 2016
  26. NTI: Country Profiles/Russia abgerufen am 16. Dezember 2015
  27. FAS: Status of World Nuclear Forces abgerufen am 4. Februar 2018