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Atomenergie in Europa > Schweiz

Atomkraftwerke in der Schweiz

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Zürich (Schweiz)

Im November 1945 wurden nach einem Beschluss des Schweizer Parlaments eine Atomenergiekommission gegründet und 1946 ein Atomprogramm aufgesetzt. 1955 erwarb die Schweiz einen Forschungsreaktor namens SAPHIR in den USA und wurde 1957 ein Gründungsmitglied der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). Die Schweiz konstruierte eigenständig den Schwerwasserreaktor DIORIT mit Natururan im Forschungszentrum Würenlingen, der 1960 in Betrieb ging.[1][2]

Einen schweren Unfall der INES-Stufe 5 erlebte die Schweiz 1969 mit ihrem unterirdisch errichteten → Schwerwasserreaktor Lucens, bei dem es zu einer teilweisen Kernschmelze kam. In der Folge nahm man von Eigenkonstruktionen Abstand und stieg auf Leichtwasserreaktoren um. Mit Beznau-1 und -2 gingen 1969 und 1972 die ersten kommerziellen Einheiten in Betrieb.[1]

Heute liefern fünf Reaktoren an vier Standorten Strom, die zum Teil schon seit über 40 Jahren betrieben werden.[3] Weitere Projekte in Graben, Kaiseraugust, Verbois, Inwil und Rüthi wurden nicht umgesetzt.[4] 1970 war in Rheinklingen an der Zürcher Grenze der Bau eines Atomkraftwerks geplant. Das Projekt wurde aus Gründen des Gewässerschutzes 1971 zurückgestellt und 1974 aufgegeben.[5]

Der älteste Reaktor der Schweiz, ein Forschungsreaktor in der Universität Basel vom Typ AGN 211, der 1959 in Betrieb genommen wurde, soll Ende 2013 stillgelegt werden. Zwei Kilogramm auf 90 % angereichertes Uran sollen in die USA verschifft werden. Auf welchem Weg, ist noch unklar.[6]

Informationen zu allen Standorten mit aktiven Reaktoren auf den Seiten:

Beznau
Gösgen
Leibstadt
Mühleberg

Geplante, nicht gebaute AKW:

Graben
Kaiseraugst
Niederamt


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Ausstiegsbeschluss 2011

Die Antiatombewegung hat in der Schweiz eine lange Tradition. Sie begann 1946 mit ersten Forderungen für ein Ende von Atomwaffen, setzte sich 1970 mit der Gründung des Nordwestschweizer Aktionskomitees gegen Atomkraftwerke (NWA) fort und verhinderte aufgrund lokalen Widerstandes den Bau zweier geplanter Atomkraftwerke.[7]

Kaiseraugst und → Graben

Nach der Fukushima-Katastrophe nahm die Akzeptanz für die Atomenergie in Bevölkerung und Politik deutlich ab. Schon wenige Tage später kündigte die Regierung einen Beschluss zum Atomausstieg an, es gab aber im März 2011 noch starke Vorbehalte von Seiten der bürgerlichen Parteien SVP und FDP.[8] Am 25. und 26. April folgten erste Demonstrationen in der Schweiz gegen die Atomkraft.[9][10] Am 6. Mai deckte die Schweizer Atomaufsicht Mängel an verschiedenen AKW auf.[11] Am 22. Mai fand im Aargau eine weitere Großdemonstration statt.[12]

Am 25. Mai 2011 beschlossen Bundesrat und Nationalrat sowie am 28. September 2011 der Ständerat, schrittweise aus der Atomenergie auszusteigen. Die fünf laufenden Reaktoren sollen noch bis zum Ende ihrer Betriebsdauer Strom produzieren, neue Atomkraftwerke sollen aber nicht mehr gebaut werden. Im Einzelnen sollen 2019 Beznau-1 vom Netz gehen, 2022 Beznau-2 und Mühleberg, 2029 Gösgen und 2034 schließlich Leibstadt.[13][14] Am 6. Dezember 2011 bestätigte der Schweizer Nationalrat den Ausstiegsbeschluss.[15] Für den Rückbau der Atomkraftwerke werden nach einer Schätzung von 2013 Kosten in Höhe von 20,6 Mrd. Franken anfallen.[16]

Nach einer Umfrage vom Mai 2014 würden 77 % der befragten Schweizer Bürger in einer Volksabstimmung für den Ausstieg aus der Atomkraft bis 2034 stimmen.[17]

Revision des Atomausstiegs 2014

Gosgen nuclear.png

AKW Gösgen (Schweiz)

Im Dezember 2014 wurde der Ausstiegsbeschluss allerdings wieder weitgehend zurückgenommen: Zwar soll ein Verbot für den Neubau von AKW gesetzlich verankert werden. Es sollen aber nur Beznau-1 und - 2 zu festen Terminen abgeschaltet werden: 2029 und 2031 nach 60 Jahren Betrieb. Die anderen Reaktoren sollen so lange laufen, wie sie die Aufsichtsbehörde ENSI für sicher hält.[18] De facto ist also fraglich, ob die Schweiz überhaupt aus der Atomkraft aussteigen wird.

Die Revision des Ausstiegsbeschlusses wird von Wohltaten für die Betreiber von Atomkraftwerken flankiert: Mussten diese bislang eine 1 Mrd. Franken für nukleare Schäden bei privaten Versicherungen abdecken, wurde diese Summe nun auf 500 Mio. Franken halbiert. Die entstehende Lücke übernimmt die Bundesregierung, sprich die Schweizer Bürger.[19]

Wie in Deutschland gibt es auch in der Schweiz die Befürchtung, dass die Atomkonzerne für Stilllegung und Entsorgung zu wenig Geld bereitstellen. Ende 2013 hätten im Fonds 11,5 Mrd. Franken enthalten sein sollen, die Atomindustrie habe aber laut Eidgenössischer Finanzkontrolle nur 5,3 Mrd. eingezahlt. Es bestehe das Risiko, dass der Bund die Differenz ausgleichen müsse. Während die Betreiber die Kosten insgesamt auf 20 Mrd. Franken schätzen, gehen Experten von einem wesentlich höheren Betrag aus.[20]

Forderungen nach früherer Abschaltung

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AKW Mühleberg (Schweiz)

Seit dem Ausstiegsbeschluss 2011 gab es immer wieder Forderungen, vor allem die Altreaktoren Mühleberg und Beznau vorzeitig abzuschalten.[21]

Zumindest für das AKW Mühleberg hat die Betreiberin BKW AG eine vorzeitige Abschaltung für 2019 angekündigt. → Mühleberg (Schweiz)

Die Abschaltung der beiden Reaktoren des Atomkraftwerks Beznau, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, ist jedoch erst für 2019 bzw. 2022 vorgesehen, obwohl Beznau-1 der älteste Reaktor der Welt ist und sich insbesondere seit 2007 die Zwischenfälle häufen. Wenigstens wurde der Bau eines dritten Reaktors 2011 gestoppt. → Beznau

Zwischen- und Endlagerung

Die Schweiz besitzt seit 2000 ein zentrales Zwischenlager in Würenlingen (Zwilag), das alle Arten radioaktiven Mülls aufnehmen kann, dessen Kapazität aber für den radioaktiven Abfall, der beim Rückbau der Atomkraftwerke anfallen wird, nicht ausreicht. "Deshalb möchte die Nagra zwei Lager bauen: eines für schwach- und mittel radioaktive Abfälle und eines für hoch radioaktiven Atommüll".[22]

Ungelöst ist die Endlagerfrage.

Schon 2003 hatte der Schweizer Bundesrat beschlossen, ein Auswahlverfahren für die Endlagersuche einzuleiten. 2006 berief das deutsche Bundesumweltministerium die "Expertengruppe Schweizer Tiefenlager“ (ESchT)" ein, die das Auswahlverfahren fachlich begleiten soll. Als Standortgebiete wählte der Schweizer Bundesrat 2011 die von der Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) vorgeschlagenen Tiefenlager aus: Jura Ost, Jura-Südfuss, Nördlich Lägern, Südranden, Wellenberg und Zürich Nordost.[23]

Im Oktober 2012 forderte die schweizerische SP einen Standort für ein oberirdisches Endlager oder die Prüfung eines Exports von Atommüll.[24] Im Juni 2012 wurde dem Ensi (dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat) vorgeworfen, bei der Suche nach einem Tiefenlager für Atommüll von der Nagra beeinflusst worden zu sein; es gäbe einen "Filz" zwischen Ensi und Nagra. Eine externe Untersuchung kam Ende November 2012 zum Ergebnis, dass Ensi grundsätzlich unabhängig arbeite. Die internen Abläufe bei Ensi sollen jedoch optimiert werden: Nagra soll künftig keine Berichte von Ensi mehr umschreiben dürfen.[25]

Im Zusammenhang mit einem potenziellen Endlager in Tongestein führt die Nagraseit 2013 Versuche in einem unterirdischen Testlabor in St. Ursanne im Kanton Jura durch. Dabei stellte sich heraus, dass die ersten Eisenbehälter rosteten.[26]

Im April 2014 berichtete die "NZZ", dass sich das Verfahren für die Endlagersuche gegenüber dem bisherigen Zeitplan deutlich verzögern wird. 2014 wollte die Nagra Vorschläge für favorisierte Standorte einreichen, der Bundesrat sollte bis 2017 darüber urteilen. Nach einem provisorischen Standortentscheid 2020 soll der Bundesrat 2027 eine endgültige Entscheidung treffen. Das Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle soll statt 2035 erst 2050 in Betrieb genommen werden, jenes für hochaktive Abfälle erst im Jahr 2060.[27]

Im April 2015 wurden zwei Standorte festgelegt, an denen Probebohrungen stattfinden sollen: "im Bereich Benken nordöstlich von Zürich, unweit von Schaffhausen und der badischen Gemeinde Jestetten" sowie "Jura/Ost im Kanton Aargau (...), gelegen südlich von Laufenburg im Bereich des Bözbergs". Nun soll 2022 der provisorische Standortentscheid fallen, und bis Mitte 2022 der Genehmigungsantrag für den Bau des Tiefenlagers vorliegen. Die Gesamtkosten für ein Endlagers werden auf 20 Mrd. Franken geschätzt.[28]

Links

Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI). Aufsichtsbehörde für die nukleare Sicherheit
Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra)

Video

  • "This short film is not a political statement, although the international debate about nuclear energy after Fukushima inspired the making of it." Quelle: YouTube
Helvetia by Night - NUCLEAR POWER01:37

Helvetia by Night - NUCLEAR POWER

Hochgeladen in YouTube am 18. November 2012

(LetzteÄnderung: 02.01.2017)


Einzelnachweise

  1. IAEO: Country Nuclear Power Profiles/Switzerland abgerufen am 14. Februar 2015
  2. IAEO: Member States abgerufen am 11. März 2016
  3. IAEO PRIS: Switzerland abgerufen am 30. November 2014
  4. bfe.admin.ch: Kernenergie abgerufen am 10. Februar 2016
  5. tagesanzeiger.ch: Das Atomkraftwerk direkt an der Zürcher Grenze vom 21. August 2014
  6. basellandschaftlichezeitung.ch: Ältester Atomreaktor wird abgeschaltet - Uran wird in die USA transportiert vom 5. August 2013
  7. Historisches Lexikon der Schweiz: Antiatombewegung vom 23. Juli 2007
  8. FAZ.net: Volksabstimmung erwartet - Schweiz stoppt Antragsverfahren für AKW vom 14. März 2011
  9. NZZ Online: Marschieren für den Frieden und gegen Atomkraftwerke vom 25. April 2011
  10. NZZ Online: Menschenkette vor dem BKW-Hauptsitz vom 26. April 2011
  11. Südkurier: Schweizer Atomkraftwerke: Behörde deckt Sicherheitsmängel auf vom 6. Mai 2011
  12. NZZ Online: Anti-Atomkraft-Bewegung wird breiter vom 22. Mai 2011
  13. NZZ Online: Die Schweiz steigt aus der Atomenergie aus vom 25. Mai 2011
  14. Schweizer Fernsehen: Schweiz will neue Atomkraftwerke verbieten vom 28. September 2011 (via WayBack)
  15. NZZ Online: Nationalrat bekräftigt Ja zum Atomausstieg vom 6. Dezember 2011
  16. swissinfo.ch: Kernkraftwerke sind nicht für den Rückbau gebaut vom 29. Januar 2013
  17. srf.ch: Schweizer wollen laut Umfrage keine AKW vom 23. Mai 2014
  18. Berner Zeitung: Nationalrat sagt Nein zu Ausstiegsinitiative der Grünen vom 9. Dezember 2014
  19. photovoltaik.eu: Schweizer Bürger haften für Atomunfälle vom 22. Januar 2015
  20. BaslerZeitung: Bund soll Risiken bei AKW senken vom 24. Juni 2015
  21. Tagesanzeiger: Ein Geburtstagsgeschenk für AKW-Gegner vom 8. März 2012
  22. handelszeitung.ch: Niemand weiss wohin mit dem AKW-Mühleberg-Müll vom 31. Oktober 2013
  23. BfS: Endlagerstandortsuche in der Schweiz abgerufen am 11. Oktober 2013 (via WayBack)
  24. NZZ Online: SP fordert Standort für oberirdisches Endlager vom 14. Oktober 2012 [Seite nicht mehr verfügbar]
  25. Aargauer Zeitung: Nagra soll in Zukunft keine Ensi-Gutachten mehr umschreiben können vom 3. Dezember 2012
  26. SRF: Unterirdisches Testlabor für radioaktive Abfälle vom 20. September 2013
  27. nzz.ch: Endlager-Suche dauert länger als geplant vom 17. April 2014
  28. Badische Zeitung: Schweiz will Probebohrungen für Endlagersuche starten vom 20. April 2015

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