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Sellafield (ehemals Windscale), Großbritannien 1957

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11. Oktober 1957 • Reaktorbrand, Freisetzung radioaktiver Substanzen • INES-Stufe 5 (Ernster Unfall)[1]


Windscale Piles

Sellafield view from Visitors Centre - geograph.org.uk - 306975.jpg

Atomzentrum Sellafield (Großbritannien)

1957 entging Großbritannien um Haaresbreite einer atomaren Katastrophe, als sich ein Reaktorbrand im Atomzentrum Windscale, heute Sellafield, in der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands ereignete.

Nachdem Mitte der 1940er Jahre ein Atomwaffenprogramm durch die britische Regierung aufgesetzt worden war, begannen im September 1947 in Windscale die Bauarbeiten an zwei luftgekühlten Reaktoren mit dem Ziel, aus Natururan waffenfähiges Plutonium zu erzeugen. Die sogenannten Windscape Piles 1 und  2 nahmen bereits im Oktober 1950 bzw. Juni 1951 den Betrieb auf. Ab 1952 konnten in einer ersten Wiederaufarbeitungsanlage Uran und Plutonium aus benutzten Brennstäben separiert werden.[2][3]

Reaktorbrand in Pile 1

Damit im Reaktor Pile 1 der Prozess der Plutoniumproduktion korrekt ablief, musste immer wieder langsam die Kerntemperatur über die normale Betriebstemperatur hinaus erhöht werden, was achtmal problemlos funktionierte.[4]

Am 7. Oktober 1957 wurde Pile 1 zum neunten Mal aufgeheizt, und zunächst gab es keine Komplikationen. Als aber am folgenden Tag die Temperatur nicht auf die notwendige Höhe stieg, entschied sich die Belegmannschaft für ein erneutes Aufheizen, woraufhin der Reaktor außer Kontrolle geriet. Es kam zu einer sprunghaften Erhöhung der Temperatur, die sich in den nächsten Tagen fortsetzte, ohne dass diese gestoppt werden konnte. Am 10. Oktober brannte der Reaktor, es wurde Radioaktivität freigesetzt. Alle Löschversuche scheiterten. Am 11. Oktober 1957 wurde eine Höchsttemperatur von 1.300 °C erreicht, und eine große radioaktive Wolke mit Jod, Cäsium, Strontium und Plutonium verteilte sich über der Irischen See. Mit großen Mengen Wasser konnten der Reaktor schließlich gekühlt und das Feuer am Folgetag gelöscht werden.[4]

Es wurde niemand evakuiert. Das ganze Ausmaß des Unfalls und die Fehler in Organisation und Technik wurden 30 Jahre geheim gehalten.[5]

Die Auswirkungen von Radioaktivität waren damals kaum bekannt, und die Zahl der Erkrankungen aufgrund der Freisetzung radioaktiver Substanzen konnte nur geschätzt werden; nach über 30 Berichten einigte man sich auf 100 Opfer. In den 1980er Jahren kam es noch einmal zu einer Leukämiewelle. Heute ist die Katastrophe weitgehend in Vergessenheit geraten. Dazu beigetragen hat vermutlich, dass die Atomanlage von Windscale in Sellafield umbenannt wurde.[4]

Calder Hall, Windscale AGR und Wiederaufarbeitungsanlagen

Nachdem Windscale zunächst nur für militärische Zwecke genutzt wurde, wurden in den 1960er Jahren auch kommerzielle Reaktoren zur Stromerzeugung errichtet.

1956 bis 1958 wurden zunächst vier MAGNOX-Reaktoren (Calderhall 1-4) in Betrieb genommen, die 2003 stillgelegt wurden. → Calder Hall

Außerdem wurde auf dem Gelände von 1962 bis 1981 der gasgekühlte Reaktor Windscale AGR betrieben. → Windscale AGR

In Sellafield gibt es laut Sellafield Limited derzeit noch zwei Anlagen zur Wiederaufarbeitung von Brennstoff:

– MAGNOX Reprocessing Plant (seit 1964)
– Thermal Oxide Reprocessing Plant (THORP, seit 1985), letztere für Brennstoffe aus dem In- und Ausland.[6]

Ab den 1990er Jahren wurden diverse Anlagen zur Behandlung und Lagerung von Atommüll, der im Rahmen der Wiederaufarbeitung anfiel, eröffnet:

– 1990: Encapsulation Plant (MEP) zur Verkapselung von mittelradioaktivem Abfall
– 1996: Waste Encapsulation Plant (WEP)
– 2002 High Level Waste Vitrification Plant zur Konversion von hochradioaktivem Müll in einen lagerfähigen Zustand[3]

Eine Fertigungsanlage für MOX-Brennelemente, die ab 1996 gebaut und ab 2001 betrieben worden war, wurde am 3. August 2012 geschlossen. Infolge der Fukushima-Katastrophe waren die Aufträge ausgeblieben.[7]

"Schleichendes Tschernobyl"

Im November 2001 wurde vom Europäischen Parlament eine Studie zu den möglichen toxischen Auswirkungen der Wiederaufarbeitungsanlagen in La Hague und Sellafield veröffentlicht, die von WISE/Paris unter der Leitung von Mycle Schneider verfasst wurde. Deren Resümee war, dass bis zu diesem Zeitpunkt auf beide Standorte die höchste vom Menschen je verursachte Freisetzung von Radioaktivität zurückzuführen war, vergleichbar einem großen Atomunfall in jedem Jahr. Die Freisetzung radioaktiver Substanzen war möglicherweise doppelt so hoch wie die nach der Katastrophe von Tschernobyl. In der Umgebung beider Standorte wurde ein deutlicher Anstieg der Leukämie-Fälle festgestellt; es wird als möglich angesehen, dass die radioaktiven Emissionen aus beiden Anlagen dazu beigetragen haben. In Sellafield sind signifikante Konzentrationen von Radionukliden in Nahrungsmitteln, Sedimenten in Flora und Fauna entdeckt worden. Festgestellt wurden Carbon-14, Cäsium-137, Cobalt-60, Jod-129, Plutonium, Strontium-90, Technetium-99, letzteres mit 214.000 Jahren Halbwertszeit.[8]

Von Greenpeace wurden die Wiederaufarbeitungsanlagen, die die ganze Region verseucht haben, als "ein schleichendes Tschernobyl" bezeichnet.

Am 19. April 2005 wurde in der Anlage THORP ein Leck an einem beschädigten Rohr entdeckt, aus dem 83.000 Liter radioaktiver Säure mit ca. 160 Kilogramm Plutonium und 20 Tonnen Uran ausgelaufen waren. Der britische Atomkonzern British Nuclear Group (BNC) gab zu, Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten zu haben, und wurde zur Zahlung von 500.000 Britische Pfund verurteilt. Der Vorfall wurde von der IEAO als ernster Störfall der INES-Stufe 3 klassifiziert.[9][10][11]

Die "FAZ" schrieb im Januar 2013 über den Zustand der Anlage, deren Schließung geplant ist: "Was dann zurückbleibt, ist ein strahlendes Ruinengelände. Eine nukleare Albtraum-Stadt, vollgestopft mit bedrohlichen Altlasten. (...) Es gibt hier offene Wasserbecken, in denen seit sechs Jahrzehnten hochradioaktiver Atommüll lagert. Messungen haben ergeben, dass Vögel, die sich auf den gammeligen Nukleartümpeln niederlassen, kontaminiert werden. Der berüchtigtste Teil von Sellafield sind aber seine Wiederaufbereitungsanlagen. Über ein Vierteljahrhundert hinweg, bis Ende der achtziger Jahre, flossen deren plutoniumverseuchte Abwässer in gewaltigen Mengen ins Meer. (...) Die Küstenstreifen rund um die Atomanlage seien Plutonium-Müllkippen. Der Geigerzähler zeige höhere Radioaktivitätswerte als in der Sperrzone rund um die Atomruine in der Ukraine."[12]

Der Betreiber Sellafield Ltd. räumt ein, dass Teile des Untergrunds in Sellafield mit radioaktiven Substanzen wie Cäsium-137, Technetium-99, Strontium-90, Jod-129, Tritium, Carbon-14, Plutonium und Uran kontaminiert ist. Schätzungen zufolge sind von der Kontaminierung 9-13 Mio. Kubikmeter betroffen.[13]

Kinder und Jugendliche aus Sellafield erkranken zehnmal häufiger an Blutkrebs als im Landesdurchschnitt. Spuren von Plutonium und Strontium fanden sich in den Zähnen von Jugendlichen."[9]

Politische Folgen in Großbritannien: keine. Die Regierungen halten bis heute an ihrem Atomkurs fest, und auch in der Bevölkerung gibt es keinen nennenswerten Widerstand.

Stilllegung ab 2018

In der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield befindet sich mit rund 112.000 Kilogramm das größte Plutoniumlager der Welt. Da es kaum noch Nachfrage nach Plutonium gibt, soll die Anlage 2018 geschlossen werden.[12]

2012 hat Sellafield den Steuerzahler 1,9 Mrd. Euro gekostet, die Kosten für Rückbau und Entsorgung wurden in diesem Jahr auf 80 Mrd. Euro geschätzt.[12] 2014 lagen die Schätzungen für den Rückbau der Wiederaufarbeitungsanlagen, Kraftwerksblöcke und Abklingbecken bereits bei 89 Mrd. Euro. Die Brennelemente werden in maroden Becken aus bröckelndem Beton gelagert und wurden zum Teil seit 40 Jahren nicht mehr beachtet und gewartet. Se könnten sich bei einem Unfall oder einem Terroranschlag entzünden und würden die Umgebung zusätzlich kontaminieren.[14]

Atommülllager Drigg: Verseuchung der Westküste

In der Nähe von Sellafield befindet sich außerdem das Lager Drigg, in dem eine Million Tonnen Atommüll gelagert wird. Die britische Umweltbehörde geht davon aus, dass das Lager, das nur fünf bis zwanzig Meter über dem Meeresspiegel liegt, im Meer versinken und die Westküste Großbritanniens radioaktiv verseuchen wird. Die Wahl des Lagers ist nach Ansicht der Umweltbehörde ein Fehler gewesen. Während man offiziell davon ausgeht, dass die Verseuchung erst in einigen hundert Jahren einsetzen wird, hat diese laut der lokalen Umweltorganisation bereits begonnen. Im Lager sollen weitere 800.000 Kubikmeter Atommüll deponiert werden; im Herbst 2014 sollten dazu öffentliche Anhörungen stattfinden.[15]

Weitere Quellen

→ Wikipedia: Windscale-Brand
→ Deutschlandradio: Leben mit dem Plutonium - Der britische Nuklearkomplex Sellafield vom 6. Februar 2013
→ Greater Manchester & District Campaign for Nuclear Disarmament: Sellafield and Thorp
→ AtomkraftwerkePlag: Großbritannien
→ AtomkraftwerkePlag: Wiederaufarbeitung

(Letzte Änderung: 19.03.2017)

Einzelnachweise

  1. IAEO: Challenges for Removal of Damaged Fuel and Debris von 2013 (englisch) vom 1. Februar 2013
  2. IOPSCIENCE: The Windscale reactor accident—50 years on und PDF von 2007
  3. 3,0 3,1 Sellafield Ltd: Challenge abgerufen am 25. Februar 2015
  4. 4,0 4,1 4,2 Zeit Online: Windscale brennt! vom 4. Oktober 2007
  5. theguardian.com: Nuclear power in the UK – a history vom 21. Oktober 2013
  6. Sellafield Limited: Spent Fuel Management abgerufen am 25. Februar 2015
  7. theguardian: Sellafield Mox nuclear fuel plant to close vom 3. August 2011
  8. Europäisches Parlament: POSSIBLE TOXIC EFFECTS FROM THE NUCLEAR REPROCESSING PLANTS AT SELLAFIELD (UK) AND CAP DE LA HAGUE (FRANCE) vom November 2001
  9. 9,0 9,1 Greenpeace: Britisches Gericht verurteilt Atomanlagenbetreiber vom 17. Oktober 2006
  10. tagesschau.de: Kosten von Atomunfällen - Fukushima, Tschernobyl und viele andere vom 11. März 2014
  11. Europäisches Parlament: "Unfall" vom 20. April 2005 in der britischen Wiederaufbereitungsanlage THORP vom 26. Mai 2005
  12. 12,0 12,1 12,2 FAZ.net: Sellafield in England - Die Atomstadt vom 24. Januar 2013
  13. Sellafield Ltd.: Current Understanding of Site abgerufen am 25. Juli 2014
  14. taz.de: Marode Atomanlage in Sellafield - Klar wie Kernbrühe vom 10. November 2014
  15. taz.de: Altlasten in Sellafield - Atommüll versinkt im Meer vom 22. April 2014

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