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Strahlenschutzkommission (SSK)

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Organisationen und Kommissionen > Strahlenschutzkommission (SSK)

Aufgaben und Entstehungsgeschichte

Die Strahlenschutzkommission (SSK) berät das Bundesumweltministerium "in den Angelegenheiten des Schutzes vor den Gefahren ionisierender und nichtionisierender Strahlen" und setzt sich aus sieben Ausschüssen zusammen: Strahlenrisiko, Strahlenschutz in der Medizin, Radioökologie, Strahlenschutztechnik, Notfallschutz, Nichtionisierende Strahlen, Strahlenschutz bei Anlagen.[1] Der SSK gehören 14 Experten an, deren Mitgliedschaft ein "persönliches Ehrenamt" ist und die das Mandat unabhängig ausüben.[2]

Eine der Aufgaben der Ausschüsse ist es, die internationalen Entwicklungen mitzuverfolgen sowie Stellungnahmen und Empfehlungen abzugeben, wie internationale Richtlinien und Empfehlungen von EURATOM, ICRP und UNSCEAR in Deutschland umgesetzt werden sollen.[3] Dies gilt auch für Strahlungsgrenzwerte. Grenzwerte

Die Geschichte der SSK lässt sich bis ins Jahr 1956 zurückverfolgen, als die Deutsche Atomkommission (DAtK) mit verschiedenen Ausschüssen gegründet wurde, u. a. der Fachkommission IV "Strahlenschutz". Nach der Auflösung der DAtK 1971 übernahm der Fachausschuss "Strahlenschutz und Sicherheit" die bisherigen Aufgaben der Fachkommission IV. 1973 ging die Zuständigkeit für Reaktorsicherheit und Strahlenschutz auf das Bundesministerium des Innern über. Die Fachkommission IV wurde schließlich von der am 19. April 1974 geschaffenen Strahlenschutzkommission (SSK) abgelöst.[4]

Konflikt mit Trittin

In ihrer Wirkungsgeschichte ist die Beratungstätigkeit der SSK nicht immer auf ungeteilte Zustimmung gestoßen, was zum Teil auf politische, zum Teil aber auch auf wissenschaftliche Gründe zurückzuführen ist.

Die SSK übte ihr Mandat lange Zeit im Einklang mit den Interessen der Atomwirtschaft aus. So stellte sie z. B. ein positives Gutachten für das geplante, aber nie realisierte Entsorgungszentrum in Gorleben aus.[5]

1998 wurde die Harmonie gestört, als der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin die Kommission im Interesse der Meinungspluralität auflöste und zum Teil mit Atomkraftgegnern besetzte. Als Trittin den Marburger Nuklearmediziner Horst Kuni ins die SSK berief, der Strahlenrisiken abweichend von den herrschenden Lehrmeinungen bewertete, warf die Vorsitzende der SSK, Maria Blettner, Trittin "parteipolitisch motivierte Personalpolitik" vor und trat zurück.[6]

Verharmlosung der Auswirkungen von Tschernobyl

Auf die Folgen der radioaktiven Wolke, die nach der Tschernobyl-Katastrophe Deutschland erreichte, reagierte die SSK beruhigend: "Die Strahlenschutzkommission sieht keine Veranlassung, unsere natürlichen Lebensgewohnheiten zu ändern. Weder ist ein Kinderspielverbot im Freien notwendig, noch stellen Wiesen und Sandplätze eine Gesundheitsgefährdung dar. (...) Die so genannte normale radioaktive Hintergrundbelastung wurde aber nahezu überall in Deutschland überschritten." Das Öko-Institut bezeichnete das Urteil als kriminell.[7]

Der damalige Vorsitzende, Erich Oberhausen, behauptete Wochen nach der Katastrophe, es seien nicht mehr als eine Mio. Curie freigesetzt worden; das sowjetische Unionsforschungsinstitut gab hingegen den tausendfachen Wert, über eine Mrd. Curie, an. Ebenso verharmlosend äußerte sich der nächste Vorsitzende der SSK: "Oberhausens Nachfolger Albrecht Kellerer, Strahlenkundler von der Universität Würzburg, hat Anfang dieses Jahres [1990] nach einer sechstägigen Reise durch die neuentdeckten Katastrophengebiete [bei Tschernobyl] erkannt, daß die gehäuften Krankheitsfälle keinesfalls der extremen Strahlenbelastung anzulasten seien, sondern erstens den "veränderten und eingeschränkten Lebens- und Ernährungsbedingungen", zweitens "gravierenden Angstzuständen" und drittens den "häufigeren und intensiveren ärztlichen Untersuchungen und vollständigeren Berichten". Sein Rat: Aufklärung, sonst nichts."[8]

Im Frühjahr 2006 erklärte die SSK rückblickend: "Tschernobyl sei auch eine Informations- und Kommunikationskatastrophe gewesen, "das Ereignis wurde zu spät, unwahr, verharmlosend und inadäquat kommuniziert.""[9]

→ SSK 1. Empfehlung der Strahlenschutzkommission zu den möglichen Auswirkungen des Reaktorunfalls in Tschernobyl (UdSSR) in der Bundesrepublik Deutschland vom 2. Mai 1986

→ SSK 2. Empfehlung der Strahlenschutzkommission zu den möglichen Auswirkungen des Reaktorunfalls in Tschernobyl (UdSSR) in der Bundesrepublik Deutschland vom 7. Mai 1986

Relativierung von Studien zum Leukämierisiko

Nachdem in einer vom Bundesamt für Strahlenschutz 2007 beauftragten Studie eine Erhöhung von Leukämiefällen bei Kindern in der Nähe von Atomkraftwerken konstatiert hatte, kritisierte die leitende Wissenschaftlerin der Studie, die bereits erwähnte Maria Blettner, die schwierige Zusammenarbeit mit dem BfS und begründete dies damit, dass dieses überwiegend aus Atomkraftgegnern bestünde. Der damalige Vorsitzende der Strahlenschutzkommission (SSK), Wolfgang-Ulrich Müller, bezweifelte das Ergebnis der Studie.[10]

Als 2008 die sogenannte "KIKK-Studie" das Ergebnis der Studie bestätigte, wurde auch diese Studie vom SSK mit der Begründung angezweifelt, dass die gemessene Strahlung zu niedrig sei, um ein Leukämierisiko zu verursachen.[11]

→ SSK: Bewertung der epidemiologischen Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie) - Wissenschaftliche Begründung vom 16. Dezember 2008

Diese Bewertung durch das SSK wurde wiederum von der Ärzteorganisation IPPNW kritisiert, die der SSK eine Relativierung der Studie und eine Unterschätzung des Risikos der Niedrigstrahlung vorwarf.[12]

Fukushima: laut SSK geringe Kontamination

Auch die Fukushima-Katastrophe wurde von der SSK bewertet, zunächst im Jahre 2011[13] und erneut ein Jahr später.[14] In beiden Bewertungen wurde die durch den GAU verursachte Kontamination als nicht so dramatisch angesehen.

Dies geht auch aus einem Interview mit dem SSK-Vorsitzenden, Rolf Michel, vom Dezember 2011 hervor. "[Rolf Michel:] Es wird etwa so sein, dass in fünf Jahren die externe Strahlenbelastung um den Faktor 2 sinken wird, einfach deshalb, weil das kurzlebige Cäsium-134 nur zwei Jahre Halbwertszeit hat, und das trägt sehr stark zu diesem Bereich bei. Aber ich rechne damit, dass es in einem Bereich, der sich so vom Kraftwerk nach Nordwesten auf einer Strecke von bis zu 60 Kilometer erstreckt, einen Bereich geben wird, wo die Menschen langfristig nicht hin können. Eine Generation oder zwei Generationen von der Größenordnung."[15]

Auf Empfehlung der SSK übernahm die EU die nach Fukushima abgesenkten japanischen Grenzwerte für Nahrungsmittel.[16] Die Verbraucherorganisation foodwatch und die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW kamen in ihrem Report "Kalkulierter Strahlentod - Die Grenzwerte" zum Ergebnis, dass diese Strahlenwerte keinen ausreichenden Gesundheitsschutz ermöglichen.[17]

  • Interview mit Prof. Dr. Rolf Michel,
    stellvertr. Vorsitzender der SSK

    "Letzte Frage: Wie hoch ist die Gefahr einer erneuten Verschlechterung der Situation im Kernkraftwerk Fukushima? [Prof. Dr. Rolf Michel[18]:] Ich schätze das genauso ein wie die japanischen Behörden, dass eine Verschlechterung im Kernkraftwerk Fukushima nur durch massive äußere Einflüsse eintreten kann. Also, großes, wirklich großes Erdbeben oder erneuter Tsunami. Aber selbst wenn das stattfinden würde, dann muss man davon ausgehen, dass die Konsequenzen wesentlich anders und geringer wären." Quelle: Video
Der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission zu Fukushima I13:41

Der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission zu Fukushima I

Hochgeladen am 28. Juli 2011 auf YouTube

Ausweitung von Schutzzonen in Deutschland

Im November 2013 und im Februar 2014 forderte die SSK wegen neuer Erkenntnisse aus der Fukushima-Katastrophe eine Ausweitung der Schutzzonen um Atomkraftwerke in Deutschland und eine Revision aller Unterlagen zum Katastrophenschutz.

Weitere Informationen unter → GAU in Deutschland: Was wäre, wenn ...? - Strahlenschutzkommission (SSK)

(Letzte Änderung: 07.05.2017)

Einzelnachweise

  1. SSK: Auftrag abgerufen am 29. Juli 2013
  2. SSK: Zusammensetzung abgerufen am 29. Juli 2013
  3. SSK: Jahresbericht 2012, S. 10 abgerufen am 13. September 2013
  4. SSK: Entstehungsgeschichte (Fotsetzung) abgerufen am 29. Juli 2013
  5. DER SPIEGEL 29/1978: Riesiger Klotz vom 17. Juli 1978
  6. Spiegel Online: Konflikt mit Trittin: Vorsitzende der Strahlenschutzkommission geht vom 15. Mai 2001
  7. Deutschlandfunk: 20 Jahre nach Tschernobyl vom 26. April 2006
  8. DER SPIEGEL 17/1990: Geiseln der Atomindustrie vom 23. April 1990
  9. Spiegel Online: Tschernobyl-Opfer: Gezerre um die Strahlentoten vom 18. April 2006
  10. Deutsches Ärzteblatt: Wissenschaftlerin verärgert über Bundesamt für Strahlenschutz vom 11. Dezember 2007
  11. Focus Online: Leukämie - Strahlenentwarnung für Kinder vom 15. Oktober 2008
  12. IPPNW Strahlenschutzkommission relativiert Studienergebnisse wider besseres Wissen - Kinderkrebs um Atomkraftwerke vom 9. Oktober 2008
  13. SSK: Beratungsergebnisse des SSK-Krisenstabs zu den Auswirkungen des Reaktorunfalls von Fukushima - Stellungnahme der Strahlenschutzkommission vom Juli 2011
  14. SSK: Ein Jahr nach Fukushima - eine erste Bilanz aus der Sicht der Strahlenschutzkommission: Zusammenfassung und Bewertung der Jahrestagung 2012 der Strahlenschutzkommission vom 23. April 2013
  15. dradio.de: Das wird ein langfristiger Prozess vom 30. Dezember 2011
  16. SSK: Zusammenfassung und Bewertung der Jahrestagung 2012 der Strahlenschutzkommission vom 05./06. Juli 2012
  17. Umwelt Journal: Nach Fukushima: Strahlen-Grenzwerte für Lebensmittel bieten keinen ausreichenden Gesundheitsschutz vom 20. September 2011
  18. SSK: Mitglieder der SSK 2013 abgerufen am 2. November 2013

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