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Wiederaufarbeitung und Transmutation > Transmutation

Die Idee: Atommüll umwandeln statt lagern

Bei der erstmaligen oder wiederholten Atomspaltung werden langlebige radioaktive Isotope erzeugt, sogenannte Transurane wie Plutonium, Neptunium, Americium und Curium, die zum Teil Hunderttausende bis zu einer Million von Jahren Strahlung freisetzen.

Wie soll man mit diesen Isotopen umgehen? Gibt es Alternativen zum Verschluss in Endlagern?

Der Begriff “Transmutation“ wurde ursprünglich von Alchemisten im Mittelalter für ihre Versuche verwendet, Blei in Gold zu verwandeln.[1] Vor Jahrzehnten wurde die Idee entwickelt, hochradioaktiven Abfall durch ein spezielles Verfahren umzuwandeln und dadurch zu entschärfen. Forschungsergebnisse dazu lieferte 1992 Charles D. Bowman vom Los Alamos National Laboratory. Der italienische Physiknobelpreisträger aus dem Jahr 1984, Carlo Rubbia, entwickelte die Idee weiter.[2]

Man separiert die hochradioaktiven Isotope aus den abgebrannten Kernbrennstäben (Partitionierung) und verwandelt sie durch Neutronenbeschuss in neue Isotope (Transmutation), wie z. B. Ruthenium oder Zirkonium, die entweder stabil sind oder nur noch einige hundert Jahre strahlen. In diesem Zusammenhang wurden diverse Projekte für Forschungsanlagen, spezielle Reaktoren und Neutronenquellen aufgesetzt, wie z. B. Myrrha und Mol in Belgien,[3][4] sowie ein durch die Europäische Kommission finanziertes Forschungszentrum in Rumänien.[5]

An sich ist die Transmutation eine glänzende Idee, die in atomkraftfreundlichen Medien und wissenschaftlichen Publikationen immer wieder euphorisch angepriesen wurde und wird. So kündigte die "Welt" im September 2010 an, der Atommüll werde schon in 20 Jahren nicht mehr strahlen.[6]

Experimente im Labormaßstab

Dass mit der Transmutation große Hindernisse und Probleme verbunden sind, wird oft verschwiegen. So gibt es bislang nur Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Labormaßstab, aber keine funktionierende Anlage für Transmutation im industriellen Umfang. Solche Anlagen würden enorme Kosten verursachen.[7]

Die technischen Probleme und Risiken sind immens. Die hochradioaktiven Substanzen müssten aus den Brennelementen herausgelöst, aufwändig voneinander getrennt und in die Transmutationsanlage transportiert werden.[8] Diese Partitionierung, eine Form von Wiederaufbereitung, ist teuer und gefährlich und z. B. in Deutschland nicht vermittelbar. Bei der Transmutation würde ein einfacher Beschuss des radioaktiven Abfalls zu einer unkontrollierbaren Kettenreaktion führen, ein "unterkritischer" Betrieb ohne Kettenreaktion wäre andererseits unwirtschaftlich und zeitintensiv. Es müsste ein Teilchenbeschleuniger vorgeschaltet werden, der eine Kettenreaktion verhindert. Wirtschaftlich wäre Transmutation auch nur, wenn Plutonium weiterhin als Brennstoff verwendet würde, welches aber atomwaffengeeignet ist.[9]

Die Versuchsanlage Myrrha im belgischen Mol soll "unterkritisch“ betrieben werden, also ohne Erzeugung einer Kettenreaktion. "Dann kann man die gefährlichen Spaltprodukte auf bis zu 50 Prozent anreichern und den Reaktor trotzdem beherrschen."[10] Myrrha soll 2025 in Betrieb gehen. → MYRRHA: Multi-purpose hybrid research reactor for high-tech applications abgerufen am 27. Oktober 2014

Lösung des Müllproblems oder "Märchen für Nichtingenieure"?

Die Ansichten zur Transmutation liegen weit auseinander. Anbei eine Auswahl von Stellungnahmen:

Am Institut für Transurane in Karlsruhe und am Forschungszentrum Jülich wird Transmutation als Option für die Zukunft angesehen und entsprechende Forschung betrieben. Joachim Knebel vom Karlsruher Institut für Technologie räumte 2010 ein, dass man vor großen Problemen bei der Transmutation stehe, diese aber in 20 Jahren gelöst sein könnten.[11] Die ehemalige Regierungspartei FDP begrüßte die Transmutation im Jahre 2012.[12]

Michael Sailer, Vorsitzender der Entsorgungskommission (ESK) bezeichnete die Transmutation 2008 als "ein schönes Märchen für Nichtingenieure". Sie sei technisch noch nicht realisierbar, weshalb die Franzosen zwar auf diesem Gebiet forschen, der Endlagerung aber Priorität einräumen. Außerdem entstehe bei der Transmutation neuer hochradioaktiver Atommüll, weshalb man an der Endlagerung nicht vorbeikomme.[13]

Wie das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) 2010 betonte, könne die Hoffnung auf eine fragliche technische Innovation in der Zukunft nicht eine Entscheidung in der Endlagerfrage ersetzen, die schnellstmöglich fallen müsse.[14] Denn radioaktive Abfälle müssten – bevor ein Verfahren zur Verfügung stünde – sicher gelagert und danach rückgeholt und – nach einer Transmutation – dennoch über Jahrhunderte gelagert werden.

Das Bundesforschungsministerium, so stand in "Süddeutsche.de" zu lesen, sah 2011 in der Transmutation "Riesenchancen", warnte aber auch vor einer "Fülle von Problemen und Fragestellungen". Wolfgang Liebert, der Sprecher der Arbeitsgruppe IANUS an der TU Darmstadt, hielt die Idee zwar für "phantastisch". Es müsse aber erst gezeigt werden, dass entsprechende Reaktoren kontrolliert betrieben werden können[15]

Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation ".ausgestrahlt" bezeichnete die Transmutation im April 2011 als "Märchen", das zur "Legitimation der Atomkraftnutzung" herangezogen werde, aber seit Jahrzehnten keine greifbaren Ergebnisse gebracht hat.[16]

Für Dietrich Schulze, einen Hochenergiephysiker, der 40 Jahre am Kernforschungszentrum Karlsruhe arbeitete und 20 Jahre Betriebsratsvorsitzender war, "ist die Transmutation von Atommüll nur ein weiterer Versuch, die Option auf den Wiedereinstieg offenzuhalten und die Plutoniumwirtschaft aufrechtzuerhalten."[17]

Bündnis 90/Grüne bezeichneten die Transmutation in einem Positionspapier aus dem Jahre 2011 als Irrweg. Sie verwiesen u. a. darauf, dass die Partitionierung von den meisten Fachwissenschaftlern für unmöglich gehalten wird und die Transmutation mit großen Risiken verbunden wäre: einer potenziellen Weitergabe von atomwaffenfähigem Material, einer neue Branche der Atomindustrie mit allen bekannten Gefahren (Anschläge, Strahlung etc.) sowie die Entstehung zusätzlichen atomaren Abfalls.[18]

Lothar Hahn, ehemaliger Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), weist darauf hin, dass man die Technik nicht im Griffe habe. ""Es gibt neben den enormen Kosten hohe Sicherheits- und Strahlenschutzprobleme", so Hahn. Der Aufwand sei gemessen am Erfolg zu hoch." Deutschland als Atomaussteiger solle sich nicht darauf einlassen.[1]

Die neuerschaffene Endlagerkommission wird sich auch mit der Transmutation auseinandersetzen. Im Protokoll ihrer zweiten Sitzung am 30. Juni 2014 wird diese als denkbare Alternative zur Endlagerung genannt.[19]

Weitere Links

→ acatech: Partitionierung und Transmutation > Forschung – Entwicklung – Gesellschaftliche Implikationen vom Dezember 2013
→ Deutsche Welle: Die Entschärfung des Atommülls vom 26. April 2012
→ Welt Online: Ausgestrahlt vom 15. September 2010

(Letzte Änderung: 28.02.2017)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 derwesten.de: So wird Atommüll weniger gefährlich vom 26. April 2013
  2. taz.de: Transmutation von Atommüll - Der Traum vom Stein der Weisen vom 31. Juli 2011
  3. FAZ.net: Atommüll unter Beschuss vom 25. April 2006
  4. Physik-Journal 9 (2010) Nr.11: Transmutation von radioaktivem Abfall abgerufen am 28. Februar 2017 (via WayBack)
  5. www.nuklearforum.ch: Europäische Kommission finanziert Forschungszentrum in Rumänien vom 25. September 2012
  6. Welt Online: Atommüll wird in 20 Jahren nicht mehr strahlen vom 14. September 2010
  7. Deutschlandfunk: Vom strahlenden Atommüll zum harmlosen Abfall vom 24. Mai 2011
  8. Der Tagesspiegel: Das Ende der Strahlung vom 12. November 2008
  9. heise online: Die Hexer von Mol vom 10. September 2012
  10. heise.de: Transmutation soll Atommüll entschärfen vom 30. April 2012
  11. Berliner Morgenpost: Atommüll wird in 20 Jahren nicht mehr strahlen vom 14. September 2010
  12. BundesPressePortal: Endlagerung von Atommüll / SÜRMANN: Transmutationstechnik schnellstmöglich auf den Weg helfen, statt wegschauen vom 24. September 2012
  13. stern.de: Experten-Interview: Wohin mit dem Atommüll? vom 22. August 2008
  14. Bundesamt für Strahlenschutz: Ohne Endlager geht es nicht vom 1. Dezember 2010 (via WayBack)
  15. Süddeutsche.de: Radioaktiver Abfall - Nukleare Müllverbrennung vom 8. Februar 2011
  16. IPPNW: Dokumentation des Live-Tickers zur "Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung" vom 28. April 2014
  17. taz.de: Transmutation von Atommüll - Der Traum vom Stein der Weisen vom 31. Juli 2011
  18. www.gruene-bundestag.de: Wie kann hochradioaktiver Atommüll verantwortbar endgelagert werden? – Positionspapier zur Rückholbarkeit – vom 25. Oktober 2011
  19. Deutscher Bundestag: Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe - Protokoll der 2. Sitzung vom 30. Juni 2014

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