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Tschechien

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Atomenergie in Europa > Tschechien

Zwei Standorte mit sechs kommerziellen Reaktoren

Prague bridges.jpg

Prag (Tschechien)

In der ehemaligen Tschechoslowakei sah die Energiepolitik seit den 1950er Jahren Nutzung und Ausbau der Atomkraft vor. Ein erster gasgekühlter Reaktor, der 1972 in Jaslovské Bohunice (heutige Slowakei) in Betrieb genommen worden war, scheiterte 1976 wegen zweier schwerer Unfälle. In der Folge wurden sowjetische Leichtwasser-Reaktortypen übernommen, und die tschechische Industrie wurde in Osteuropa als Zulieferer in die Produktion der meisten Reaktorkomponenten eingebunden.[1]

Im heutigen Tschechien liefern sechs Reaktoren Strom: zwei in Temelín bei Budweis und vier in  Dukovany bei Brünn.[2]

Temelin
Dukovany

Equirectangular projection SW.jpg AKW-Standorte

Tschechien besitzt außerdem drei Forschungsreaktoren, von denen der älteste mit der Bezeichnung LVR-15 REZ im Jahre 1957 in Betrieb ging (Stand: 4. April 2014).[3]

1993 wurde Tschechien Mitglied der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO).[4]

2011-2013: Ausbau der Atomkraft geplant

Kurz nach der Fukushima-Katastrophe 2011 wurde bestätigt, dass Temelín ausgebaut werden soll, was aufgrund der Grenznähe großes Unbehagen in den Nachbarländern Österreich und Deutschland auslöste. In der tschechischen Bevölkerung stieß die Nutzung der Atomenergie auch nach Fukushima auf breite Zustimmung.[5]

Tschechien plante darüber hinaus zwei neue Atomkraftwerke an den Standorten Blahutovice in Nordmähren und Tetov in Ostböhmen,[6] es sind aber keine Quellen aus den letzten Jahren verfügbar, die auf eine Konkretisierung dieser Pläne hindeuten. Im Mai 2016 hieß es, dass das AKW Tetov derzeit nicht auf der Agenda sei.[7]

Im Februar 2012 kündigte der damalige Energie- und Handelsminister Kuba zwei neue Reaktoren in Temelín und einen neuen in Dukovany an, um den Anteil des Atomstroms von 30 auf 50 % zu steigern.[8]

Im Juli 2013 unterzeichnete Tschechien zusammen mit Polen, der Slowakei und Ungarn in Budapest eine Kooperationsvereinbarung zur Förderung von Reaktoren der geplanten Generation IV. Die vier Staaten planen die Eröffnung eines nuklearen Kompetenzzentrums namens V4G4.[9]

Im November 2013 wurde ein neues Energiekonzept vorgestellt, in dem eine Erhöhung des Anteils der Atomkraft an der Stromerzeugung auf 52 % geplant wurde. Neben dem Ausbau von Temelín waren auch eine Laufzeitverlängerung von Dukovany auf 60 Jahre und der Bau eines fünften Reaktors vorgesehen. Erneuerbare Energien und Gas sollten ebenfalls gefördert, der Anteil der Kohle von 60 % auf 16 % reduziert werden.[10] Der Grüne Martin Bursik kritisierte schon zuvor, als das Energiekonzept angekündigt wurde: "Das Konzept ist ideologisch nach politischen Überlegungen entworfen worden und leider überhaupt nicht nach rationalen."[11]

Differenzen mit Deutschland und Österreich

Aufgrund der unterschiedlichen Energiekonzepte ist das Verhältnis zu Deutschland und Österreich belastet. Bundeskanzlerin Merkel erklärte jedoch – als Gegenleistung für die Zusicherung Tschechiens, den europäischen Fiskalpakt einzuhalten – im April 2012, die tschechischen Atompläne respektieren zu wollen.[12]

Der ehemalige tschechische Außenminister Schwarzenberg bezeichnete die Kritik österreichischer und deutscher Bürger und Politiker im Juni 2012 als "maßlos" und bestand auf die "Entscheidungshoheit" Tschechiens. Der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Klaus drohte den Nachbarländern mit folgenden Worten: "Es wäre falsch zu glauben, dass Druck von außen bei uns etwas ändern würde! Das bewirkt das genaue Gegenteil!"[13]

2013-2014: Ungeklärte Finanzierung und mangelnde Rentabilität

Kernkraftwerk Temelín 2011-15.jpg

AKW Temelin (Tschechien)

Tschechien steht allerdings vor dem Problem, dass sich in Europa keine privaten Investoren mehr für einen Neubau von Atomkraftwerken finden, und hat zusammen mit den anderen Atomstaaten Großbritannien, Frankreich und Polen eine Subventionierung der Atomenergie als emissionsarme Energie von der Europäischen Kommission gefordert, eine Initiative, die keine Aussicht auf Erfolg hat.[14]

Die ehemalige tschechische Regierung begründete den Ausbau von Temelín 2012 mit Chancen auf Export von Atomstrom in ausstiegswillige Länder und mehr Unabhängigkeit von russischem Erdgas und Erdöl. Ein fragwürdiges Argument, denn alle tschechischen Reaktoren sind russischer Bauart, und auch der Brennstoff stammt aus Russland. Geschätzte Kosten von 8 bis 10 Mrd. Euro könnten der Regierung einen Strich durch die Rechnung machen.[15]

Die mangelnde Rentabilität von Atomenergie scheint allmählich erkannt zu werden. Der tschechische Ministerpräsident Jiri Rusnok kündigte im Juli 2013 eine Verschiebung der Entscheidung zum Ausbau von Temelín an. Aufgrund der sinkenden Strompreise sind Zweifel aufgetaucht, ob sich ein Ausbau von Temelín lohnt. Zugleich forderte der tschechische AKW-Betreiber CEZ eine staatliche Subventionierung von Atomenergie, "eine Art Öko-Umlage".[16]

Auch der Energiekonzern CEZ verschob nach einer Meldung vom 15. August 2013 eine Entscheidung über den Ausbau von Temelín um zwei Jahre. "Als ausschlaggebende Gründe wurden Zweifel am starken Wachstum des Stromverbrauches sowie an der Wirtschaftlichkeit des Vorhabens genannt."[17]

Nach Bildung der neuen Koalitionsregierung ließ auch der Industrie- und Handelsminister Jan Mladek 2014 verlauten, dass der Ausbau verschoben werde. Temelín solle nur ausgebaut werden, wenn dies ökonomisch vorteilhaft für Tschechien sei.[18] Im Februar 2014 lehnte es die neue Regierung ab, Preisgarantien für Atomstrom zu geben.[19]

Am 10. April 2014 sagte die ČEZ den Ausbau der neuen Reaktoren in Temelín vorerst ab und beendete die Ausschreibung. "Für den Stopp machte ČEZ-Chef Daniel Benes offiziell die "turbulente Entwicklung" auf dem europäischen Energiemarkt verantwortlich. Wegen des niedrigen Strompreises an den Energiebörsen rechne sich die Investition nicht."[20]

2015: Neuer Anlauf zum Ausbau der Atomkraft

Im Mai 2015 stellt die Mitte-Links-Regierung ein neues Energiekonzept vor, das sich an Vorlagen aus dem Jahr 2012 orientiert (vgl. weiter oben). Danach sollen die Atomkraft bis 2040 auf einen Anteil 50 % erhöht, die fossilen Energieträger hingegen reduziert werden. Ein Ausbau von Temelín und Dukovany wird empfohlen. Erneuerbare Energien sollen den zweithöchsten Anteil an der Stromerzeugung erhalten.[21]

Endlagersuche umstritten

Tschechien prüft derzeit acht Standorte für ein Atommüllendlager. Bis 2025 sind ein Machbarkeitsnachweis, ab 2050 der Baubeginn und ab 2065 die Inbetriebnahme geplant. In Tschechien fallen derzeit 100 Tonnen abgebrannte Brennelemente und 5,5 Kubikmeter hochradioaktiver Abfall an, die bei den AKW Temelín und Dukovany zwischengelagert werden.[22]

Gegen die geplanten Standorte für Endlager regt sich Widerstand in den betroffenen Gemeinden, weswegen die tschechische Regierung beschlossen hat, die Endlagersuche ohne Zustimmung der Gemeinden durchzuführen. "Pavel Gebauer vom Industrieministerium: "Das sind ganz normale geologische Untersuchungen - als ob wir irgendwelche Bodenschätze suchen. Der Staat braucht dafür nicht die Zustimmung der Bürger. Wenn wir jetzt schon mit den Gemeinden diskutieren, droht die völlige Blockade bei der Suche nach einem Atommüll-Endlager.""[23]

Am 23. Oktober 2012 wurde bekannt, dass Tschechien plant, nördlich des Weinviertels am Berg Kravi Hora ein Endlager für Atommüll aus den AKW Temelín und Dukovany einzurichten.[24]

Ein weiterer möglicher Standort für ein Endlager in Boletice, nur 18 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt, wurde aufgrund großen Widerstands aus Oberösterreich und Tschechien aufgegeben.[25] Das technische Industrieministerium bezeichnete den Standort als "geologisch ungeeignet".[22] Damit werden noch sieben Standorte in den Kreisen Vysočina, Plzeň und Südmähren diskutiert, die zum Teil Einspruch einlegen möchten. Die Forschungsarbeiten für ein Endlager werden ausgeschrieben.[26]

→ AtomkraftwerkePlag: Atommüll und Endlagerung in Europa: Tschechien

(Letzte Änderung: 27.05.2017)

Einzelnachweise

  1. IAEO: Country Nuclear Power Profiles/Czech Republic abgerufen am 14. Februar 2015
  2. IAEA: PRIS - CountryStatistics abgerufen am 30. November 2014
  3. IAEO: Research Reactors/Countries: Czech Republic abgerufen am 4. April 2014
  4. IAEO: Member States abgerufen am 11. März 2016
  5. Süddeutsche.de Alles auf Temelin vom 7. April 2011
  6. standard.de: Atomoffensive heizt Widerstand an vom 20. September 2011
  7. gocanada.cz: Bi-monthly news vom 17. Mai 2016 (via WayBack)
  8. derStandard.at: Neuer Block im AKW Dukovany in Aussicht vom 13. Februar 2012
  9. Budapester Zeitung: Kooperation statt Energiewende vom 27. Juli 2013
  10. solidbau.at: Tschechien will Atomstrom-Anteil deutlich erhöhen vom 12. November 2013
  11. Radio Prag: Mehr Atom, weniger Abhängigkeit: Neues tschechisches Energiekonzept vorgestellt vom 1. August 2012
  12. stock-world.de: Merkel: Deutschland respektiert tschechische Atompläne vom 3. April 2012
  13. oekonews.at: Tschechiens Außenminister droht bayerischen Politikern vom 11. Juni 2012
  14. Süddeutsche.de: Konkurrenz zu erneuerbaren Energien - EU-Staaten fordern Subventionen für Atomkraft vom 13. April 2012
  15. Neue Zürcher Zeitung: Temelin-Erweiterung am Start vom 3. Juli 2012
  16. Industriemagazin: Prag schiebt Ausbau des AKW Temelin auf Eis - wegen Strompreisen vom 23. Juli 2013
  17. oekonews.at: CEZ verschiebt Entscheidung über Temelin-Ausbau um weitere 2 Jahre vom 15. August 2013
  18. solidbau.at: AKW Temelin - Prag will Ausbau verschieben vom 8. Januar 2014
  19. Radio Prag: Tschechische Regierung lehnt Preisgarantie für Atomstrom aus Temelín ab vom 7. Februar 2014
  20. Süddeutsche.de: Aus für neue Reaktoren in Temelín vom 10. April 2014
  21. Focus Online: Neues Energiekonzept in Tschechien - mehr Atomkraft und weniger Kohle von 18. Mai 2015
  22. 22,0 22,1 kurier.at: Vorläufiges Aus für grenznahes Endlager vom 7. Februar 2014
  23. Deutschlandradio: Empörung über Endlagersuche in Tschechien vom 28. Mai 2013
  24. NÖN: Atommüll-Plan schockt Region vom 23. Oktober 2012
  25. regionews.at: Geplantes Atommüll-Endlager in Boletice abgelehnt vom 7. Februar 2014
  26. Radio Prag: Erforschung von Lagerstätten für Atommüll-Endlager ausgeschrieben vom 20. Mai 2014

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