FANDOM


Wiederaufarbeitung und Transmutation > Wiederaufarbeitung

Mythos Brennstoffkreislauf

Aerial view Sellafield, Cumbria - geograph.org.uk - 50827

Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield (Großbritannien)

Das grundlegende Problem bei der Atomspaltung ist, dass abgebrannte Brennelemente übrigbleiben, in denen radioaktive Substanzen mit zum Teil extrem langer Verfallszeit übrig bleiben: Uran, Transurane wie Plutonium und Spaltprodukte. Verbrauchte Brennelemente können entweder zwischen- und danach endgelagert ("offener Brennstoffkreislauf") oder wiederaufgearbeitet werden ("geschlossener Brennstoffkreislauf").[1]

Mit Hilfe der Wiederaufarbeitung, so wird in einer Schrift der wichtigsten deutschen Lobbyorganisation Deutsches Atomforums (DAtF) behauptet, könne der Inhalt abgebrannter Brennelemente fast vollständig wiederverwendet werden. Es müsste nur ein Anteil von 3 bis 5 % endgelagert werden.[1]

Wie kommt man auf diese Zahlen? Vor ihrem Einsatz in Leichtwasserreaktoren enthalten Brennelemente angereichertes Uran, das aus 96,7 % Uran-238 und 3,3 % Uran-235 besteht. Nach ihrem drei bis fünf Jahre langen Einsatz setzt sich der Brennstoff in den Brennelementen wie folgt zusammen: 93,3 % Uran-238, 1,03 % Plutonium, 0,48 % Uran-235 sowie Uran-236, Spaltprodukte und weitere Transurane.[1]

Bei der Wiederaufarbeitung lässt sich das Inventar abgebrannter Brennelemente in einem aufwändigen chemischen Verfahren (PUREX) voneinander separieren. Abgetrenntes Uran und Plutonium können danach erneut verwendet werden.[1] Soweit die Theorie ...

Wiederaufarbeitung ist kein Recycling

Schema radioaktiver Abfaelle

Wiederaufarbeitung ist ein Begriff, der an Recycling erinnert. In diesem Fall führt der Vergleich jedoch in die Irre.

Laut Greenpeace ist schon das chemische Verfahren PUREX, mit dem das radioaktive Inventar abgebrannter Brennelemente abgeteilt wird, nicht nur aufwändig, sondern auch hochgradig umweltschädlich. Außerdem wird in der Realität nur abgetrenntes Plutonium in MOX-Brennelemente eingesetzt und wiederverwendet. Wiederaufgearbeitetes Uran (WAU) hingegen gilt als unrein, und sein Einsatz ist mit höheren Kosten verbunden. Es landet größtenteils bei den Wiederaufarbeitungsanlagen auf Halde und ist insofern als Abfall anzusehen. "Teile des Atommülls gelangen über die Abluft bzw. die Abwässer der Atommüllfabriken in die Umwelt. Der Rest des radioaktiven Mülls muss zwischengelagert werden, bis ein Endlager zur Verfügung steht. (...) In der Summe wird das Volumen der Abfälle nicht reduziert, sondern vergrößert."[2]

Darüber hinaus ist die Wiederaufarbeitung unrentabel: Uran und Urananreicherung sind auf dem Weltmarkt so günstig zu haben, dass es ökonomischer ist, Brennstäbe mit neuem Brennstoff zu bestücken.[3]

In Deutschland wurde der Brennstoffkreislauf, dem in einer Novelle des Atomgesetzes 1976 unter dem Begriff "schadlose Verwertung" noch Vorrang vor anderen Entsorgungswegen eingeräumt wurde, mit der Novelle 1994 aufgegeben. Die Proteste in Wackersdorf hatten gezeigt, dass eine Wiederaufbereitung in Deutschland nicht durchzusetzen war. Diese hatte sich, wie das Bundesamtes für Strahlenschutz in einer Publikation 2008 urteilte, als Fiktion erwiesen.[4]

Derzeit wird die kommerzielle Wiederaufarbeitung laut der World Nuclear Association (WNA) in Frankreich (La Hague), Großbritannien (Sellafield), Russland (Majak), Japan (Tokaimura, Rokkasho) und Indien betrieben.[5]

Wiederaufarbeitungsanlagen: Fehlschläge und Umweltschäden

Mit Wiederaufarbeitungsanlagen machte man von Anfang an schlechte Erfahrungen: Die WAA West Valley (USA), von 1966 bis 1972 in Betrieb, erwirtschaftete nicht einmal die Investitionskosten und gab mehr Radioaktivität frei als alle amerikanischen Atomkraftwerke. Eine zweite Anlage, von General Electric erbaut, konnte aufgrund technischer Probleme nicht in Betrieb gehen.[6][7]

In Deutschland war die Wiederaufarbeitung ein einziges Fiasko. Die erste deutsche Anlage dieser Art war die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK), die als Prototyp konzipiert war und von 1971 bis 1990 betrieben wurde. Die WAK erzeugte nur geringe Mengen Plutonium, dafür aber riesige Mengen zusätzlichen Atommülls und verursacht nun Milliardenkosten beim Rückbau. Die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf (WAW) wurde aus politischen und ökonomischen Gründen nie in Betrieb genommen.

Atommüll Frankreich Ein Spaziergang durch La Hague Weltspiegel ARD - 09.01

Atommüll Frankreich Ein Spaziergang durch La Hague Weltspiegel ARD - 09.01.2011 - Podcast

ARD: Weltspiegel vom 9. Januar 2011

In den Anlagen Sellafield (Großbritannien) und La Hague (Frankreich) wird auch deutscher Atommüll wiederaufgearbeitet. Nach Angaben der Bundesregierung wurden bis Ende 2010 insgesamt 851 Tonnen Schwermetall mit ca. 8,5 Tonnen Plutonium nach Großbritannien verbracht, weitere 5.393 Tonnen aus Leistungsreaktoren mit ca. 53,9 Tonnen Plutonium nach Frankreich.[8]

Wiederaufbereitete Brennstäbe wurden und werden anschließend in hochgefährlichen Transporten in deutsche Atomkraftwerke zur neuerlichen Kernspaltung zurückgebracht. Der Prozess wird schon deshalb weiterlaufen, weil kein Endlager zur Verfügung steht und man auf hohen Plutoniumbeständen sitzt, deren Entsorgung ungeklärt ist.[9]

Mit katastrophalen Folgen für die Umwelt: Seit Jahrzehnten werden von Sellafield und La Hague radioaktive Abwässer in den Ärmelkanal und in die Irische See gepumpt, weswegen insbesondere die umliegenden Meeresböden durch Plutonium verseucht sind. → Atommüll im Atlantik

Die Umgebung von Sellafield ist zur radioaktiv verstrahlten Müllkippe verkommen. Da es kaum noch Nachfrage nach Plutonium gibt, soll die Anlage 2018 geschlossen werden. → Sellafield: Größtes Plutoniumlager der Welt

Der von Deutschland zur Wiederaufarbeitung nach Großbritannien und Frankreich gelieferte Atommüll muss wieder zurückgenommen werden. "Nach bisherigen Absprachen sollen 21 Behälter aus Sellafield im Jahr 2015 nach Deutschland gebracht werden. Fünf Behälter sollen im selben Jahr aus La Hague kommen. Rund 150 weitere Behälter sollen vom Jahr 2024 an nach Gorleben transportiert werden. Nur für das dortige Zwischenlager gibt es eine Genehmigung zur Lagerung dieses Atomabfalls."[10]

In der Atomanlage Tokaimura in Japan ereignete sich 1999 ein ernster Unfall der Stufe 4 mit vier Toten und Hunderten verstrahlter Personen.

Gefährlicher Irrweg

Spätestens seit der Fukushima-Katastrophe mit der Kernschmelze von MOX-Brennelementen hat sich die Verwendung von Brennelementen als gefährlicher Irrweg herausgestellt. "Im August 2011 gab Großbritannien die Schließung der Sellafield-Mox-Fabrik bekannt, weil die Anlage von technischen Dauerproblemen geplagt war und mit Japan obendrein ihren letzten großen Auslandskunden verloren hatte." Sellafield sitzt nun auf dem größten Plutoniumlager der Welt mit 112 Tonnen, für das es keine Verwendung mehr gibt, dessen Entsorgung vollkommen ungeklärt ist und das – Stichwort Terrorismus – ein großes Sicherheitsrisiko darstellt. Während der Westen aus der Wiederaufarbeitung aussteigt, möchten China, Indien und Russland weiterhin daran festhalten.[9]

→ Greenpeace: Wiederaufarbeitung – Eine Risiko-Technologie mit Langzeitfolgen
→ Spektrum.de: Die fünf wichtigsten Fragen zur Wiederaufarbeitung vom 12. Februar 2015

(Letzte Änderung: 20.01.2018)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 kernenergie.de: Kernenergie Basiswissen (Ziffer 8.3, S. 70f.) vom November 2013
  2. greenpeace.de: Wiederaufarbeitung: Die wichtigsten Fakten abgerufen am 20. Januar 2018
  3. spektrum.de: Die fünf wichtigsten Fragen zur Wiederaufarbeitung vom 12. Februar 2015
  4. BfS: Dezentrale Zwischenlager von 2008 (via WayBack)
  5. WNA: Processing of Used Nuclear Fuel abgerufen am 31. Oktober 2014
  6. Joachim Radkau & Lothar Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft. oekom, München 2013. S. 148, 200ff.
  7. DER SPIEGEL 20/1977: Was soll man mit dem Zeug tun? Das Schicksal der Atom-Fabrik West Valley vom 9. Mai 1977
  8. Deutscher Bundestag: Stand der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente im Ausland und des deutschen Plutonium-Inventares (Drucksache 17/8527) vom 31. Januar 2012
  9. 9,0 9,1 Zeit Online: Atomindustrie - Das Weltgifterbe vom 28. Januar 2013
  10. Südwest Presse: 28 000 Kubikmeter Schwermetall vom 26. März 2013