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Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK)

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Atomfabriken in Deutschland > Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK)

In Betrieb: 1971 bis 1990 • Beginn des Rückbaus: 1996 • Ende des Rückbaus: 2023?


Pilotanlage für Wackersdorf

Karlsruhe WAK Castor SWR BW 15.2.2011.avi05:12

Karlsruhe WAK Castor SWR BW 15.2.2011.avi

SWR: Castor-Transport der "Atomsuppe" von Karlsruhe nach Lubmin vom 15. Februar 2011

Die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) ist neben der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAW) und dem Schnellen Brüter in Kalkar ein weiteres Beispiel für eine Milliarden schwere Investitionsruine, die Deutschland aufgrund der fehlgeschlagenen Utopie eines Brennstoffkreislaufs entstanden ist. Das Resultat: zusätzliches Plutonium, das niemand benötigt, und Milliardenkosten bei Rückbau und Entsorgung, die größtenteils der Steuerzahler zu tragen hat.

Die bereits in den 1960er Jahren erbaute Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) ging am 7. September 1971 in Betrieb und wurde Ende 1990 stillgelegt.[1] Sie wurde als Pilotanlage für die Wiederaufarbeitung von bestrahlten Brennstoffen und die geplante, aber nie in Betrieb gegangene Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf genutzt. Aufgearbeitet wurde abgebrannter Kernbrennstoff aus den Forschungsreaktoren FR2 und MZFR des damaligen Forschungszentrums Karlsruhe, dem deutschen Versuchs-Atomschiff Otto Hahn sowie aus den Atomkraftwerken Obrigheim, Stade und Neckarwestheim I.[2]

Plutonium-/Uranextraktion mit 1001 meldepflichtigen Ereignissen

Die Wiederaufarbeitung wurde nach dem sogenannten PUREx-Verfahren (Plutonium-Uranium Recovery by Extraction) durchgeführt. Die abgebrannten Brennelemente wurden unter Wasser mechanisch zerlegt, deren Inhalt in siedender Salpetersäure extrahiert, Uran und Plutonium abgetrennt und zur Wiederverwertung abgegeben. Es blieb eine hochradioaktive Abfalllösung übrig, die zunächst auf dem Gelände der WAK zwischengelagert wurde.[3] Von 1971 bis 1990 wurden 200 Tonnen Atommüll aufgearbeitet und über eine Tonne Plutonium abgetrennt.[4]

Während der fast 20jährigen Betriebszeit der WAK wurden 1020 meldepflichtige Ereignisse gezählt, womit die Anlage in der Statistik des Bundesamtes für Strahlenschutz einsamer Spitzenreiter ist.[1] In den 1970er Jahren kam es immer wieder zu Zwischenfällen: Atomare Substanzen landeten im Hausmüll, flüssiger Atommüll wurde monatelang aus Lecks ins Erdreich freigesetzt. Alleine 16 mal musste 1974 Mitarbeiter Brände in der Anlage löschen, mindestens einmal zog dabei auch eine strahlende Rauchwolke über das Gelände." 1975 löste sich ein Klebeband (!) am Deckel des Abschirmbehälters bei einem Plutoniumtransport, weswegen kontaminiertes Wasser auslaufen konnte. Die Politik verkündete der Bevölkerung, sie solle sich keine Sorgen machen.[5]

Im Mai 1980 wurde die Anlage für zwei Jahre wegen einer Störung stillgelegt: Messungen zur Umweltbelastung hatten Mängel aufgezeigt.[6] 1991 wurde festgestellt, dass drei Brennstäbe mit 4,2 Kilogramm Uran verschwunden waren und anscheinend gestohlen wurden.[7] 2001 stahl ein Mitarbeiter der WAK plutoniumhaltiges Material; dabei wurden erhebliche Sicherheitsmängel festgestellt.[8]

Die Sicherheitsmaßnahmen in Bezug auf radioaktive Substanzen waren mangelhaft: Die Anlage besaß über lange Jahre keine Filteranlage für radioaktives Jod.[9] Außerdem wurde das radioaktive Krypton-85 "direkt und ungefiltert zum Abluftkamin geleitet" und Tritium "an die Luft und das Wasser in der Umgebung der WAK abgegeben".[10]

Wohin mit der Atomsuppe?

Der Betrieb wurde eingestellt, nachdem Ende 1990 der Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf gestoppt worden war. Mit dem Rückbau wurde 1996 begonnen, wobei zunächst das Prozessgebäude abgerissen wurde. Für die hochradioaktive Abfalllösung, die bei der Wiederaufarbeitung übrigblieb, musste eigens die Verglasungseinrichtung Karlsruhe (VEK) gebaut werden.[3] Die Anlage wurde ab 1996 errichtet, die Kosten von 400 Mio. Euro teilten sich Bund und Länder.[11]

Der Entsorgung der Abfalllösung, umgangssprachlich "Atomsuppe" genannt, war ein Vorspiel vorausgegangen. 1988 wollten die Atomkonzerne einfach eine Abfüllstation installieren und die Lösung in Behältern ins nordbelgische Mol abtransportieren. Die Kosten stiegen jedoch in die Höhe, die Genehmigungsbehörden erhöhten ihre Auflagen, und die Bürger in Mol protestierten. Deswegen entschloss man sich, die Atomsuppe zu verglasen.[12] Dazu wurden ein Bor-Silikat-Glas in einem Ofen auf 1.150 Grad erhitzt, flüssiger und fester Atommüll zugeführt und die Schmelze in Stahlbehälter abgefüllt.[13] Die Verglasungsanlage wurde im September 2009 in Betrieb genommen.[14]

Die "Atomsuppe" hatte 16,5 Kilogramm Plutonium, 500 Kilogramm Uran und große Mengen Cäsium und Strontium enthalten. Der verglaste Abfall war allerdings nur ein Teil der strahlenden Hinterlassenschaften der WAK. Der andere Teil wurde in die Asse gekippt: 60.000 Fässer, die Hälfte aller Behälter, die dort gelagert und geborgen werden müssen.[15]

Nach Abschluss der Verglasung 2010 wurde im Februar 2011 der verglaste Atommüll in fünf Castoren mit 140 Edelstahlbehältern ins Zwischenlager Nord bei Lubmin transportiert. Atomkraftgegner protestierten gegen den Transport, weil sie befürchteten, dass das Zwischenlager zu einem Endlager werden könnte.[16]

Horrende Rückbaukosten

Der Rückbau der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe wird durch die EWN-Tochter Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe GmbH (KTE) durchgeführt, die bis 2009 WAK Rückbau- und Entsorgungs-GmbH (WAK GmbH) genannt wurde.[17][18]

Die Kosten für die Beseitigung der WAK haben sich seit 1996 immer weiter erhöht. 2008 schloss das Kernforschungszentrum Karlsruhe nicht aus, dass dies auch mit Bestechungsvorwürfen gegen zwei Mitarbeiter des Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) zusammenhängen könnte.[19] 2011 wurden die Rückbaukosten auf 2,68 Mrd. Euro geschätzt, dürften sich aber aufgrund des fehlenden Endlagers noch einmal um 500 Mio. Euro erhöhen. Die Atomindustrie trägt davon nur 832 Mio. Euro, den Rest der Steuerzahler.[5]

Im Februar 2012 wies das baden-württembergische Umweltministerium Berichte zurück, nach denen auf dem Gelände der WAK ein neues Zwischenlager errichtet werden soll, in dem rückgebauter Atommüll von stillgelegten AKW gelagert werden soll. Da beim Abbau der WAK mehr Abfälle entstehen würden als zuvor geschätzt, führe die WAK GmbH lediglich eine neue Erhebung über die Menge durch.[20]

Im Juli 2013 wurde berichtet, dass der Rückbau zur "grünen Wiese", der eigentlich 2023 beendet werden sollte, aus Kostengründen länger dauern könnte als erwartet.[21]

Weitere Quellen

→ Südwest Presse: Karlsruhe - Plutoniumsuppe auf Reisen vom 14. Februar 2011
→ Badische Zeitung: "Atomsuppe" in Karlsruhe darf verglast werden vom 27. August 2009
→ Focus Online: Atommüll - 60 000 Liter Atomsuppe in stillgelegter WAK vom 9. Juli 2009
→ Berliner Kurier: Der Plutonium-Krimi von Karlsruhe vom 17. Juli 2001

Antworten der Bundesregierung auf Kleine Anfragen aus dem Bundestag

Atommüll – Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe und Zwischenlager Nord vom 7. Februar 2011
Rückbau der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe – Abfälle, Sicherheit und Kosten vom 23. Oktober 2009
Rolle der WAK bei der Herkunft des radioaktiven Inventars im Atommülllager Asse II vom 14. Mai 2009
Verglasungseinrichtung Karlsruhe und Rückbau der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe vom 13. Mai 2009

Fernsehbeiträge

Castor-Transport nach Lubmin Marktplatz Karlsruhe 12.2.2011 ZDF heute02:00

Castor-Transport nach Lubmin Marktplatz Karlsruhe 12.2.2011 ZDF heute

ZDF heute: Castor-Transport nach Lubmin vom 12. Februar 2011



(Letzte Änderung: 11.02.2017)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 BfS: Anlagen zur Kernbrennstoffver- und -entsorgung in Deutschland: Meldepflichtige Ereignisse seit Inbetriebnahme abgerufen am 29. Oktober 2015
  2. um.baden-wuerttemberg.de: Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) abgerufen am 9. Juli 2013
  3. 3,0 3,1 EWN: Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK-Anlage) abgerufen am 9. Juli 2013 (via WayBack)
  4. kernenergie.de: Lexikon zur Kernenergie abgerufen am 9. Juli 2013
  5. 5,0 5,1 Spiegel Online: Castortransport nach Lubmin: Karlsruher Atomsuppe sorgt für Milliarden-Fiasko vom 25. Februar 2011
  6. DER SPIEGEL 5/1985: Erst Soße, dann entrahmte Milch vom 28. Januar 1985
  7. DER SPIEGEL 37/1991: Zum Schnuppern vom 9. September 1991
  8. Spiegel Online: Plutonium-Affäre: Umweltminister räumt Sicherheitsmängel ein vom vom 17. Juli 2001
  9. Deutscher Bundestag: Übertragbarkeit der Ergebnisse der aktuellen Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken auf kerntechnischen Anlagen in Karlsruhe, insbesondere die Wiederaufarbeitungsanlage (Drucksache 16/8090) vom 14. Februar 2008
  10. dip21.bundestag.de: Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) Drucksache 11/8188 vom 24. Oktober 1990, S. 30ff
  11. Focus Online: VERGLASUNGSANLAGE - Atommüll bleibt in Karlsruhe vom 9. September 1996
  12. DER SPIEGEL 32/1995: Atom in der Albtalbahn? vom 7. August 1995
  13. GNS: Verglasungseinrichtung, Karlsruhe abgerufen am 9. Juli 2013
  14. ka-news.de: Verglasungsanlage wird in Betrieb genommen vom 16. September 2009
  15. Spiegel Online: Radioaktiver Müll: Atomsuppe wird zu Kugeln verglast vom 9. Juli 2009
  16. n-tv.de: "Atomsuppe" unterwegs nach Lubmin - Woher? Wohin? Wer zahlt? vom 16. Februar 2011
  17. EWN: Unternehmen abgerufen am 10. Februar 2016
  18. WAK: Firmenporträt abgerufen am 11. Februar 2017 (via WayBack)
  19. heise.de: Korruptionsverdacht im Karlsruher Forschungszentrum vom 22. Februar 2008
  20. NadR: Klarstellung zur Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) vom 3. Februar 2012
  21. Welt Online: WAK - Zeitplan für atomaren Rückbau wackelt vom 3. Juli 2013

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